Kaum war ganz Italien der Herrschaft der Römer untertan, so kamen sie mit den Karthagern auf Sizilien in feindliche Berührung. Auf dieser Insel hatten sich seit zwanzig Jahren campanische Söldner, die sogen. Mamertiner (Marsmänner), die vorher dem Fürsten von Syrakus gedient hatten, der Stadt Messāna bemächtigt und sich dort sowohl gegen die Syrakusaner, wie gegen die Karthager, die beiden Herren der Insel, behauptet. Diese baten nun, von den Karthagern hart bedrängt, in Rom um Hilfe, und der Senat beschloß sie zu gewähren. So wurde denn das erste römische Heer auf schlechten Fahrzeugen nach Sizilien übergesetzt, und es entbrannte der langwierige und blutige Krieg, der, weil er gegen die Karthager oder Punier geführt ward, der erste punische Krieg genannt wird.

Im Fortgange dieses Kampfes, den die Römer zunächst auf Sizilien mit großem Erfolge begonnen hatten, erkannten sie doch bald das Bedürfnis einer Seemacht, und mit bewundernswürdiger Raschheit erbauten sie in sechzig Tagen eine Flotte von 100 größeren und 20 kleineren Schiffen, wobei ihnen ein gestrandetes karthagisches Kriegsschiff zum Muster diente. Den Oberbefehl über die Flotte erhielten die Konsuln Gajus Duilius und Cornelius Scipio. Da diese einsahen, daß ihre Schiffe mit der noch ungeübten Mannschaft von den feindlichen an Geschwindigkeit der Bewegungen übertroffen wurden, so versuchten sie diesen Nachteil dadurch auszugleichen, daß sie Enterbrücken an ihren Schiffen anbrachten. Auf jedem Schiff nämlich ward vorn ein 24 Fuß hoher Mast aufgerichtet und an dessen Fuß eine drehbare, 36 Fuß lange und 4 Fuß breite Leiter befestigt, die man mittels eines Taues am Mast emporzog und, sobald man einem feindlichen Schiffe nahe genug gekommen war, niederfallen ließ, wobei sie mit ihrer hakenförmigen eisernen Spitze in das feindliche Verdeck einschlug, und so eine Brücke bildete, auf der die Besatzung hinüber gelangen und dort wie zu Lande kämpfen konnte.

Nachdem die römische Flotte mit dieser Vorrichtung versehen und, nach einem glücklichen Treffen mit einem feindlichen Geschwader, in Messana eingelaufen war, ging sie, unter dem Konsul Duilius — der andere war mit den ersten Schiffen, die er in See geführt, von den Puniern überrascht und gefangen worden — der karthagischen Flotte, die von Pánormos (heute Palermo) heranfuhr, kühnlich entgegen. Bei Mylä, nordwestlich von Messana, trafen sich die beiden Flotten. Sobald die Punier ihrer Gegner ansichtig wurden, gingen sie ihnen in solcher Siegeszuversicht entgegen, daß sie nicht einmal eine Schlachtordnung bildeten. Fünfzig ihrer Schiffe, darunter das des Admirals, wurden von den Enterhaken ergriffen und gewonnen oder versenkt, die übrigen zur Flucht genötigt (260). Der siegreiche Konsul feierte unter großem Jubel des Volkes seinen Triumph wegen der ersten gewonnenen Seeschlacht. Auch wurde ihm für sein ganzes Leben die Auszeichnung bewilligt, daß er sich abends, wenn er von Gastmählern heimkehrte, mit einer Fackel vorleuchten und von einem Flötenspieler begleiten lassen durfte, was damals noch keinem Römer gestattet war. Auf dem Forum ward eine marmorne, mit den Schnäbeln der eroberten Schiffe verzierte Denksäule aufgestellt, deren Reste noch jetzt erhalten sind.

