Die Zeit der Rache war für Marius gekommen. Er landete in Etrurien und brachte dort 1000 Reiter und außerdem eine Bande von mehreren Tausend Sklaven zusammen, und an der Spitze dieser wilden Rotte stieß er zum Heere Cinnas. Der Senat war außerstande, die Stadt zu verteidigen, und da zudem noch Hungersnot ausbrach, so suchte er die erbitterten Gegner durch Unterhandlungen zu gewinnen. Als die Gesandten zum Cinna kamen, fragte er sie, ob sie zu ihm als ihrem Konsul kämen. Darauf konnten sie nicht antworten und gingen unverrichteter Sache zurück. Nun erkannte ihn der Senat als Konsul an und schickte von neuem Abgeordnete an ihn. Sie fanden ihn auf seinem Amtssessel sitzend und mit allen Zeichen der konsularischen Würde angetan. Marius stand schweigend neben ihm, aber sein finsterer Blick verriet die grimmige Rachgier seines Herzens.

Die beiden Verbündeten kamen hierauf zum Stadttor. Cinna zog ein; Marius aber blieb am Tore stehen und sagte mit bitterem Lächeln: „Verbannte dürfen ja die Stadt nicht betreten.“ Cinna ließ daher sogleich das Volk zusammenkommen, um die Aufhebung des Beschlusses zu bewirken, durch welchen Marius geächtet worden war. Allein kaum hatten drei Abteilungen des Volkes für seine Rückkehr gestimmt, so konnte sich dieser nicht länger halten. Er brach in die Stadt, ließ mit wütender Grausamkeit alles, was ihm in den Weg kam, niederstoßen, befahl Sullas Haus dem Erdboden gleich zu machen, und erlaubte seinen wilden Horden die schrecklichsten Ausschweifungen. Als das Morden fünf Tage und fünf Nächte lang gedauert hatte, ward Cinna dessen überdrüssig; aber der alte Marius hatte seinen Blutdurst noch nicht gesättigt; wem er den Gruß weigerte, der wurde getötet, darunter die vornehmsten und verdienstvollsten Männer des Staates, unter anderen der Konsul Octavius, die Konsulare M. Antonius, der größte römische Redner seinerzeit, Q. Catulus, der Mitsieger bei Vercellä ([S. 118]). Da überfiel endlich Cinna mit einer Schar Bewaffneter diese Mordsklaven in ihrem nächtlichen Lager und ließ sie niedermetzeln.

Als die erste Wut vorüber war, ernannten sich Cinna und Marius eigenmächtig zu Konsuln. Marius bekleidete dieses Amt nun zum siebenten Male, aber nur auf wenige Tage. Sulla hatte den Senat von seinen Siegen über Mithridates benachrichtigt und zugleich versichert, er werde bald kommen, um an seinen Feinden Rache zu nehmen. Diese Nachricht erfüllte den alten Wüterich, der selbst seinen Parteigenossen ein Greuel und Schrecken geworden war, mit Unruhe und Angst, und vergebens suchte er den fliehenden Schlaf in maßlosem Weingenuß. In solchem Taumel befiel ihn ein hitziges Fieber, dem er nach sieben Tagen erlag. Er starb im Januar 86, am siebenzehnten Tage seines Konsulats.

5. Sullas Rückkehr und Proskriptionen. Sein Tod.

Drei Jahre hindurch behauptete sich Cinna im Konsulat, als er aber dem zurückkehrenden Sulla entgegen ziehen wollte, ward er in einem Aufstand von seinen eigenen Leuten, die nicht gegen Sulla fechten wollten, getötet. Sulla erschien an der Spitze eines siegreichen Heeres von 40000 Mann, das er überschwenglich belohnt hatte, in Italien (84), wo ihm die Marianer eine Macht von 200000 Mann entgegenstellen konnten. Aber von den sie führenden Konsuln ward der eine geschlagen, der andere von seinen Truppen, die zu Sulla übergingen, verlassen. Sulla wußte sogar das Heer des jungen Marius durch geschickte Überredung auf seine Seite zu bringen, sodaß Papirius Carbo, einer der marianischen Parteihäupter, sagte: „In Sulla steckt ein Löwe und ein Fuchs, und dieser ist noch mehr zu fürchten als jener.“ Der junge Marius warf sich in die hochgelegene feste Stadt Präneste, nicht weit von Rom, wo er sich heldenmütig verteidigte. Als aber Sulla vor den Toren Roms ein großes Heer der Samniter, den letzten Rest der aufständischen Italiker, geschlagen und vernichtet hatte, ließ sich Marius, am glücklichen Erfolge verzweifelnd, durch einen Sklaven töten. Seinen Kopf stellte Sulla auf der Rednerbühne aus und sagte spottend: „Das Bürschchen hätte erst Ruderer werden sollen, zum Steuermann war es noch zu jung.“

