Selicour. Die Stelle schickt sich für dich, Kamerad! Glaub' mir, der dich besser kennt, als du selbst. (Zu Narbonne.)—Er ist ein trefflicher Arbeiter, genau, unermüdlich, voll gesunden Verstands; er verdient den Vorzug vor allen seinen Mitbewerbern.—Ich lasse Männer von Genie nicht aufkommen, gibt er mir Schuld, und Herr Firmin ist's, den er anführt.—Das Beispiel ist nicht gut gewählt, so trefflich auch der Mann ist.—Erstlich ist seine jetzige Stelle nicht schlecht —aber ihm gebührt allerdings eine bessere, und sie ist auch schon gefunden—denn eben Herrn Firmin wollte ich Euer Excellenz zu meinem Nachfolger empfehlen, wenn ich in jenen Posten versetzt werden sollte, den mir mein gütiger Gönner bestimmt.—Ich sei meinem jetzigen Amte nicht gewachsen, behauptet man.—Ich weiß wohl, daß ich nur mittelmäßige Gaben besitze.—Aber man sollte bedenken, daß diese Anklage mehr meinen Gönner trifft, als mich selbst!—Bin ich meinem Amte in der That nicht gewachsen, so ist der Chef zu tadeln, der es mir anvertraut und mit meinem schwachen Talent so oft seine Zufriedenheit bezeugt.—Ich soll endlich der Mitschuldige des vorigen Ministers gewesen sein!—Die Stimme der Wahrheit habe ich ihn hören lassen; die Sprache des redlichen Mannes habe ich kühnlich zu einer Zeit geredet, wo sich meine Ankläger vielleicht im Staube vor ihm krümmten.—Zwanzigmal wollte ich diesem unfähigen Minister den Dienst aufkündigen; nichts hielt mich zurück, als die Hoffnung, meinem Vaterlande nützlich zu sein. Welche süße Belohnung für mein Herz, wenn ich hier etwas Böses verhindern, dort etwas Gutes wirken konnte!—Seiner Macht habe ich getrotzt; die gute Sache habe ich gegen ihn verfochten, da er noch im Ansehen war! Er fiel, und ich zollte seinem Unglück das herzlichste Mitleid. Ist das ein Verbrechen, ich bin stolz darauf und rühme mich desselben.—Es ist hart, sehr hart für mich, lieber La Roche, daß ich dich unter meinen Feinden sehe—daß ich genöthigt bin, mich gegen einen Mann zu verteidigen. Den ich schätze und liebe!—Aber komm! Laß uns Frieden machen, schenke mir deine Freundschaft wieder, und alles sei vergessen!

La Roche. Der Spitzbube!—Rührt er mich doch fast selbst!

Narbonne. Nun, was haben Sie darauf zu antworten?

La Roche. Ich?—Nichts! Der verwünschte Schelm bringt mich ganz aus dem Concepte.

Narbonne. Herr La Roche! Es ist brav und löblich, einen Bösewicht, wo er auch stehe, furchtlos anzugreifen und ohne Schonung zu verfolgen—aber auf einem ungerechten Haß eigensinnig bestehen, zeigt ein verderbtes Herz.

Selicour. Er haßt mich nicht! Ganz und gar nicht! Mein Freund La Roche hat das beste Herz von der Welt! Ich kenne ihn—aber er ist hitzig vor der Stirn—er lebt von seiner Stelle—das entschuldigt ihn! Er glaubte sein Brod zu verlieren! Ich habe auch gefehlt—ich gesteh' es—Komm! komm! Laß dich umarmen, alles sei vergessen!

La Roche. Ich ihn umarmen? In Ewigkeit nicht!—Zwar, wie er's anstellt, weiß ich nicht, um mich selbst—um Euer Excellenz zu betrügen—aber kurz! Ich bleibe bei meiner Anklage.—Kein Friede zwischen uns, bis ich ihn entlarvt, ihn in seiner ganzen Blöße dargestellt habe!

Narbonne. Ich bin von seiner Unschuld überzeugt—wenn nicht
Thatsachen, vollwichtige Beweise mich eines Andern überführen.

La Roche. Thatsachen! Beweise! Tausend für einen!

Narbonne. Heraus damit!