Über diese schimpflichen Vorschläge gerieten die Römer in die größte Bestürzung. Keiner wagte zur Annahme zu raten, und doch konnten sie in ihrer äußerst bedrängten Lage nicht länger ausharren. Sie mußten sich darein fügen; die Konsuln und die Führer der Kohorten bestätigten den Friedensvertrag mit ihrem Eide. Entwaffnet und halb entkleidet gingen erst sechshundert Ritter, die als Geiseln ausgeliefert werden mußten, dann die Konsuln und Hauptleute, endlich die übrigen Mannschaften unter dem Joch, das durch einen quer über zwei Ständer gelegten Speer gebildet wurde, hindurch. Es war der größte Schimpf, der einem freien Kriegsmann angetan werden konnte; denn er erniedrigte die Freien zum Knecht. Mit Hohn und Spott schauten die ringsum aufgestellten Samniter diesem Vorgange zu. Waffen, Pferde, Knechte, alle Habe außer dem Kleide, das jeder trug, blieben dem Sieger. Voll Scham und stiller Wut zogen die Römer über Capua, wo sie liebreich aufgenommen wurden, nach Rom, das sie erst im Dunkel der Nacht zu betreten wagten. Der römische Senat aber bestätigte den geschlossenen Vertrag nicht; er beschloß, daß alle, die den Frieden beschworen hatten, den Samnitern ausgeliefert werden sollten. Damit glaubte er aller Verbindlichkeit, den Frieden zu halten, überhoben zu sein. Es wurden also die beiden Konsuln und die anderen, welche den Vertrag geschlossen hatten, gefesselt nach Caudium vor den Amtsstuhl des Pontius geführt. Dieser jedoch lehnte ihre Annahme ab, indem er sagte: „Entweder muß das römische Heer, das sich in der Gewalt der Samniter befunden hat, in seine vorige Lage zwischen den Bergpässen zurückkehren, oder das römische Volk muß den Frieden halten.“ Zugleich ließ er den Überlieferten die Fesseln lösen und schickte sie unverletzt nach Rom zurück. Hier rüstete man in Eile ein neues Heer, das im zweitfolgenden Jahre (319), unter der Führung des bewährten Papirius Cursor, nach dem von den Samnitern eroberten Luceria vordrang, dem samnitischen Heere eine schwere Niederlage beibrachte, Luceria und die dort verwahrten römischen Geiseln zurückgewann, und die samnitische Besatzung nun ebenfalls durchs Joch gehen ließ. So löschten die Römer ihre Schande in blutiger Wiedervergeltung aus.

XVII.
Der Krieg mit den Latinern und der dritte Samniterkrieg. Titus Manlius. Die beiden Decius Mus.

Gleich nach Beendigung des ersten Samniterkrieges, im Jahre 340, brach ein Kampf zwischen den Römern und den ihnen seit alters verbündeten Latinern aus. Die Latiner hatten Gesandte nach Rom geschickt und verlangten, daß fortan die Hälfte des Senats und der eine Konsul aus ihnen gewählt und alle latinischen Städte in die volle Gemeinschaft des römischen Staates aufgenommen werden sollten. Solche Forderung erschien dem römischen Senate als freche Anmaßung, und der Konsul T. Manlius rief den Jupiter, in dessen Tempel die Sitzung stattfand, zum Zeugen der schmachvollen Zumutung an. Da soll der latinische Gesandte Annius dem römischen Jupiter Trotz und Hohn geboten, aber sofort auch des Gottes Zorn erfahren haben. Denn als er die Stufen des Tempels hinabeilte, strauchelte er, fiel hinab und lag in Ohnmacht. Kaum entgingen die Gesandten der Wut des Volkes. Der Senat aber beschloß den Krieg gegen die Latiner.

Die Konsuln Titus Manlius und Decius Mūs zogen mit zwei Heeren ins Feld. Am Fuß des Vesuvius kam er zur entscheidenden Schlacht. Als die Heere einander gegenüber standen, verkündeten die Konsuln, bei Todesstrafe sollte sich kein Römer bei den Vorposten in ein Gefecht einlassen. Doch der eigene Sohn des Manlius handelte dem Befehle zuwider. Abgeschickt mit einem Geschwader Reiter, um die Feinde zu beobachten, begegnete er einem tusculanischen Befehlshaber, der ihn zum Zweikampf forderte. Um dem Vorwurf der Feigheit zu entgehen, nahm Manlius den Kampf an und hatte das Glück den Gegner zu erlegen und ihn seiner Waffen zu berauben. Frohlockend kehrte er als Sieger ins Lager zurück. Allein sein Vater ließ diese Verletzung der Kriegszucht nicht ungeahndet: er ließ den eigenen Sohn im Angesichte des ganzen Heeres durch den Liktor enthaupten.

Vor der Schlacht am Vesuv sahen beide Konsuln zu gleicher Zeit im Traume eine übermenschliche Gestalt, welche ihnen verkündete, daß von dem einen der kämpfenden Heere einer der Führer, das andere Heer aber ganz den Todesgöttern und der Mutter Erde verfallen sei. Sie kamen deshalb überein, daß derjenige von ihnen, dessen Flügel zuerst weichen würde, sich selber und damit zugleich das feindliche Heer den unterirdischen Göttern weihen sollte. Bald nach dem Anfang der Schlacht ward der linke Flügel, den Decius Mus befehligte, zurückgedrängt. Da rief dieser einen Priester herbei, der ihm den Spruch vorsagte, mit dem er, über einem Schwerte stehend und das Haupt verhüllt, sein Leben den Göttern der Unterwelt weihte. Dann bestieg er von neuem sein Schlachtroß und stürzte sich mitten in die Feinde, Tod und Verderben um sich her verbreitend, bis er von Geschossen durchbohrt niedersank. Diese heldenmütige Aufopferung belebte seine Truppen mit neuem Mut; sie stellten sich aufs neue dem Feinde entgegen und erfochten endlich durch die geschickte Führung des Manlius einen vollständigen Sieg. Noch zwei Jahre widerstanden die Latiner; dann mußten sie sich den harten Friedensbedingungen Roms unterwerfen (338).

