O weine nicht die Aeuglein roth,

Als wenn nicht Trost und Hoffnung bliebe,

Bleib’ ich doch treu bis in den Tod

Dem Vaterland und meiner Liebe.


Nach einem scharfen Ritt hatten die drei jungen Männer in wenigen Stunden das damalige Dörfchen Reading erreicht, auf dessen Marktplatz (jetzt das Square in der Pennstraße, zwischen der 5ten und 6ten) ein sehr reges Leben herrschte. Man hörte die Trommeln rühren, sah Männer und Burschen mit dem Gewehr auf der Schulter sich daselbst sammeln und zum Abmarsch bereit machen. Capitän Joseph Hister stand auf einem erhöhten Platz und war eben im Begriff eine Anrede an die Freiwilligen zu halten, als er Levan und seine Begleiter die Pennstraße herabkommen sah. Schnell verließ er seinen Platz, eilte auf Levan zu und bat denselben in aller Kürze sogleich zu berichten, wie es mit der Sache der Aufständigen stehe, und wie es mit Washington’s Armee aussehe. Als Levan berichtet hatte, daß die Aufständigen zu Hunderten herbeieilten, um in den Kampf zu ziehen, daß Washington zwar jetzt nur eine kleine, aber tapfere Schaar habe, welche in kleinen Scharmützeln den Engländern tiefe Wunden beigebracht, daß viele Deutsche aus dem Hessenlande, welche in die englische Armee gepreßt wurden, bereits zu den Amerikanern übergegangen seien, und daß Washington bei Princetown sein Lager habe, da eilte Hister zu seinem Platze zurück, schwang die neue Fahne und verkündete der Menge die frohe Botschaft, worauf ein donnernder Jubelruf die Luft durchtönte.

Als der erste Jubel vorüber war, stellte Levan seinen Kameraden, Theodor Benz, als einen neuen Rekruten aus Oley vor, welcher mit dreifachen herzhaften Hurrah’s empfangen wurde.

Noch an demselben Tage, gerade als die Glocke die Mittagsstunde anzeigte, zogen die freiwilligen Streiter von Berks County aus Reading und erreichten nach einem Marsche von drei und einem halben Tage die Stadt Philadelphia. Unterwegs hatten sich den Freiwilligen noch eine Zahl deutscher Farmerssöhne angeschlossen und so war es ein gar stattlicher Zug, welcher in die Stadt der Bruderliebe einzog und von den Bewohnern mit großem Jubel empfangen wurden.

Als Hister’s Leute ihr Quartier eingenommen, eilte Theodor Benz zu dem Capitän und bat ihn um Erlaubniß den Pfarrer Mühlenberg besuchen zu dürfen, da er daselbst für sich Wichtiges zu besorgen habe. Gerne willigte Hister in das Gesuch seines jungen Rekruten, der dann der Wohnung des Pfarrers zueilte, wo er auf die freundlichste Art von allen Gliedern der Familie und seiner Maria empfangen wurde. Man besprach nun die Hauptsache, die Hochzeit, und da Maria mit Allem einverstanden war, so kam man überein, daß die Trauung um sechs Uhr Abends in der St. Michaelis-Kirche in der Fünften, nahe der Cherrystraße, stattfinden und Mutter Kreuderin und sonstige Bekannte und Freunde dazu eingeladen werden sollten. Als die bestimmte Stunde herangenaht, war die kleine Kirche mit Eingeladenen und Neugierigen gefüllt, unter ihnen die gute Mutter Kreuderin, Levan, Theodors Freund, Capitän Hister und Capitän Graul und viele Andere.

Die Anrede des würdigen Predigers an das Brautpaar, sein Gebet zu dem Allmächtigen für ihr Wohl, war so ergreifend, daß man in allen Theilen der Kirche ein Schluchsen vernahm, und selbst dem feurigen Soldaten Hister standen Thränen in den Augen; nur Maria’s und Theodor’s Augen blieben Thränenleer. Als die Trauungsceremonie vorüber war und der Pfarrer seinen Segen über Alle gesprochen, bemerkte er noch, daß die Wirthin vom goldenen Schwan alle Anwesenden einlade, an dem Hochzeitsmale das sie bereitet, Theil zu nehmen, und daß man von der Kirche dahin in Prozession abgehen werde. Bald war der Zug in Bewegung. Voran schritten Capitän Hister, Capitän Graul und Levan, dann folgten die Neuvermählten, nach ihnen Pfarrer Mühlenberg und sein edles Weib Anna, hinter ihnen kamen Mutter Kreuderin mit des Pfarrers Töchtern, dann folgten die Uebrigen Zwei bei Zwei. — Es war dieser Hochzeitszug ein sehr stattlicher, aber ein sehr ruhiger, welcher mehr einem Leichenzuge als Hochzeitszuge glich. — Bald war das Hotel erreicht und groß das Erstaunen der Kommenden, als sie alle Fenster, die Hauptthüre, die Treppen mit Immergrün und Blumen geschmückt sahen. Auf der rechten Seite der Treppe stand ein hoher, kräftig gebauter Mann, auf der linken Seite eine liebliche Frauengestalt. Diese Leute waren der Farmer Friedrich Leinbach und sein treues Weib Maria, eine geborne Guldin, die von Mutter Kreuderin zur Hochzeit eingeladen waren, aber zu spät ankamen, um der Trauung beiwohnen zu können. Kaum hatten Theodor und Maria ihre Wohlthäter erkannt, so liefen sie auf dieselben zu, umarmten und küßten sie, und nun erst traten dem jungen Paare schwere Thränen in die Augen. Als man in das Eßzimmer getreten war wurden den Neuvermählten von allen Seiten Glückwünsche dargebracht, hierauf setzte man sich zur Tafel, die mit allen Delikatessen, welche Mutter Kreuderin zusammen bringen konnte, reichlich bedeckt war. Eine heitere Stimmung herrschte in der Gesellschaft, die unter frohem Gespräch fortdauerte, bis zur späten Stunde und die Zeit zum Abschied nehmen herangekommen war. Eben schlug die Mitternachtsstunde, die meisten Gäste hatten sich bereits entfernt, und nur Mühlenberg, seine Frau und Maria, Vater Leinbach, seine Frau und die drei Krieger waren zurückgeblieben, da trat Theodor zu Maria, übergab ihr den Landschenkungsakt, seinen Heimathsschein und Briefe seiner Eltern und sagte: Liebe Maria, bei dir sind diese Dokumente besser aufgehoben als bei mir, du bist jetzt mein Weib, und was mir gehört, gehört auch dir, und kehre ich glücklich wieder zurück, dann meine Liebe wird die Freude gewiß groß sein, und du kannst dann auch stolzer auf deinen Theodor sehen, der ein treuer Kämpfer für Freiheit und Unabhängigkeit war. Er drückte ihr dann einen Kuß auf den Mund, versprach sie noch einmal am nächsten Morgen zu besuchen, dankte den Pfarrersleuten und Leinbach’s auf die herzlichste Weise, für den warmen Antheil, den sie an seinem Schicksal genommen, und entfernte sich mit seinen Kameraden nach dem Lager der Soldaten, welches damals im offenen Felde stand, und jetzt das schöne Franklin Square ist, eines der angenehmsten Plätze Philadelphia’s.