Die Römer aber erwiesen dem Marius als dem Retter Italiens die höchste Ehre. Sie nannten ihn den dritten Gründer der Stadt und erteilten ihm zum sechsten Male das Konsulat. Am Triumphe aber ließ Marius den Catulus teilnehmen. Vor dem Triumphwagen mußte der gefangene Teutobod einherschreiten, ein Mann von so riesigem Wuchse, daß er noch über die Siegeszeichen emporragte.

XXIV.
Bürgerkrieg. Sulla und Marius.

1. Sulla, Feldherr gegen Mithridates, vertreibt den Marius.

Lucius Cornelius Sulla stammte aus einem patricischen Geschlechte. Ein stattlicher Mann, von vornehmer stolzer Haltung, hochbegabt, mit griechischer Sprache, Kunst und Wissenschaft gründlich vertraut, dabei ein tapferer Soldat und geschickter Heerführer, im Verkehr gesprächig, witzig, liebenswürdig und einnehmend, war er in Tugenden und Fehlern das Muster der damaligen römischen Aristokratie. Ausschweifend im Genuß, sittenlos und verschwenderisch, bewies er doch in Amt und Dienst, in den Kämpfen des Krieges und der Politik eine unermüdliche Kraft des Geistes und Leibes, und wo es den Sieg seiner Partei, der Optimaten, galt, schreckte er vor keiner blutigen Gewalttat zurück. So war er fast in allen Stücken das Gegenteil des Marius; nur in maßloser Ruhmbegier und in der Kunst der Heerführung waren beide Männer einander gleich. Schon seit dem Ende des jugurthinischen Krieges, wo Sulla dem Marius die Ehre, sich der Person des Jugurtha zu bemächtigen, entrissen hatte, lebten beide in bitterer Feindschaft, die dadurch unversöhnlich wurde, daß Marius, nach seinen glorreichen Siegen, in Rom bald offen an die Spitze der allmählich wieder erstarkten Volkspartei trat. Aber zu offenem Kampfe steigerte sich dieser Gegensatz erst, als Rom in einen neuen großen Krieg verwickelt wurde.

Mithridátes, der König von Pontus, an der Südküste des schwarzen Meeres, war ein Mann von ungewöhnlichen Eigenschaften. Körperlich ungemein stark und abgehärtet gegen alle Beschwerden, kühn und rastlos in Gefahren und Wagnissen, enthaltsam im Sinnengenuß, wilden, unbeugsamen Sinnes, doch nicht ohne alle Großmut, dabei von großem Verstand und außerordentlichem Gedächtnis, herrschsüchtig, mißtrauisch und grausam, war er ein unversöhnlicher, erbitterter Feind der Römer. Nicht zufrieden mit seinem Reiche Pontus, erweiterte er seine Macht durch Eroberung anderer Staaten Kleinasiens, wobei ihm der Umstand zu großem Vorteil gereichte, daß er, der zweiundzwanzig asiatische Sprachen redete, mit jedem Volke in seiner eigenen Sprache unterhandeln konnte. Er hatte die Absicht sich zum Herrn von ganz Asien zu machen. Schon hatte er einen römischen Feldherrn, den Manius Aquillius, geschlagen, und als er ihn in seine Gewalt bekommen, gefesselt auf einem Esel durch die Städte Kleinasiens führen und ihm zuletzt geschmolzenes Gold in den Hals gießen lassen, um in ihm die römische Habgier zu verhöhnen und zu strafen. Mit Freuden öffneten ihm die griechischen Städte, als dem Erretter vom römischen Druck, ihre Tore. Daran erließ er an alle Städte Kleinasiens den greulichen Befehl, an einem bestimmten Tage alle römischen Bürger, ohne Unterschied des Standes, Alters und Geschlechts zu töten. Mit schrecklicher Pünktlichkeit erfüllten die Obrigkeiten aller Orte den Befehl, und 80000 Italiker erlagen an einem Tage der Wut des Volkes. Nachdem Mithridates den Römern in Asien ihre Provinz entrissen hatte, streckte er seine Hände auch nach Griechenland aus, und es war hohe Zeit für die Römer gegen diesen Eroberer entscheidende Maßregeln zu ergreifen.