Nach einer Reihe von Siegen zog Sulla in Rom ein, und jetzt verwandelte er sich in den blutgierigsten Wüterich, den Rom jemals gehabt hat. Er hatte in der letzten Schlacht 6000 Gefangene gemacht. Diese ließ er in der großen Rennbahn, dem Zirkus Maximus, auf einmal niederhauen. Während dies geschah, versammelte er den Senat nicht weit vom Zirkus im Tempel der Bellōna. Hier hielt er eine drohende Rede, worin er die Senatoren nicht als Häupter eines freien Staates, sondern als pflichtvergessene Untertanen eines stolzen Gebieters behandelte. Während dieser Rede hörten die Senatoren das klägliche Geschrei jener Gefangenen, die eben im Zirkus ermordet wurden. Alle erschraken und sprangen bestürzt von ihren Sitzen auf. Nur Sulla blieb unbewegt. Ohne eine Miene zu verändern, sagte er bloß: „Laßt euch nicht stören, versammelte Väter! Was ihr hört, ist das Geschrei einiger Aufrührer, die auf meinen Befehl gestraft werden.“ Dann setzte er seine Rede fort, bis das Geschrei verstummte. Nicht lange nachher hielt er eine Rede vor dem Volk, worin er deutlich sagte, daß er keines Menschen schonen würde, der gegen ihn die Waffen getragen hätte. Der Grausame hielt Wort. Denn nun erfolgte das fürchterlichste Blutbad in Rom und ganz Italien. Vierzig Senatoren, sechzehnhundert Ritter und viele tausend Bürger wurden getötet, viele italische Städte zerstört, und jeder konnte ungestraft den ermorden, den er haßte oder dessen Vermögen er zu besitzen wünschte.

Als das Morden schon einige Tage gedauert hatte, sprach Metellus, ein Haupt der Optimaten und Parteigenosse Sullas, in der Senatssitzung zu ihm: „Wir bitten dich nicht diejenigen leben zu lassen, die du zu töten beschlossen hast, sondern nur diejenigen nicht durch Angst zu töten, die du erhalten willst.“ Sulla ward durch diese Freimütigkeit nicht beleidigt. Er erwiderte bloß, daß er selbst noch nicht wisse, wen er verschonen wolle. Hierauf sagte Metellus weiter: „Nun, so nenne uns diejenigen, die du zu töten entschlossen bist.“

Dies geschah. Sulla ließ die Namen derjenigen in Listen verzeichnen, die ihre Güter und ihr Leben verlieren sollten. Mit solchen Verzeichnissen, den sogenannten Proskriptionen, gab Sulla das erste und schrecklichste Beispiel politischen Massenmordes. Die Listen der zum Tode Bestimmten wurden öffentlich auf dem Forum ausgestellt und zugleich durch ein Gesetz bekannt gegeben, daß mit der Ächtung auch der Verlust des Vermögens verbunden sei. Sulla schickte ganze Scharen gallischer Reiter aus, um die Verurteilten aufzusuchen und umzubringen. Wer den Kopf eines Geächteten brachte, erhielt zwei Talente (fast 10000 Mark) zur Belohnung; wer einen Verurteilten aufnahm, verbarg oder ihm zur Flucht verhalf, ward mit dem Tode bestraft. Diese Achtserklärungen erzeugten die greulichsten Schandtaten. Sklaven verrieten ihre Herren, Kinder gaben ihre Eltern preis, Brüder und Gatten gerieten in Streit und tödlichen Haß. Tempel und Altäre wurden mit dem Blute der Verfolgten befleckt. Nicht nur Rom, sondern fast alle Städte Italiens waren der Schauplatz solcher unerhörten Greuel. Verrat, Undank, Meuchelmord, Bosheit, Raub und Habsucht wüteten allenthalben. Die Zahl der Getöteten ließ sich nicht genau bestimmen; in Rom sollen nahe an 5000 gefallen sein. Sulla hörte nicht eher auf durch Achtserklärungen seine wirklichen oder angeblichen Gegner zu verfolgen, als bis die Rache und die Habsucht aller seiner Anhänger gesättigt war. Ein gewisser Furfidius mahnte ihn doch einige seiner Feinde leben zu lassen, damit Menschen übrig blieben, über die er herrschen könnte.

Als Sulla seine Rache endlich gesättigt hatte, ließ er sich zum Diktator auf Lebenszeit ernennen und begann durch eine Reihe von Gesetzen die Verfassung und Verwaltung des Staates umzugestalten, wobei sein Absehen vor allem darauf gerichtet war, die Macht und das Ansehen der Optimaten und des Senates zu verstärken, die Geltung und den Einfluß der Tribunen zu schwächen, und überhaupt der verhaßten Volksherrschaft enge Schranken zu setzen. Wegen seiner Siege über Mithridates hielt er einen glänzenden Triumph, und belohnte alle Soldaten und seine Anhänger mit Geld und Landgütern.