Perseus endete in römischer Gefangenschaft. Makedonien wurde in vier gänzlich von einander getrennte Gemeinwesen geteilt. Mit dem Siege bei Pydna war Roms Oberherrschaft auf der Balkanhalbinsel entschieden.
Bei all diesen Erfolgen aber blieb die Aufmerksamkeit der Römer auch auf Karthago gerichtet, das, an günstigster Stelle der afrikanischen Nordküste gelegen, durch seinen Handel, durch die Fruchtbarkeit und den Reichtum des Landes sich von neuem zu einem Wohlstand erhoben hatte, welcher den Neid und das Mißtrauen der Römer erregte. Sie ruhten nicht eher, als bis die alte Nebenbuhlerin gänzlich vernichtet war. Der Ruhm, Rom von dieser noch immer nicht ungefährlichen Stadt befreit zu haben, fiel dem Publius Cornelius Scipio Ämilianus zu.
Dieser Mann war der Sohn jenes Ämilius Paullus, der den makedonischen König Perseus überwunden hatte. Er war ein tapferer und einsichtiger Soldat, wenn auch kein großer Feldherr, von reiner edler Sinnesweise, von einer Bildung, die ihn über alle seine Standesgenossen erhob, ein Kenner und Freund hellenischer Kunst, Literatur und Wissenschaft. Er war von dem kinderlosen Sohne des großen Scipio an Sohnes statt angenommen, führte deshalb nach römischer Sitte dessen Namen und außerdem, zur Erinnerung an sein väterliches Geschlecht den Beinamen Ämilianus. Nachdem er während der Belagerung Karthagos sich als der tüchtigste Offizier des Heeres bewährt hatte, wurde ihm der Oberbefehl übertragen. Dieser Krieg aber hatte folgende Veranlassung.
Massinissa, König von Numidien, den die Römer den Karthagern zum Nachbar und Aufseher hingestellt hatten, beunruhigte diese unaufhörlich und nahm ihnen Provinzen und Städte weg. Die wiederholten Klagen der Karthager fanden in Rom kein Gehör. Als sie endlich gegen ihn zu den Waffen griffen, sah der römische Senat darin eine Verletzung des Friedens. Der Mann, der fortwährend im Senate zur Zerstörung Karthagos aufreizte, war der schon oben ([S. 90]) erwähnte Marcus Porcius Cato.
Dieser Mann übte in Rom einen großen Einfluß auf den Senat wie auf das Volk. Als Bauer im Sabinerlande geboren, war er Zeit seines Lebens von derben bäuerischen Sitten geblieben, und ein erbitterter Feind der feineren griechischen Bildung und der damit verbundenen Sittenänderung. Wie er im punischen und makedonischen Kriege sich in vielen Schlachten hervorgetan, so war er auch im Frieden unermüdlich im Dienste des Staates und erreichte die höchsten Ämter. Als Zensor übte er gegen alle Bürger, selbst die vornehmsten, welche sich ihres Standes unwürdig benommen hatten, eine unnachsichtige Strenge. Man nennt ihn deshalb, zum Unterschiede von dem gleichnamigen Gegner Cäsars, Censorius. Zur Prüfung einer Streitsache zwischen Karthago und Massinissa war er nach Afrika geschickt worden, und sah mit Erstaunen und Sorge, wie sehr sich die Stadt in dem halben Jahrhundert des Friedens wieder gehoben hatte. Handel und Verkehr blühten, die Volkszahl war so groß wie ehemals, der Kriegshafen voll von Schiffen und die Zeughäuser angefüllt mit Waffen und aller Art von Kriegsgerät. Seit dieser Zeit stimmte Cato für die Zerstörung Karthagos und fügte jedem Vortrage, den er im Senat hielt, die Worte hinzu: „Übrigens bin ich der Meinung, daß Karthago zerstört werden muß.“ Einst brachte er einige Feigen in die Senatsversammlung. Als die Senatoren deren Größe und Schönheit bewunderten, sagte er: „Diese Feigen sind erst vor drei Tagen in Karthago gepflückt worden; so schöne Frucht trägt dies feindliche Land, und so nahe sind wir ihm.“ Durch solche und ähnliche Künste suchte Cato den Senat für seinen Vorschlag zu gewinnen.
Vergeblich erhob sich im Senat ein lebhafter Widerspruch gegen ein so ungerechtes und zugleich unkluges Verfahren. Man besorgte mit Recht, daß die Kräfte der Römer erschlaffen oder sich gegen den Staat selbst richten würden, wenn sie nicht mehr durch Furcht vor der Nebenbuhlerin angespannt oder nach außen geleitet würden. Endlich drang jedoch Cato mit seiner Meinung durch. Als bald darauf Karthago, durch die unablässigen Übergriffe Massinissas gereizt, sich mit Waffengewalt gegen ihn erhob, benutzte der römische Senat diesen Anlaß, um die Stadt des Friedensbruches anzuklagen, und die Konsuln erhielten den Befehl, von Sicilien aus nach Afrika zu gehen und den Krieg gegen Karthago zu beginnen (149).
