Marius war mit seinen Gefährten nicht mehr weit von der Küstenstadt Minturnä entfernt, als er auf der einen Seite einen Haufen Reiter erblickte, die auf ihn zueilten, und zugleich auf der andern Seite zwei Fahrzeuge gewahr wurde, die nicht weit von der Küste hinsegelten. Ohne sich lange zu bedenken, warf er sich mit den Seinen ins Meer und kam, durch zwei seiner Diener unterstützt, in eines jener Schiffe; seine übrigen Gefährten gelangten zu dem andern. Inzwischen kamen die Reiter heran und schrieen den Schiffern zu, sie sollten landen und den Marius entweder ausliefern oder über Bord werfen. Lange Zeit schwankten die Schiffer, endlich ließen sie sich durch die Bitten des alten Mannes rühren und riefen zurück, sie würden den Flüchtling schützen. Aber kaum hatten die Reiter sich entfernt, so änderten die Schiffer ihre Gesinnung. Sie fuhren zur Mündung des Liris zurück. Hier rieten sie dem Marius ans Land zu gehen, einige Nahrung zu sich zu nehmen und ruhig zu schlafen, so lange sie hier am Ufer verweilten. Er folgte ihnen, schlief ein, und sogleich entfernten sich die Schiffer. Als Marius erwachte und sich allein, von allen verlassen sah, blieb er lange Zeit entmutigt am Ufer liegen. Traurige Betrachtungen mochten sein Herz erfüllen und seinen Mut beugen. Erst nach einiger Zeit faßte er sich wieder. Er schleppte sich durch unwegsame und sumpfige Gegenden fort und kam zur einsamen Hütte eines Greises, den er um Schutz und Beistand bat. Der Greis wurde durch den Anblick des Unglücklichen gerührt und verbarg ihn unter dem gehöhlten Ufer des Liris. Aber nicht lange darauf kamen die Reiter des Sulla und verlangten die Auslieferung des Marius. Das hörte dieser; er verließ das Ufer und eilte zu den Morästen bei Minturnä. Hier zog er seine Kleider aus, tauchte sich bis ans Kinn ins Wasser und verhüllte den Kopf mit Rohr. Dennoch ward er von einigen Reitern entdeckt. Diese warfen ihm einen Strick um den Hals, zogen ihn aus dem Wasser und führten ihn nach Minturnä ins Gefängnis.

Die Obrigkeit von Minturnä war entschlossen den Befehlen des Senats zu folgen und den Marius zu töten. Sie schickte deshalb einen cimbrischen Sklaven von riesigem Wuchs ab, um durch diesen das Todesurteil vollziehen zu lassen. Als der Sklave in das Gefängnis des Marius trat, sah ihn dieser mit grimmem Blick und feuersprühenden Augen an und rief ihm mit donnernder Stimme zu: „Sklave, du unterstehst dich den Gajus Marius zu töten?“ Voll Schrecken und Entsetzen warf der Riese sein Schwert weg, lief hinaus auf die Straße und rief: „Ich kann den Marius nicht töten!“ Da wurden auch die Minturnenser unsicher in ihrem Vorhaben; sie glaubten in der Furcht des Sklaven vor dem hilflosen Greise einen Wink der Götter zu erkennen, ließen den Marius frei, versahen ihn mit Geld und Kleidung und halfen ihm zur Flucht nach Afrika.

Unterwegs hörte Marius, daß sich sein Sohn und einige seiner Anhänger in Numidien befanden und segelte daher nach dem alten Hafen von Karthago. Aber kaum war er daselbst angekommen, als ihm der Statthalter Sextius durch einen Liktor befehlen ließ Afrika zu verlassen. Marius war eben in düstere Betrachtungen versunken. Der Platz, auf welchem sonst Karthago gestanden hatte, erinnerte ihn lebhaft an den Wechsel seines eigenen Glückes. So blieb er eine Zeitlang stumm, bis ihn der Liktor fragte, ob er ihm keine Antwort an den Prätor erteilen wollte. Da sprach er die bedeutsamen Worte: „Melde dem Sextius, du habest den alten Marius auf den Trümmern von Karthago sitzen sehen.“ Bald darauf fand er seinen Sohn und dessen Gefährten. Mit diesem begab er sich auf eine Insel unweit der Küste von Afrika, wo er den Winter hindurch lebte und auf Rache sann.

