Nachdem der Pastor den Segen über die Anwesenden gesprochen, wurden die Thüren der Kirche geöffnet und Alle wanderten ihrer Heimath zu. Auch Theodor ging mit der lieben Frau Kreuderin, still und in sich gekehrt, nach ihrer Wohnung zum goldenen Schwan.
Da Nachmittags kein Gottesdienst gehalten wurde, rieth Frau Kreuderin ihrem Theodor, die Familie Mühlenberg und seine Maria zu besuchen, sie wolle dann mit dem Hausknecht die Geschenke in die Pfarrerswohnung schicken. Der Rath gefiel dem jungen Manne, und nachdem die Glocke die zweite Mittagsstunde geschlagen hatte, begab sich derselbe nach der Wohnung des Pfarrers, wo er höchst freundlich aufgenommen wurde.
Er dankte der braven Familie für alle die Güte, die sie ihm und der Maria erwiesen, mit den herzlichsten Worten. In demselben Augenblick trat der Hausknecht des goldenen Schwanes mit den Geschenken in die Stube, welche Theodor der Frau Pfarrin mit folgender Bemerkung übergab: Hier schickt Ihnen Vater Leinbach zwei ganz vortreffliche Schinken, mit dem Wunsch, dieselben gefälligst anzunehmen und sich gut schmecken zu lassen. Die Familie denke stets mit Liebe an ihren guten Pfarrer, es ist eine höchst brave und religiös gesinnte Familie und er danke Gott, daß er ihn zu Leinbach’s geführt, wo er wie ein Sohn und Bruder behandelt werde. — Mühlenberg bat dann den guten Mann, der Familie Leinbach herzlichen Dank für das schöne Geschenk zu sagen und weiter erwähnte, wenn ich mal wieder in die Gegend von Oley komme, wo ich so viele und treffliche Leute kenne, so werde ich die Familien Leinbach, Guldin, Keim, Yoder, Bartholet und Griesemer besuchen, die alle Mitglieder meiner Gemeinde waren.
Mittlerweile war die Pastorin in die Küche geeilt, brachte Maria in die Sprechstube, und als diese ihren Theodor erblickte, stieß sie einen Freudenruf aus, lief auf den jungen Mann zu und ohne Scheu vor den Pfarrersleuten, drückte sie einen heißen Kuß auf seinen Mund, und mit Thränen in den Augen dankte sie ihm, daß er den weiten Weg unternommen, um sie zu besuchen.
Gefällt es dir noch in Oley? war die erste Frage des Mädchens. Gewiß, entgegnete Theodor, denn ich werde ja dort wie ein Sohn und Bruder behandelt, erwiedere aber auch diese gute Behandlung durch Treue und Fleiß, und habe ich vor den braven Leuten kein Geheimniß, davon kannst du dich hier überzeugen. Er nahm das Packet in welchem sich die Leinwand befand, und überreichte es dem Mädchen und bat, dasselbe zu eröffnen. Sie öffnete. Alle Anwesenden waren erstaunt, als sie die herrliche Leinwand sahen, und wegen ihrer blendenden Weiße und Feinheit bewundert wurde. Dieses Geschenk schicken die beiden jungen Töchter meines Wohlthäters mit dem herzlichsten Wunsche, daß es dir gefallen möge, und der Bitte, daß du sie einmal in der heißen Jahreszeit besuchen möchtest. Nachdem Maria für das schöne Geschenk gedankt, bat sie die Frau Pfarrerin, dasselbe für sie aufzubewahren, welche sich auch gleich dazu bereit fand. Nun lud Mühlenberg Theodor ein bei ihm zum Abendessen zu bleiben und nach dem Essen könne er mit Maria Frau Kreuderin besuchen und ihre Angelegenheiten besprechen. Dankbar nahm der junge Bauer die Einladung an.
Bald saß die ganze Familie Mühlenberg mit Theodor und Maria wohlgemuth beim Abendessen beisammen; der Pfarrer war heute besonders vergnügt, denn er hatte einen Brief von seinem Sohn Peter aus Shenandoah erhalten, der ihm meldete, daß die deutsch-lutherische Gemeinde daselbst ihn höchst freundlich empfangen, für ihn und seine Frau ein gutes, wohlgebautes stattliches Haus in einer wunderschönen Lage eingerichtet, welches für immer seine Wohnung sein solle. Bei seiner Antrittsrede wäre die Kirche, welche größer als die St. Michaeliskirche in Philadelphia sei, überfüllt gewesen und man hätte alle Fenster öffnen müssen, damit die vielen Leute, welche nicht mehr in der Kirche Platz, fanden, die Predigt draußen hören konnten. Das Shenandoah-Thal sei eine wunderschöne und sehr fruchtbare Gegend, wo sich meistens nur Deutsche niedergelassen hätten, die dort den Ackerbau auf fleißige und geschickte Weise betrieben, aber auch durch reichliche Ernten belohnt würden. Es sei ein sehr ehrliches, unverdorbenes Volk, das mit reiner Liebe an ihrem Glauben hänge. Er danke Gott, daß er ihn hierher geführt, er werde sich bestreben, seine Pflichten treu zu erfüllen.
Als das Abendessen eingenommen war, bemühte sich Frau Mühlenberg mit ihrer ältesten Tochter und Maria, Alles wieder in Stube und Küche in Ordnung zu bringen, damit der Maria Gelegenheit gegeben werde mit Theodor einen Spaziergang durch die Stadt zu machen, wo jetzt so viele neue Gebäude errichtet würden.
Während die Frauen so beschäftigt waren, unterhielt sich der Pastor mit seinen beiden Söhnen Ernst und Christoph und Theodor über das Schaffen und Vorwärtsschreiten der Deutschen in Pennsylvanien. — Bald waren die Frauen mit ihren Arbeiten fertig, und nachdem sich Maria ordentlich gekleidet hatte, führte sie die Pfarrerin in die Stube, wo die Männer saßen, und bat Theodor mit seiner Braut noch ein wenig durch die Stadt zu wandern und dann zu Mutter Kreuderin zu führen, die sich gewiß freuen werde, die beiden jungen Leute bei sich zu sehen. Sogleich war Theodor bereit, den Wunsch der Pfarrerin zu erfüllen. Das Paar entfernte sich unter dem Zuruf: Viel Vergnügen! aus dem Pfarrhause und begab sich zuerst nach der Chestnutstraße, wo noch theilweise an dem Stadthause gebaut wurde, dann in die Zweite Straße zur Christkirche, wo sie das damals so schöne Glockenspiel hörten, dann begaben sie sich nach der Vierten und Cherrystraße, wo man eben den Bau der deutsch-lutherischen Zionskirche begonnen, und zuletzt zum goldenen Schwan, wo sie von der Mutter Kreuderin erwartet wurden. Diese hatte bereits in ihrer Stube einen kleinen Imbiß hergerichtet und lud die jungen Leute ein, etwas bei ihr zu genießen, denn es käme ja aus gutem Herzen, und es freue sie herzlich, wenn es ihnen wohlschmecken würde. Vor ihr hatten die Liebenden kein Geheimniß, und besprachen ihre jetzigen Verhältnisse mit denen ihrer Zukunft.