Im weiteren Verlaufe des Krieges zeichnete sich der Konsul Marcus Atilius Régulus durch Kühnheit und seltene Charakterstärke in Glück und Unglück aus. Nachdem er beim Berge Eknŏmos an der Südküste von Sizilien die Karthager geschlagen hatte (256), setzte er nach Afrika über, um die Feinde in ihrem eigenen Lande zu bekriegen. Er landete glücklich und drang siegreich vor. Er eroberte viele feindliche Städte und bedrängte die Karthager so sehr, daß sie Frieden geschlossen haben würden, wenn nicht die Bedingungen des Regulus zu hart gewesen wären. Als die Gesandten um mildere Bedingungen flehten, antwortete er ihnen, sie sollten siegen oder den Siegern gehorchen, und an den römischen Senat schrieb er: „Ich habe die Tore Karthagos mit Schrecken versiegelt.“

Aber plötzlich änderte sich die Lage der Dinge. Xánthippus, ein erfahrener griechischer Heerführer, war den Karthagern von Sparta aus zu Hilfe gekommen, und diesem gelang es, das Kriegsglück Karthagos einigermaßen wieder herzustellen. In einem hartnäckigen Treffen bei Tunes (255) überwand er den Regulus, nahm ihn gefangen und führte ihn nach Karthago, wo er fünf Jahre lang im Kerker schmachten mußte.

Mittlerweile wurde der Krieg zwischen Rom und Karthago mit abwechselndem Glücke fortgesetzt, bis endlich die erschöpften Karthager den Frieden wünschten. In der Person des Regulus glaubten sie einen passenden Vermittler zu besitzen. Sie schickten ihn daher nach Rom, um über den Frieden zu verhandeln, vorher aber ließen sie ihn schwören, daß er zurückkehren werde, wenn er nicht imstande wäre, den Frieden herbeizuführen. Regulus kam nach Rom und trug dem Senat seinen Auftrag vor. Aber weit entfernt davon, dem Senat zum Frieden zu raten, riet er vielmehr das Gegenteil. Er verwarf den Frieden, weil Karthago jetzt schon so geschwächt wäre, daß es bald gänzlich zugrunde gerichtet werden könnte. Der Senat billigte diese Meinung, wünschte aber zugleich den hochgesinnten Mann zu retten. Allein dieser gedachte seines Eidschwures. Vergebens baten ihn seine Freunde zu bleiben, vergebens sprachen ihn die Priester von seinem Eide los. Ja, er vermied sogar seine Frau und seine Kinder zu sehen, um nicht von ihren Tränen erweicht zu werden. Er kehrte, getreu seiner Eidpflicht, nach Karthago zurück.

Als die Karthager hörten, daß Regulus selbst gegen ihre Aufträge gesprochen hatte, wurden sie äußerst aufgebracht und töteten ihn, wie später in Rom erzählt wurde, durch die schrecklichsten Martern. Sie schnitten ihm zuerst die Augenlider ab, warfen ihn so in einen finsteren Kerker und führten ihn dann in die Sonne. Hierauf legten sie ihn in einen hölzernen Kasten, der mit scharfen Nägeln inwendig ausgeschlagen war, und ließen ihn darin langsam sterben. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß dies alles eine Erdichtung der Römer war, die dadurch ihre eigenen Grausamkeiten zu beschönigen, oder ihren unversöhnlichen Haß gegen Karthago zu rechtfertigen suchten.

Der Krieg zwischen Rom und Karthago dauerte hiernach noch neun Jahre. In dieser Zeit hatten die Karthager einen ausgezeichneten Feldherrn an Hámilkar mit dem Beinamen Barkas („Blitz“), der sich im Nordwesten Siziliens sieben Jahre lang gegen alle Anstrengungen der Römer siegreich behauptete, bis der Seesieg des Lutatius Cátulus bei den ägatischen Inseln die erschöpften Karthager zum Frieden zwang (241). Sie traten Sizilien ab, welches die erste römische Provinz ward, und zahlten 3200 Talente Silber (13½ Millionen Mark).

XX.
Der zweite punische Krieg (219–201).
Hannibal.

1. Hannibals erstes Auftreten.