3. Sullas Krieg gegen Mithridates.

Mittlerweile hatte Sulla in Rom die Wahl des ihm treu ergebenen Octavius zum Konsul durchgesetzt, neben welchem das Volk den eifrigen Marianer Cornelius Cinna wählte. Diesen ließ Sulla schwören, daß er an der Ordnung und Verfassung des Staates nichts ändern würde, und zog im folgenden Jahre (87) mit seinem Heere gegen Mithridates, dessen Feldherr Archelaos sich inzwischen Makedoniens und des größten Teils von Griechenland bemächtigt und besonders in der Stadt Athen einen festen Stützpunkt für sein Heer und seine Flotte gefunden hatte.

Sulla landete in Epirus und drang durch Thessalien und Böotien gegen Athen vor, dessen Bewohner es mit Mithridates hielten. Da seine Versuche, die von Archelaos verteidigte Stadt zu erstürmen, mißlangen, so mußte er sich zu einer langen und mühseligen Belagerung entschließen. Um sich Geld zu verschaffen, nahm er die Tempelschätze zu Delphi, und um Holz für die Belagerungswerke zu bekommen, ließ er die Bäume im Haine der Akademie fällen, wo einst der große Philosoph Platon gelebt und gelehrt hatte. Unter diesen und anderen Zurüstungen, wie sie die Belagerung erforderte, verging der Winter. Mit Beginn des Frühlings (86) wurden Stadt und Hafen enger eingeschlossen und die Versuche sie zu erstürmen mehrmals, obgleich vergeblich, erneuert. In der Stadt aber erreichte die Hungersnot einen so hohen Grad, daß die Einwohner sich entschließen mußten, mit Sulla des Friedens wegen zu unterhandeln. Ihre Gesandten hielten vor Sulla eine abgeschmackte Rede, in der sie alle Herrlichkeiten des alten Athens aufzählten und in stolzem Tone Schonung ihrer Stadt verlangten. Sulla aber schickte sie mit den Worten zurück, solche Dinge sollten sie die Schüler in den Redeschulen vortragen lassen. Endlich wurde die Stadt durch einen Zufall verraten. Spione meldeten, daß einige alte Männer in einer Barbierstube sich unwillig darüber geäußert hätten, daß eine Stelle der Stadt nicht gehörig bewacht wäre. Diese Stelle wurde in der nächsten Nacht erstiegen und die Stadt eingenommen. Raubend und mordend drangen die sullanischen Soldaten ein und richteten ein furchtbares Blutbad an. Erst am andern Tage tat Sulla der zerstörenden Wut seiner Truppen Einhalt. Er gedachte der ruhmvollen Vergangenheit der Stadt, ihrer vielen großen Männer, welche als Staatsmänner, Dichter, Künstler und Schriftsteller die Welt mit dem Glanze ihrer Namen erfüllt hatten, und rief: „Ich will vielen um weniger willen, und den Lebenden der Toten wegen verzeihen.“

Nach der Eroberung Athens zog Sulla nach Böotien, wo der Sohn des pontischen Königs und der aus Athen entkommene Archelaus mit 120000 Mann standen, denen er kaum 40000 Mann entgegenzustellen hatte. In der Nähe von Chäroneia, wo einst die Freiheit Griechenlands den Makedonern unter König Philipp und seinem Sohne Alexandros erlegen war, trafen beide Heere zusammen. Sullas Soldaten, der anstrengenden Arbeiten müde, forderten laut eine Schlacht. Ihr Wunsch ward erfüllt, und so vollständig war ihr Sieg, daß Archelaus nur mit 10000 Mann entkommen sein soll. Noch blutiger und entscheidender war die Schlacht bei Orchomenos, wo Archelaus, durch ein neues von seinem König geschicktes und besonders an Reiterei überlegenes Heer verstärkt, eine feste Stellung genommen hatte (85). Schon neigte sich der Sieg auf die Seite des Gegners, als Sulla vom Pferde sprang, einem Fahnenträger den Adler aus der Hand riß und mit den Worten: „Hier will ich sterben, und wenn man euch fragt, wo ihr euren Feldherrn verlassen habt, so sagt: bei Orchomenos!“ sich auf die Feinde stürzte. Da warfen sich seine Truppen von neuem in den Kampf und schlugen den Feind mit einem Verlust von 15000 Mann zurück. Am folgenden Tage sollen noch 30000 Mann in den nahen Sümpfen umgekommen sein. Archelaus selbst hielt sich zwei Tage lang in einem Sumpfe versteckt und entkam am dritten Tage nach der Insel Euböa hinüber.

