Der Verteidiger Murawiew unterhält sich mit den Angeklagten, Mitglieder der sozialrevolutionären Partei: Gotz, Hendelmann, Tatareew u. a.

Im Frühjahr hatte sich das Material gegen die verhafteten S.R. bereits so verdichtet, daß auf der Berliner Konferenz der II., II½. und III. Internationale die Vertreter der II. und II½. Internationale von der III. Internationale das Versprechen zu ertrotzen suchten, kein Todesurteil über die S.R. zu verhängen, die Zulassung ausländischer Verteidiger zu befürworten – man geriet in ernste Besorgnis; hatte man früher immer und immer wieder geschrien: weshalb laßt ihr diese Leute so lange in Untersuchungshaft sitzen – weshalb laßt ihr sie nicht frei – schlug man jetzt einen anderen Weg ein: man suchte zu verschleppen, zu bemänteln, verschwieg die Tatsachen, ging über die eigentlichen Anschuldigungen hinweg, vermied überhaupt sie zu erwähnen, klammerte sich an reine Formalitäten, und schrie und schrie und gab keine Antwort, wenn man fragte: „Und wie verhält es sich mit den Fakten“? –

Sonntagnachmittag im Juni 1922. Als das Flugzeug von Moskau eben auf dem großen Flugplatz in Kowno, den die deutsche Armee im Weltkrieg angelegt hatte, gelandet war, und die Passagiere der Kabine entstiegen, rief ihnen schon von weitem der deutsche Flugplatzführer der Derutra zu: „Rathenau ist ermordet“ – „Der Dollar 375.“ „Die Nationalisten“ – Der junge Schriftsteller konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. „Dollar, Mord und Nation – deutsche Atmosphäre.“ Und während man sich noch rings um ihn ernst unterhielt, ob der Dollar noch weiter fallen würde, dachte er: „Wird man die Täter ergreifen? Wird man ihnen den Prozeß machen? Wird man vor allem den Hintergrund enthüllen, die wahren treibenden Kräfte feststellen?“ Und er gedachte jenes seltsamen Prozesses, dem er soeben in Moskau beigewohnt hatte, er gedachte jener doppelt seltsamen Demonstration im Gerichtssaal, die am vierten Jahrestag der Ermordung Wolodarskis stattgefunden hatte. Und während das Flugzeug wieder startete und bald über Deutschland hinschwebte, vergegenwärtigte sich der junge Schriftsteller lebhaft noch einmal die Erlebnisse der vergangenen Woche, des 20. Juni.

Am vierten Jahrestag der Ermordung Wolodarskis zogen schon am frühen Morgen aus allen Bezirken die Arbeiter ins Innere der Stadt, um die Mittagsstunde füllten Hunderttausende den Roten Platz vor dem Kreml. An den Gräbern der gefallenen Revolutionäre zogen die Belegschaften aller Moskauer Betriebe vorüber. Und auf der Rednertribüne erschien ein großer blonder Mann – erschien der Vorsitzende des Obersten Tribunals Pjatakow und erklärte den demonstrierenden Arbeitern: „Das Urteil wird gerecht, wird erbarmungslos sein. Noch ist es nicht an der Zeit, es zu fällen.“

Und einen langen Sommertag über zogen die Massen russischer Arbeiter durch die Iberische Pforte hinab zum Swerdlowplatz, an einem barocken Säulenbau vorüber, jede Belegschaft hielt einen Augenblick an, und einer ihrer Sprecher rief nach jenem Hause Worte der Rache hinüber – die ganze Stadt dröhnte vom Schritte der Arbeiterbataillone, die ganze Stadt hallte vom Gesang der Internationale.

