Durch diese Gesetze, welche die Gleichstellung der Plebejer mit den Patriziern sehr beförderten, erwarben sich die beiden Tribunen ein großes Verdienst um den römischen Staat, der nur durch vollkommene Einheit und Eintracht der beiden Stände zu jener Größe und Macht sich entwickeln konnte, die ihm in der Folgezeit zur Weltherrschaft verhalf. Denn auch zu den drei übrigen höheren Ämtern, welche zum Eintritt in den Senat befähigten, wurden die Plebejer nach und nach zugelassen. Das waren 1. die Prätur, die im Jahre 366 von dem Konsulat abgetrennt wurde. Die Prätoren, anfangs nur einer, später bis acht, leiteten die Gerichte und vertraten die abwesenden Konsuln. 2. Die Ädilen übten die Aufsicht über Handel, Verkehr, Straßen- und Staatsbauten. 3. Die Quästoren verwalteten, als Gehilfen der Konsuln und Prätoren, die Einnahmen und Ausgaben des Staates. Alle diese Beamten wurden nur auf je ein Jahr gewählt. Außerdem wurden alle fünf Jahre aus den angesehensten früheren Konsuln, den Konsularen, zwei Zensoren gewählt, denen es oblag die Listen der drei Bürgerklassen (Senatoren, Ritter, Bürger) zu prüfen und festzustellen, das Einkommen der Bürger einzuschätzen, und damit zugleich eine Oberaufsicht über das sittliche Verhalten jedes einzelnen zu üben und Unwürdige durch Ausstoßung aus ihrer Klasse zu bestrafen. Hatten sie diese Schätzung und Musterung der Bürger (census, daher ihr Name censōres) beendigt, so legten sie ihr Amt nieder. Aus den Familien aber, deren Angehörige eines der hohen Ämter bekleidet hatten, bildete sich mit der Zeit, an Stelle des Patriziats, das ein Geschlechts- oder Geburtsadel gewesen, eine neue Adelsklasse, die einen Dienst- oder Amtsadel darstellte.

XVI.
Die zwei ersten Samniterkriege. — P. Decius. — Papirius Cursor. — Der Samniter Pontius.

Nachdem sich die Römer ganz Latium und die Nachbarstädte im sabinischen und etrurischen Lande untertänig gemacht und die Kämpfe mit den Schwärmen der Gallier siegreich bestanden hatten, gerieten sie in einen langen und wechselvollen Krieg mit dem stammverwandten, großen und streitbaren Bergvolk der Samniter. Diese waren aus ihren rauhen Bergtälern in die fruchtbaren Gefilde Campaniens vorgedrungen, um sich dort festzusetzen. Die Stadt der Sidiciner, Teānum, von ihnen hart bedrängt, wandte sich an die mächtigste Stadt Campaniens, Capua, um Hilfe, und diese hinwieder rief den Beistand der Römer an. So kam es zwischen den Samnitern und Römern zu einem Kampf, der, mit mehrjährigen Unterbrechungen, über fünfzig Jahre, von 343–290 v. Chr. dauerte.

In dem ersten Kriege gegen die Samniter (343–340) zogen zwei Heere unter den beiden Konsuln M. Valerius Corvus und A. Cornelius Cossus ins Feld, von denen das eine den Marsch nach Campanien nahm, das andere bestimmt war in Samnium selbst einzurücken. Valerius schlug sein Lager in der Nähe der griechischen Seestadt Cumä, am Berge Gaurus, auf, und kampflustig rückte ihm der Feind entgegen. In der Schlacht standen seine Reihen unerschüttert und wiesen alle Stürme der Römer zurück. Schon war der Tag weit vorgerückt, als der Konsul selbst an der Spitze seines Heeres mit einem letzten ungestümen Angriff die Samniter endlich zum Weichen brachte. Auf der Flucht wurden viele erschlagen und gefangen, bis die Nacht der Verfolgung ein Ende machte.