Wie damals Decius Mus, der Vater, so weihte sich sein Sohn Publius Decius, im dritten samnitischen Kriege (298–290), den Todesgöttern. In der Schlacht bei Sentinum (295) hatte er schon zweimal die Reitergeschwader der Gallier, die mit den Samnitern verbunden waren, zurückgeworfen, als diese einen dritten Angriff mit ihren Streitwagen machten, und durch das Ungewöhnliche der Kampfart die Römer in Schrecken und Verwirrung brachten. Da ließ Publius Decius durch den Priester sich und die Feinde den Todesgöttern weihen. Nachdem er die Weihung in derselben Weise, wie sein Vater in der Schlacht am Vesuv, erhalten hatte, fügte er noch die Fluchformel hinzu: „Vor mir her treibe ich Angst und Flucht, Mord und Blutvergießen, der himmlischen und der unteren Götter Zorn. Todesgrausen bringe ich auf die Feldzeichen, auf Wehr und Waffen der Feinde. Ein und derselbe Ort soll mein und der Feinde Grab sein!“ Darauf spornte er sein Roß in die dichtesten Scharen der Feinde und fiel unter ihren Geschossen. Ihm nach die Römer mit neuem Mute, und die Schlacht endigte mit der vollständigen Niederlage des Feindes.

XVIII.
Pyrrhus, König von Epirus.

Schon hatten die Römer die mächtigsten Völker Italiens unterjocht; Etrusker, Latiner, Campaner, Samniter und viele andere Völkerschaften standen unter ihrer Herrschaft, als sie in Kampf gerieten mit der griechischen Stadt Tarent, in Unteritalien, die sich durch Schiffahrt, Handel und Kunstfleiß zu Reichtum und Macht emporgeschwungen hatte.

Zwischen Römern und Tarentinern bestand ein alter Vertrag, der den Römern nicht gestattete über das lacinische Vorgebirge in Unteritalien hinauszusegeln. Als nun einst eine römische Flotte durch einen Sturm über dieses Vorgebirge hinaus in den Hafen von Tarent getrieben wurde, erklärten dies die Tarentiner für einen Friedensbruch. Sie saßen gerade im Theater, von dem man die Aussicht auf das Meer hatte, und bemerkten die heraufsegelnden Schiffe. Von einem Redner aufgehetzt, eilte eine Menge bewaffnet auf ihre Schiffe und machte auf die unvorbereiteten römischen Fahrzeuge einen Angriff. Vier Schiffe wurden versenkt, der Anführer und die Mannschaft ermordet. Für diesen blutigen Friedensbruch forderte der römische Senat Genugtuung; aber seine Gesandten, in das Theater vor das versammelte Volk geführt, wurden mit Spott und Hohn empfangen. Ihr Führer Postumius redete in griechischer Sprache zur Menge, ohne daß diese auf den Inhalt seiner Worte achtete, aber so oft er einen Fehler gegen die Aussprache beging, lachte das Volk laut auf und schalt ihn einen Barbaren. Ein gemeiner Possenreißer drängte sich an ihn und besudelte sein Gewand. Postumius zeigte dem Volke das beschmutzte Gewand, und neues Hohngelächter erhob sich. Da sprach der Gesandte: „Lacht, so lange ihr mögt, ihr werdet auch lange genug weinen!“ Als das Volk heftig dagegen schrie, rief Postumius: „Damit ihr euch noch mehr erzürnt, so sage ich euch, dies Gewand wird in Strömen eures Blutes rein gewaschen werden.“ Kurze Zeit darauf begannen die Römer den Krieg. Da aber die Tarentiner ein weichliches, unkriegerisches Volk waren, so riefen sie Pyrrhus, den König von Epirus, zu Hilfe. Dieser kriegskundige und kampfliebende Fürst, der sein Geschlecht von dem vielgefeierten Helden Achilleus ableitete, wurde von seinem unruhigen Geiste immer zu neuen Kriegsfahrten und Abenteuern getrieben und strebte ein zweiter Alexander der Große zu werden. Er ging daher gern auf den Antrag der Tarentiner ein.

Im Frühling des Jahres 281 setzte Pyrrhus mit einem kriegsgeübten Söldnerheere von 22000 Mann zu Fuß, 3000 Reitern und 20 zum Kriege abgerichteten Elefanten nach Italien über. Zwar verlor er bei der Überfahrt durch einen Sturm einen Teil seiner Schiffe und Mannschaft; aber in Tarent angelangt, begann er alsbald mit großer Umsicht den Kampf gegen das mächtige Rom zu rüsten. Er hoffte alle unterworfenen Stämme Italiens unter seiner Fahne zu vereinigen. Zunächst führte er in dem an üppiges Leben gewöhnten Tarent ein strenges kriegerisches Regiment ein, was ihn bei den Bürgern keineswegs beliebt machte. Er hob die tüchtigsten von ihnen für den Kriegsdienst aus und untersagte ihnen Gelage und sonstige Lustbarkeiten.