Und als der Abend hereinbrach, und die Massen sich langsam entfernt hatten, passierte der junge Schriftsteller die Postenketten des Prunkgebäudes, betrat die weiten unteren Räume des Hauses, in denen eine Kompagnie des Tschekaregimentes untergebracht war; breite Marmortreppen führten in den ersten Stock. Wieder forderten Soldaten in braunen Uniformen mit breiten roten Querstreifen auf der Brust den Ausweis, die Wände spiegelten ein reges Treiben, weithin erstreckten sich Wandelhallen, und in einem Seitenraum war eine Ausstellung von Bildern und Dokumenten – grauenhaften Urkunden der Scheußlichkeiten des Bürgerkrieges; da hingen die Proklamationen der Partei der S.R., die Aufrufe zum Sturz der Sowjets, da hingen Flugschriften und Proklamationen, Reden Awxentijews, Artikel Tschernows und unzählige Photographien – Photographien der Generale des Zaren, Photographien von Führern der S.R., Bilder gesprengter Brücken und Stationen, Photographien langer Reihen von Särgen und Massengräbern, Bilder der 26 Bolschewiken, die in Baku von den S.R. hingerichtet wurden, Photographien schauderhaft zugerichteter Leichen – und dann Bilder Wolodarskis, Uritzkis, Bilder vieler, vieler Kinder, vieler Waisen, deren Eltern Koltschak hinrichten ließ.

Und als der junge Schriftsteller erschüttert diese Kammer der Seufzer und Tränen, der Lügen und Heuchelei verließ, öffnete er eine kleine Tür und befand sich plötzlich in einem gewaltigen Saal – Säulenreihen zogen sich zur Linken und Rechten, mächtige Leuchter hingen von der hohen Decke herab – am anderen Ende des Saales saßen und standen auf einem Podium zahlreiche Männer und einige Frauen – zwischen mächtigen Säulen waren gewaltige rote Tücher gespannt, große Lettern verkündeten: „Das Proletariat ist der Schutzschild der Revolution.“

An einem Tische mitten auf dem Podium sitzen die Richter – und in ihrer Mitte sehen wir wieder Pjatakow. Rechts scharen sich hinter einer Sperre dicht hinter- und nebeneinander in zwei Gruppen getrennt 34 Angeklagte, vor ihnen sitzen an langen Tischen die Verteidiger; hart an der Rampe steht ein kleiner Tisch – vor ihm sitzt der Ankläger Krylenko – neben ihm ein langer Tisch, an dem drei andere Ankläger sitzen: Lunatscharski, der Historiker Pokrowski, die greise Klara Zetkin. Die Reihen der Angeklagten umspannt ein Kordon jener Soldaten in braunen Uniformen mit den breiten Litzen, sie tragen die spitzen Helme der Krieger Iwans des Schrecklichen, das Gewehr mit aufgepflanztem Seitengewehr bei Fuß. Zur Rechten öffnet sich eine breite Tür – herein tritt eine Deputation Moskauer Arbeiter – eine ältere Frau ist unter ihnen, sie durchschreiten den überfüllten Zuschauerraum, in dem wohl 2000 Menschen sitzen, und steigen langsam die Treppen zum Tribunal hinauf. Und unter tiefem Schweigen begannen die Arbeiter zu reden – junge und alte – leidenschaftlich brach es aus ihnen los – Anklagen und wieder Anklagen – Ein Arbeiter von Kasan erzählte erregt von den Grausamkeiten der S.R. in Kasan, es sprach jener Arbeiter, der die Fanny Kaplan nach ihrem Attentat auf Lenin festgenommen hatte, und ein langer, breiter Mann mit einer fürchterlichen Stimme erzählte noch einmal vom Eindruck, den der junge Wolodarski auf sie gemacht hatte; wie aus einem Krater brodelten Anklagen, Verwünschungen los – „Rache für Wolodarski“ schrie es durch den Raum – und die Männer hinter der Barriere saßen mit gesenkten Häuptern festgebannt da – ohne die Möglichkeit der Flucht, allen Blicken preisgegeben, gerichtet, geächtet, gestraft.

Niemals zuvor in der Weltgeschichte wird die Stimme der Masse so vernehmlich, so eindrucksvoll gesprochen haben wie in dieser Sommernacht zu Moskau im Prunksaale des ehemaligen Adelsklubs.

Zehn Tage währte nun schon dieser Prozeß. Am 10. Juni hatte er begonnen; einige Tage zuvor waren die ausländischen Verteidiger in Moskau eingetroffen, vor dem Bahnhof hatte sie die Arbeiterschaft mit Pfiffen begrüßt. Am Tage der Eröffnung hatte der Führer der II. Internationale, Vandervelde, vor dem Tribunal das Mißgeschick, als Justizminister S. Majestät des Königs der Belgier verhöhnt zu werden, weil er sich im Westlerdünkel erhaben fühlte über die Justizmethoden der Arbeiterrepublik.