Inzwischen war das Heer des andern Konsuls in große Not geraten. Von der Grenze Samniums führte Cornelius Cossus sein Heer über die Gebirge auf einem Wege, der nach der Stadt Beneventum lief. Nirgends zeigten sich Feinde, und die Römer wurden sorglos. So kamen sie durch einen Paß in eine tiefe Talschlucht, wo die Samniter die Höhen ringsum besetzt hatten. Doch nicht eher gewahrte man sie, als bis schon der Rückweg abgeschnitten war. In dieser Gefahr erbot sich der Kriegstribun P. Decius mit den beiden ersten Schlachtreihen einer Legion, 1600 Mann, einen Gipfel zu besetzen, der den Weg, aus dem die Samniter vordrangen, beherrschte. Es gelang ihm denselben vor dem Feinde zu erreichen. Von hieraus griff er diese an und zog ihren Angriff auf sich, sodaß das übrige Heer den Bergpaß wieder erreichen und in einiger Entfernung von da eine bessere Stellung nehmen konnte. Decius behauptete sich indessen mit den Seinen in unaufhörlichem Gefecht bis in die Nacht. Während sich nun die Samniter um die Höhe lagerten und sich dem Schlafe überließen, machte sich der kleine Haufe der Römer nach der zweiten Nachtwache in aller Stille auf, um sich einen Weg zu ihrem Heere zu bahnen. Sie waren schon in der Samniter Mitte, als einer von ihnen an einen Schild stieß und dieses Geräusch die zunächst liegenden Samniter aufweckte. Allein ehe die schlaftrunkenen und verwirrten Feinde sich zu gehörigem Widerstande geordnet hatten, gelang es den Römern zu entrinnen. In der Nähe des römischen Lagers ließ Decius sie Halt machen, bis es tage; denn es gezieme sich nicht, daß so tapfere Männer unter dem Dunkel der Nacht ins Lager einrückten. Auf die Kunde, daß die, welche sich für die Rettung aller dem Tode dargeboten, wohlerhalten und in der Nähe wären, zog ihnen fast das ganze Heer aus dem Lager entgegen. Unter allgemeinem Jubel rückte die tapfere Schar ins Lager. Als dort der Konsul anhub ihm eine Lobrede zu halten, unterbrach ihn Decius mit der Mahnung lieber sofort den Feind zu überraschen, bevor er sich von dem nächtlichen Schrecken erholt und in sein festes Lager zurückgezogen hätte. Und so geschah es. Ungesäumt wurden die Legionen über die Berge geführt, die Feinde zerstreut, verfolgt und alle, die sich in ihr Lager gerettet, niedergehauen und das Lager geplündert. Decius erhielt als Belohnung von dem Konsul einen goldenen Kranz, hundert Rinder und einen weißen Stier mit vergoldeten Hörnern; seine Leute empfingen auf immer doppelte Portionen, jeder zwei Mäntel und einen Ochsen. Das Heer überreichte dem Decius einen aus Gras gewundenen Kranz, den gewöhnlichen Ehrenlohn dessen, der eine Schar aus Feindes Gewalt und Belagerung befreit hatte.

Ein nochmaliger Sieg des Valerius bei Suéssula führte den Frieden herbei, in dem die Römer Campanien behielten. Aber nach Beendigung eines Kampfes mit den Latinern (s. [XVII]) veranlaßte die Anlage einer römischen Kolonie in der Grenzstadt Fregellä den zweiten Samniterkrieg (326–304).

Im vierten Jahre dieses Krieges hatten die Römer, da die Zahl der Feinde sich durch den Beitritt mehrerer Stämme im Süden Italiens vermehrt hatte, den Papirius Cursor zum Diktator gewählt. Allein abergläubische Furcht hielt den Fortgang seiner Unternehmungen auf. Da man glaubte, daß bei der feierlichen Wahl des Diktators ein Fehler vorgekommen sei, so eilte Papirius nach Rom, um sie von neuem anstellen zu lassen, befahl aber seinem Unterfeldherrn, dem Reiterobersten (magister equitum) Fabius Rullianus während seiner Abwesenheit ruhig im Lager zu bleiben. Allein durch Ehrgeiz und Kampflust angetrieben, lieferte dieser dennoch den Samnitern ein Treffen, und das Glück war ihm so günstig, daß er den Feinden eine schwere Niederlage beibrachte. Alle freuten sich dieses Sieges. Als aber der Diktator ins Lager zurückkehrte, ließ er sogleich die Legionen zusammenberufen und den Fabius vor sich fordern. Vergebens suchte sich dieser wegen seines Ungehorsams zu verteidigen. Der Diktator befahl ihn zu entkleiden und hinzurichten. Aber Fabius entfloh den Händen des Liktors, der ihn ergriffen hatte, und barg sich unter die Haufen der umherstehenden Krieger. Es entstand ein lautes Murren; die Befehle des Diktators wurden nicht mehr gehört, und der Tumult dauerte, bis die anbrechende Nacht die Versammlung zu entlassen nötigte. In der Nacht floh Fabius aus Furcht vor der unerbittlichen Strenge des Diktators nach Rom. Auf Betreiben seines Vaters, eines sehr angesehenen Mannes, wurde sogleich der Senat berufen. Hier klagte er über die Härte des Diktators und beschwor den Senat das Leben seines Sohnes zu retten. Dieser war dazu geneigt, aber er vermochte es nicht. Denn plötzlich erschien der Diktator selbst in seiner Mitte, fest entschlossen den Ungehorsam seines Untergebenen kraft seines Amtes nach Kriegsrecht zu bestrafen. Umsonst baten ihn alle Senatoren um Milde. Papirius befahl den Fabius zu ergreifen. Nun blieb dem alten Fabius nur noch ein Ausweg übrig: er wandte sich an die Versammlung der Volksgemeinde. Dies war zwar eine gesetzwidrige Handlung, denn gegen die Entscheidung des Diktators gab es keine Berufung (provocatio) an das Volk. Gleichwohl gestattete sie Papirius. Er ging in die Versammlung und zeigte dem Volke, wie nötig es sei die Strenge der Kriegszucht aufrecht zu halten und die Amtsgewalt des Diktators unverletzt zu wahren. Obschon nun das Volk geneigt war, den Fabius zu retten, konnte es doch das Recht des Diktators nicht mißachten. Es wagte daher keine Entscheidung, sondern legte nur seine Fürbitte für das Leben des Reiterobersten ein. Eben dies taten auch seine Verwandten, indem sie sich zu den Füßen des Diktators niederwarfen. Da erst ließ Papirius Milde walten. Nachdem er das Ansehen des Oberbefehls vor Senat und Volk behauptet hatte, konnte er den Ungehorsam verzeihen, nicht weil er mußte, sondern weil er wollte. Und er tat es zur Freude des ganzen Volkes.

