Anmerkung. Auch für uns hat Hermann Vogel ein köstliches Blatt »Heimatschutz« geschaffen, das dem längst vergriffenen Bande I unserer Mitteilungen beigegeben wurde. Abzüge dieses Kunstblattes, auf weißen Karton gedruckt, können wir in beschränkter Anzahl zum Preise von 15 Mark noch abgeben. Für alle Heimatfreunde bildet das Blatt eine schöne Erinnerung an den gemütvollen Künstler. (Bestellung auf beigefügtem Bücherzettel erbeten.)


Kamenzer Weihnachten

Von Gerhard Stephan

Kamenz feiert wieder einmal sein Weihnachtsfest. Die andern tun es auch, aber Kamenz feiert es anders – sinniger, schöner. Man lebt hier in der »wendischen Türkei« zwar etwas hinter der Zeit her, dafür halten sich aber die alten Gebräuche auch um so länger, und wehe dem, der es wagen wollte, an ihnen zu rütteln. Am 30. April ist »Hexenabend«, im August ist es das Forstfest, das unser liebes Städtchen fast eine Woche lang in Atem hält und dessen Ausfall während des Krieges von allen Einheimischen schwer empfunden wurde. Zur Weihnachtszeit ist es »der Fackelzug«, der in so recht poesievoller Weise das liebe Christfest einleitet.

Unsre brave Freiwillige Feuerwehr muß auch hier wieder ran und die Fackelträger stellen. Auf dem alten Klosterhof der Franziskaner, der jetzt den Schulkindern als Aufenthalt während der Unterrichtspausen dient, und der auch beim Forstfest den Ausgangspunkt bildet, am bescheidenen Denkmal des größten Stadtsohnes sammelt sich die Schar der Sänger – die Schuljungen, verstärkt durch einige Mitglieder des »Sängerbundes«. Der geschäftige Kantor mustert die Reihen und erteilt die letzten Anweisungen: »Also, erst die Musik einen Vers und dann wird der erste Vers gesungen, dann kommt wieder die Musik und dann der zweite Vers!« Die Feuerwehr zündet ihre Fackeln an und verteilt sich auf den Zug, die Musik stellt sich an der Spitze auf.

Vom Turme des Rathauses ertönt es sechs Uhr, die Hauptkirche antwortet. Ihre Glocken klingen fort, sie läuten das Christfest ein. Der Zug setzt sich in Bewegung, das alte liebe Lutherlied erklingt, bald von der Musik allein gespielt, bald von den Kindern gesungen: »Vom Himmel hoch, da komm ich her!«

Durchs Klostertor geht der Zug über die Kirchstraße nach dem Markt, genau wie beim Forstfest. Stark ist die Zahl der Zuschauer, besonders die der Kinder. Für sie steht am Heiligen Abend das Programm fest: »Erst zum Fackelzug, dann heim zur Christbescherung.« Und die Alten schließen sich an, ihnen fehlt auch etwas, wenn sie nicht zum Weihnachtssingen waren. –

Die Glocken tragen es hinaus in die Ferne: Weihnachten! – Die Sängerschar hat ihren Weg zum Rathaus genommen und sich im Kreise aufgestellt. Der ganze Marktplatz aber ist schwarz. Und laut erklingen die Weihnachtslieder: »Tochter Zion freue Dich!«, »Halleluja« und das alte ewig neue »Stille Nacht«. Dann eine große Teilung der Sänger, und der Höhepunkt kommt mit dem zweichörigen: »Hosianna, gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.« »Im Namen des Herrn«, so gibt es der andere Chor zurück. (Im Kriege wurde es einmal nicht gesungen, da fehlte etwas am Weihnachtsfeste.) – Die beiden Abteilungen finden sich wieder zusammen in dem: »Nun danket alle Gott!«

Dann aber stürmt die jugendliche Schar der Sänger und Zuhörer auseinander – dem Weihnachtstische zu. Was bleibt den Alten übrig? Sie müssen auch mit. Und in wenigen Minuten ist der Platz wieder leer, als wäre nichts geschehen. Nur die Glocken singen ihr Lied weiter und jubeln es hinaus in die Ferne: »Christ ist geboren!«