Kurz vorher hatte sich Sulla in dem gefährlichen Kriege der Römer mit ihren aufständischen italischen Bundesgenossen (90–88), die sich die völlige politische Gleichstellung erkämpfen wollten und auch größtenteils erlangten, ausgezeichnet und wegen seiner überall siegreichen Erfolge den Ehrennamen des Glücklichen erhalten. Während seines Konsulats (88) wurde der Krieg gegen Mithridates beschlossen, und da ihm für das folgende Jahr, bei der üblichen Verlosung der Provinzen, die Verwaltung der Provinz Asia (des westlichen Kleinasiens) zufiel, so übertrug ihm der Senat auch den Oberbefehl gegen Mithridates. Dadurch fühlte sich der alternde Marius, dessen Ehrgeiz trotz seiner 68 Jahre noch nicht gesättigt war, zurückgesetzt und gekränkt. Wenn auch kränklich, besuchte er täglich das Marsfeld und machte dort unter den jungen Männern alle körperlichen Übungen mit, um den Verdacht der Hinfälligkeit zu entfernen. Er verband sich mit dem verwegenen Volkstribunen Sulpicius Rufus, der ein ihm ergebenes Gefolge von 600 Rittern hatte, die er ihrer dem Adel feindlichen Gesinnung wegen seinen Gegensenat nannte, und außerdem noch eine Schar von 3000 Bewaffneten in seinem Sold hatte.

Mit Hilfe dieses Sulpicius und seines Anhanges wußte Marius einen Volksbeschluß zu erzwingen, durch den der Oberbefehl gegen Mithridates dem Sulla genommen und ihm, dem Marius, übertragen wurde. Unter solchen Umständen verließ der Konsul Sulla nicht ohne persönliche Gefahren die Stadt und begab sich nach Nola in Campanien, wo die ihm angewiesenen Legionen standen. Diesen stellte er die ihm widerfahrene Unbill und Gewalt vor, worauf sie ihn mit stürmischem Eifer aufforderten sie ungesäumt nach Rom zu führen, um sich sein Recht zu holen. Als daher die von Marius abgeschickten Kriegstribunen kamen, um das Heer für ihn zu übernehmen, wurden sie von Sullas erbitterten Soldaten gesteinigt. Bald rückte dieser an der Spitze von sechs Legionen gegen Rom vor. Als seine Soldaten anfangs von der Partei des Marius zurückgeschlagen wurden, befahl Sulla den Bogenschützen Brandpfeile auf die Dächer zu schießen, und ergriff selbst eine brennende Fackel. Darauf drangen seine Legionen aufs neue vor, und umsonst riefen die Anhänger des Marius Bürger und Sklaven zu den Waffen. Sulla zog siegreich in Rom ein, vertrieb den Marius, Sulpicius und zwölf ihrer Genossen aus der Stadt und brachte es dahin, daß sie als Feinde des Vaterlandes in die Acht erklärt wurden. Hierauf schickte er Reiter aus, um die Flüchtigen aufzusuchen und zu töten. Sulpicius wurde gefunden und ermordet, aber Marius entging mit seinem Sohne und einigen Freunden den Verfolgern.

2. Flucht des Marius.

Er hatte sich an der Tibermündung nach Ostia begeben, wo er ein Boot fand, das ihn aufnahm, aber durch einen Sturm genötigt wurde, bei Circeji zu landen. Von den Anstrengungen der Fahrt erschöpft, von Hunger gequält und auf allen Seiten von Gefahren umgeben, irrte Marius mit seinen Begleitern in der Gegend umher. Gegen Abend stieß er auf einige Kuhhirten, die er um Lebensmittel ansprach; allein sie waren selbst arm und konnten ihm nichts geben. Indessen rieten sie ihm doch sich eilig zu entfernen, denn eben wären Reiter dagewesen, die nach ihm geforscht hätten. Marius verließ daher die Landstraße und floh mit den Seinigen tief in den Wald. Am folgenden Morgen ging er, von Hunger genötigt, wieder an die Küste, um Unterhalt und Mittel zur ferneren Flucht zu suchen. Er war sehr ermattet, dennoch aber bestrebte er sich seine Begleiter zu erheitern. Er bat sie nicht zu verzweifeln, und erzählte ihnen folgendes Geschichtchen. Einst wäre er als Knabe auf dem Felde gewesen, da wäre ihm ein Adlernest mit sieben Jungen in den Schoß gefallen. Seine Eltern hätten die Wahrsager darüber befragt und von diesen die Antwort erhalten, er werde einst unter den Sterblichen sehr berühmt werden und siebenmal die höchsten Würden bekleiden. Durch solche und ähnliche Unterhaltungen stärkte Marius den Mut seiner Gefährten und zeigte ihnen, daß er selbst mitten im Unglück die Hoffnung hegte, noch einmal Konsul zu werden; denn schon hatte er sechsmal diese Würde bekleidet.