In demselben Kriege erlitten die Römer unter der Anführung des Veturius Calvinus und Spurius Postumius in den caudinischen Engpässen eine bittere Schmach (321). Beide Konsuln lagerten bei Calatia in Campanien. Darauf gründete Gavius Pontius, der Feldherr der Samniter, einen Kriegsplan. Er ließ das Gerücht verbreiten, daß er jenseits des Gebirges die Stadt Lucéria, eine von den Römern in Apulien angelegte Festung, belagere. Um dieser wichtigen Stadt schleunige Hilfe zu leisten, schlugen die Konsuln den kürzesten Weg ein, der durch die caudinischen Pässe führte. So nannte man ein tiefes Wiesental, nicht weit von Caudium, einer Stadt der Samniter, das rings von hohen bewaldeten Bergzügen eingeschlossen war und nur einen schmalen Eingang und Ausgang hatte. Um dieses Tal herum hatte Pontius sein Heer in den Wäldern versteckt, und ohne Arges zu ahnen, gingen die unvorsichtigen Konsuln in die ihnen gelegte Falle.

In langem Zuge rückten die Legionen mit allem Troß durch das Tal hin zum jenseitigen Ausgang, fanden ihn aber mit gefällten Bäumen und vorgewälzten mächtigen Felsblöcken verschlossen. In demselben Augenblick bemerkten sie, daß die Höhen ringsum von bewaffneten Samnitern wimmelten, welche die Anrückenden hohnlachend erwarteten. Sie kehrten daher eilig zurück, aber nun war auch schon der Eingang von den Samnitern besetzt. In dieser verzweiflungsvollen Lage schlugen die Römer, 20000 Mann stark, ein enges dürftiges Lager auf. Ein Versuch sich durchzuschlagen mißlang; ihre Not ward von Tag zu Tag größer; endlich zwang sie der Hunger Gesandte an den samnitischen Heerführer Pontius zu schicken und um Frieden zu bitten. Pontius ließ seinen Vater, einen wegen seiner Einsicht und Erfahrung hochgeachteten Greis, um Rat fragen. Dieser antwortete: „Laßt alle Römer frei und ungekränkt abziehen.“ Pontius, verwundert über diese Antwort, glaubte, daß der Bote falsch gehört hätte. Er schickte daher zum zweiten Male an seinen Vater. Jetzt gab der Alte die Antwort: „Tötet alle Römer ohne Unterschied.“ Niemand verstand den Sinn dieser so verschiedenen Bescheide. Pontius ließ daher seinen Vater selbst herbeiholen. Nun gab der Greis die Gründe seiner Ratschläge an: „Ihr müßt“, sagte er, „entweder alle Römer töten, um ihre Kraft auf lange Zeit zu schwächen, oder ihr müßt sie alle schonen, um durch solche Großmut ihren Dank und Freundschaft zu gewinnen.“ Aber Pontius verwarf beides und wählte einen Mittelweg. Er ließ den Römern durch ihre Gesandten erwidern: Rom solle Frieden schließen, ganz Samnium räumen, die dort angelegten Kolonien aufgeben, das Heer aber Mann für Mann waffenlos durchs Joch gehen und sechshundert aus dem Ritterstande als Geiseln stellen.