Als die Karthager davon hörten, gerieten sie in die größte Bestürzung. Im Gefühl ihrer Schwäche schickten sie zu wiederholten Malen Gesandte nach Rom und unterwarfen sich gänzlich dem Willen der Römer. Der Senat nahm ihre Unterwerfung an und befahl ihnen dreihundert Geiseln, Söhne ihrer vornehmsten Bürger, nach Sicilien zu bringen und den Konsuln Folge zu leisten. Die Geiseln wurden gestellt, aber die Konsuln segelten gleichwohl mit ihrem Heere nach Afrika. Bei der Ankunft eines so großen Heeres schickten die Karthager von neuem eine Gesandtschaft an die Konsuln, um sie zu fragen, was sie tun sollten, und mit dem Versprechen, daß sie alles zu tun bereit wären. Die Konsuln verlangten, die Karthager sollten ihre vorrätigen Schiffe, Waffen und Kriegsmaschinen ausliefern. Die Karthager stellten ihnen vor, daß sie von inneren und äußeren Feinden umgeben wären und also ihrer Waffen bedürften. Allein die Konsuln antworteten in stolzem Tone: „Rom wird für eure Sicherheit sorgen.“ Und Karthago gehorchte noch einmal. Die Schiffe wurden verbrannt, die Kriegsgeräte ausgeliefert. Ihre Zahl soll sich auf 200000 schwere Rüstungen und 3000 Katapulten (Wurfmaschinen) belaufen haben. Hierauf riefen die Konsuln die vornehmsten Senatoren der Karthager zu sich, um ihnen die letzten Befehle des römischen Senats zu eröffnen. Sie erschienen, ein ehrwürdiger Zug von dreißig Greisen, denen eine nicht minder ehrwürdige Anzahl von Priestern und vornehmen Männern folgte. Jetzt verlangten die Konsuln im Namen des Senats: die Karthager sollten ihre Stadt verlassen und eine andere bauen, die über 10000 Schritte weit vom Meer entfernt wäre Und keine Mauern hätte; denn das jetzige Karthago müsse dem Erdboden gleich gemacht werden.
Mit Entsetzen hörten die Abgeordneten diese furchtbaren Befehle, und brachen in so herzergreifendes Wehklagen aus, daß selbst das umstehende Kriegsvolk dadurch gerührt wurde. Aber die Konsuln blieben erbarmungslos, sie bestanden auf ihrer Forderung, und die Gesandten kehrten ganz entmutigt nach Karthago zurück. Hier aber, als sich die Schreckenskunde verbreitete, bemächtigte sich des Volkes eine rasende Wut und Verzweiflung. Die Wut wendete sich zuerst gegen diejenigen der Senatoren, die zur Auslieferung der Geiseln und Waffen geraten hatten. Andere ergriffen die Abgeordneten, steinigten sie und schleiften ihre Körper durch die Straßen der Stadt. Noch andere ermordeten alle anwesenden Italiker oder zogen mit Hohngelächter in die Tempel der Götter, die, wie sie sagten, nicht einmal Kraft genug zu ihrer eigenen Verteidigung hätten. Nur wenige behielten bei der allgemeinen Aufregung einige Besonnenheit. Diese verschlossen die Tore der Stadt und trugen eine große Menge Steine auf die Mauern, um damit wenigstens den ersten Angriff zurückzutreiben.
Als die Heftigkeit des ersten Schmerzes vorüber war, versammelten sich die Senatoren von neuem. Alle waren entschlossen ihre Stadt aufs äußerste zu verteidigen und entweder zu siegen oder zu sterben. Eine rastlose Tätigkeit begann und setzte alles in Bewegung. Die Verbrecher wurden aus den Gefängnissen erlöst, die Sklaven freigelassen, die Verbannten zurückgerufen und alle Einwohner zum Waffendienst verpflichtet. Aber nun fühlte man den Mangel an Waffen. Da wandelten sich alle Tempel und öffentlichen Gebäude in Werkstätten. Alle, ohne Unterschied des Standes und Alters, Männer und Weiber, arbeiteten Tag und Nacht an der Verfertigung von Waffen. Überall suchte man Eisen und Erz zusammen und nahm sogar den Gold- und Silberschmuck von den Bildnissen der Götter. Die Weiber schnitten ihre Haare ab, um daraus Stricke zu drehen. Bei einem solchen Eifer wurden täglich 140 Schilde, 300 Schwerter, 500 Lanzen und 1000 Wurfspeere verfertigt. Sogar fünfzig neue Kriegsschiffe wurden gebaut.