In demselben Jahre unterhandelte Archelaus persönlich mit Sulla über den Frieden. Zu Delion in Böotien kamen beide Feldherren zusammen. Als Archelaus die Bedingungen Sullas zu hart fand, rief dieser: „Mithridates sollte es mir auf den Knieen danken, daß ich ihm die rechte Hand lasse, mit der er so viele Römer getötet hat.“ So wurden die Unterhandlungen abgebrochen. Mithridates knüpfte sie aber von neuem wieder an, als Sulla in Asien erschien. Hier hatte er mit dem König selbst eine Unterredung zu Dardanos (in der Nähe des alten Troja) wo jener in alle Forderungen Sullas einwilligte. Bei dieser Zusammenkunft schwieg Mithridates anfänglich und schien Sulla die Eröffnung der Unterredung überlassen zu wollen, doch dieser sagte: „Sprich du zuerst, da du den Frieden nötig hast; der Sieger hat das Recht zu schweigen und zu hören.“ Mithridates begann nun seine früheren Taten zu rechtfertigen, aber Sulla versetzte: „Wohl hatten diejenigen recht, die mir deine Beredsamkeit rühmten; denn es gehört in der Tat ein großer Redner dazu, solche Schandtaten zu beschönigen.“ — Der König mußte alle seine Eroberungen herausgeben, 2000 Talente (gegen 10 Millionen Mark) bezahlen und 80 Schiffe ausliefern. Die kleinasiatischen Städte, die jetzt wieder unter römische Gewalt kamen, mußten ungeheure Kriegssteuern zahlen, zusammen 20000 Talente (fast 100 Millionen Mark) und außerdem die römischen Truppen lange Zeit auf ihre Kosten unterhalten. Nie hat die Provinz Asia sich von dem Druck dieser Lasten ganz erholt. Denn um die großen Summen aufzubringen, wurden sie die Schuldner römischer Kapitalisten, denen sie hohe Wucherzinsen zahlen mußten. Sulla selbst kehrte alsbald nach dem Friedensschluß nach Rom zurück, wo seine Gegenwart dringend notwendig war, wenn nicht seine Partei den Marianern völlig erliegen sollte.

4. Cinna in Rom. Marius’ Rückkehr und Tod.

Kaum hatte nämlich Sulla im Jahre 87 Italien verlassen, als der eine der neuen Konsuln, L. Cornelius Cinna, eine Volksversammlung berief, um die Zurückberufung des Marius und der übrigen Geächteten zu bewirken. Hierbei kam es zu blutigen Kämpfen. Der andere Konsul Octavius eilte mit seinen Scharen herbei und drängte Cinna bis an die Tore der Stadt zurück; 10000 Anhänger Cinnas sollen bei dem Gemetzel das Leben verloren haben. Hilflos floh dieser, seiner Konsulwürde verlustig erklärt, nach Campanien. In Nola gewann er die Kriegstribunen der dortigen Legionen und trat dann vor den versammelten Truppen auf. Von Liktoren umgeben, mit allen Zeichen seiner konsularischen Würde angetan, begann er seine Anrede, ließ dann aber plötzlich die Liktoren abtreten und erzählte weinend, wie ihn der Senat seiner Würde entsetzt habe; er zerriß seine Kleidung, sprang von der Rednerbühne und warf sich auf die Erde. Die Soldaten ließen sich durch dieses Schauspiel zu Mitleid hinreißen, sie führten ihn zur Rednertribüne zurück, gaben ihm alle Zeichen seiner Würde zurück und versprachen den dem Konsul gebührenden Gehorsam. Nach diesem Erfolge rief er alle Anhänger der senatsfeindlichen Partei zu seinen Fahnen, lud den geächteten Marius zur Rückkehr ein, und erschien mit einem gewaltigen Heere vor Rom.