„Das Petrograder Bureau des Zentralkomitees der Partei der Sozialrevolutionäre erklärt, daß keine Organisation der Partei zu der Ermordung des Kommissars für Pressewesen, Wolodarski, in irgend welcher Beziehung steht.“

Niemand hatte sie beschuldigt, niemand mit Fingern nach ihnen gezeigt, weshalb regen sie sich, weshalb wehren sie ab? Wundern sie sich, wenn zwei Tage später Sinowjew in einer Sitzung des Petrograder Sowjets ausruft: „Wir wissen nicht, wer der Mörder ist, doch es wäre wünschenswert, wenn von den Sozialrevolutionären am Begräbnis des Genossen Wolodarski niemand teilnehmen würde.“

Wundern sie sich? Sie schweigen.

Einige Wochen später fällt der alte Genosse Uritzki einem Attentat zum Opfer; als Täter kommt ein „Volkssozialist“ in Betracht. Indessen sind die Tschechoslowaken schon auf halbem Wege nach Nishni-Nowgorod, immer enger wird der furchtbare Ring, in Jaroslaw bricht ein grauenhafter Bürgerkrieg aus, die ganze Stadt ist nach fünf Tagen ein Trümmerhaufen, die Ermordung Mirbachs und Eichhorns versteift die Beziehungen zu Deutschland, man gelangt durch Zufall in den Besitz von Papieren, die unwiderleglich von einer engen Verbindung zwischen bürgerlichen Verbänden und der französischen Militärkommission zeugen, der französische Botschafter Noulens hatte in Wologda sein Archiv verloren – – dann versuchen die linken S.R. in Moskau zu putschen – die Herrlichkeit dauert einen knappen Tag – der Wirrwarr wird größer – die „Rote Garde“ ist schlecht bewaffnet, in Lumpen gekleidet, der Hunger quält in den Augen – an allen Fronten entbrennt der Kampf – innerhalb des Kreises züngeln die Flammen – und mitten in dieser verzweifelten Situation schießt eine kleine Jüdin einen Revolver ab – eines Abends in den ersten Septembertagen – die Schüsse treffen Wladimir Iljitsch Lenin. Das ganze Land ist erschüttert. Ein Stöhnen entringt sich der russischen Arbeiterschaft: Lenin schwer verwundet.

Diesmal kennt man kein Zögern mehr. Jetzt erst geht man zur Gegenwehr über. Noch in dieser Nacht verhaftet man 500 Offiziere, erschießt sie am frühen Morgen. Und die nächsten Septembertage erleben im ganzen Land, soweit die Macht der Bolschewiken reicht, Hausuntersuchungen, Verhaftungen, Verhöre – in den ersten Morgenstunden hört man immer Salven knattern – und einige Tage später zieht Trotzki in Kasan ein, treiben Budjenis „Rote Reiter“ die Tschechoslowaken und Kosaken vor sich her, langsam fällt die Weiße Flut, langsam drängt man Entente- und Zarengenerale über die Wolga und an die Gestade des Eismeeres zurück – wenige Wochen später bricht die kaiserliche deutsche Armee zusammen, die roten Fahnen wehen in Riga und Kiew. Langsam sieht Lenin seiner Genesung entgegen.

Und wer hatte auf ihn geschossen? Wer hatte in ihm das Land getroffen?

Fanny Kaplan – Mitglied der Sozialrevolutionären Partei.

Im Laufe der nächsten Jahre verdichten sich Anklagen und Beweise wider diese Partei; allmählich gelingt es, zahlreiche Führer zu verhaften, Gerüchte zu bestätigen, da erscheint im Herbst 1921 in Berlin eine russische Broschüre eines G. Ssemjonow, Die Partei der Sozial-Revolutionäre in den Jahren 1917-1918. (Ihre Kampftätigkeit und militärischen Aktionen.) Die Broschüre erregt in der gesamten Emigrantenpresse ein ungeheures Aufsehen; Auszüge erscheinen in deutschen Zeitungen, zwischen Emigrantenorganen entspinnen sich Pressefehden, Presseprozesse. In derselben Zeit wird bekannt, daß ein Prozeß gegen 34 Mitglieder der S.R. in Moskau stattfinden wird. Und was enthält jene staubaufwirbelnde Broschüre?

Ich Ssemjonow – ehemaliges Mitglied der S.R., Führer der Kampforganisation – habe Attentate, Sprengungen und Expropriationen vollführt – ich habe mit meinen Leuten das Postamt in der Kammerherrengasse am hellichten Tage ausgeplündert, ich bin mit Gefährten in die Datsche eines Kaufmannes eingebrochen, der vor Schreck tot zusammenbrach, als er uns sah, ich habe das Attentat auf Wolodarski inszeniert, ich habe Attentate auf Lenin und Trotzki vorbereitet, ich weiß von der Verbindung unserer Partei mit der Entente, Deutschland und bürgerlichen Organisationen. Existierten bloße Verbindungen? Von dort erhielten wir Gelder, Aufträge, Material, im Einverständnis mit der Entente, in ihrem Auftrag mordeten, plünderten, sprengten wir. Sämtliche Maßnahmen, die ich im Interesse der Partei ergriffen habe, erfolgten im Einverständnis mit dem Zentralkomitee unserer Partei; die hervorragendsten Männer gaben uns die Lizenz. Dabei herrschte innerhalb der Partei völlige Plan- und Kopflosigkeit; aus reiner Verzweiflung schien jedes Mittel recht – erst nach langer Haft kam mir zum Bewußtsein, von welchen haltlosen Menschen wir mißbraucht wurden, daß wir nicht im Interesse der arbeitenden Klasse handelten, sondern gegen ihre Interessen. – Alle Angaben Ssemjonows wurden einige Wochen später von einer gewissen Lydia Konoplewa bestätigt – ja sie verstärkte noch den Verdacht gegen das Z.K. der Partei, das seine Genehmigung zu sämtlichen Attentaten gegeben habe.