Abb. 1 Kirche in Kürbitz

Allerdings wird man hier, wo es sich darum handelt, dem Leser einen Gesamtüberblick über das Ganze zu geben, ohne eine Einschränkung nicht auskommen können: das eigentliche Volkstümliche, Heimatliche findet sich im Vogtland mehr nach dem Süden zu, während der nordöstliche Teil heute von einem Netz von Industriestätten überzogen ist, die wenig Merkmale der ersteren Art aufkommen lassen. So bietet gleich Reichenbach, wo wir unsere Wanderung beginnen wollen, das Bild einer wohlhabenden Mittelstadt mit stark industriellem Einschlag, und der Ort enthält wenig, was gerade den Kunst- und Altertumsfreund zu längerem Bleiben einladen möchte. Das Hasten und Treiben der modernen Zeit pulsiert hier tagaus – tagein in dem Stadtkörper, und wie eine Erleichterung überkommt es den Wanderer, wenn er etwa um Mittag einen Blick über das Tal schweifen läßt bis hinüber zu der Höhe des Netzschkauer Kuhberges, wo eine Bismarcksäule Wacht über das nördliche Vogtland hält: aus hundert Fabrikschornsteinen strömt wie erlösend der Rauch, und Tausende von Händen feiern, um nach kurzer Zeit wieder die Arbeit zu beginnen. So ist die Stadt voll von Webereien, Färbereien und Spinnereien, und die größte dieser gewerblichen Anlagen, die Schlebersche Färberei, stellt mit ihren vielen Schornsteinen einen Organismus für sich dar, wie er in dieser Ausdehnung nicht so leicht wieder gefunden wird. Und doch vermag auch in dieser Gegend so manches daran zu erinnern, daß alles einst geworden ist und seinem Wesen nach mit Vergangenem zusammenhängt. Schon der Name der Stadt, der an den des Goldflusses, der Göltzsch, erinnert, weist auf ein hohes Alter der Ansiedlung hin, und so wird denn Reichenbach schon 1140 in zwei alten Urkunden als Stadt genannt, während Plauen damals nur als »Ortschaft« erwähnt wird. In der Altstadt fließt der Seifenbach, wo das Gold geseift, d. h. die Goldteilchen aus dem Sande herausgewaschen wurden, und auf den früheren Bergbau weisen noch heute Stollen hin, die sich in dieser Gegend erhalten haben. Reichenbach gehörte mit den umliegenden Dörfern zu der Herrschaft, mit der 1212 König Ottokar v. Böhmen von Friedrich II. belehnt wurde, und es war später zeitweise Reichslehen, bis es durch den vogtländischen Krieg wieder an Böhmen fiel. Schon zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts muß die Industrie hier bedeutend gewesen sein, bis 1720 eine furchtbare Feuersbrunst den größten Teil in Asche legte, aber diese vermochte ebensowenig wie die von 1833 den Aufschwung der Stadt zu hindern, sondern hat im Gegenteil zu ihrer Erneuerung beigetragen, so daß besonders die Bahnhofsvorstadt heute ein freundliches Bild bietet. In weit höherem Maße vermag Mylau mit seinem Kaiserschloß und der vielbogigen Göltzschtalbrücke das Auge des Wanderers zu fesseln. In der Stadt selbst ist vor allem die prächtige, reiche Stadtkirche hervorzuheben, das Schloß dagegen liegt auf einem Hügel, der nur auf einer Seite bequem zu erreichen ist. Es zerfällt in zwei Höfe: den großen westlichen Burghof mit seinen beiden viereckigen Türmen und dem verwitterten Löwen über dem Haupteingang, der zum böhmischen Wappen gehört und die frühere Zugehörigkeit des Mylauer Schlosses zu Böhmen zeigt, – dahinter der kleinere, östliche Burghof, der »Kaiserhof«, der mit seinem Bergfried und seinem Saalbau sowie dem ehemaligen Frauen- und Herrenhause noch ein ziemlich gutes Bild der früheren Zeit zu bieten vermag. Allerdings sind von der früheren Herrlichkeit des Saalbaues nur noch wenige Wappenschilde vorhanden, und das ehemalige Frauen- und Herrenhaus ist zu einer vielbesuchten Schenke geworden. Auch die Kapelle ist ihrer Würde entkleidet, so daß von ihrem Schmucke nur noch die gewölbte Decke mit rohgemalten Blumen und Engelsfiguren sowie einige Wappen übriggeblieben sind. Immerhin steht das Schloß mit seinen wuchtigen Mauern und dicken Türmen auch heute noch wie ein Wächter über Stadt und Land, und von den Fensternischen schweift der Blick gern in die Weite: nach der gewaltigen, fast hundert Meter hohen Göltzschtalbrücke, die sich in vier gigantischen Bogenreihen über das hier stark verbreiterte Göltzschtal spannt, oder nach dem gewerbfleißigen Netzschkau, das sich von dem Tale bis zur Höhe des Kuhberges hinaufzieht, dessen von Gesteinstrümmern übersäte Kuppe selbst bewaldet ist.

An der erst vor einigen Jahren gebauten Göltzschtalbahn gelangen wir durch stille Waldtäler, in denen sich heute gleichfalls hier und da eine Fabrikanlage erhebt, nach Lengenfeld, das im übrigen wie seine Nachbarstadt Treuen seiner Entwicklung nach nicht von den weiter südwärts gelegenen Städten Auerbach und Falkenstein zu trennen ist. Aber im Wettlaufe, den die letzten Jahrzehnte mit sich gebracht haben, ist die zuerst genannte Stadt zurückgeblieben: seitdem die von Bewohnern vielleicht slavischen Ursprungs lebhaft betriebene Tuchmacherei in Verfall gekommen ist, genügte die hier eingeführte Industrie (Spitzen, Filzwaren, Spinnereien) gerade noch, um die Bewohner ernähren zu können, während der Grund, der sich von hier aus bis hinauf zu den Quellmooren der Mulde zieht, in ungleich schnellerem Maße besiedelt wurde, so daß sich gerade hier die Schwankungen, denen die Industrie unterworfen ist, in der Gegenwart unangenehm bemerkbar machen. Und doch haben vor allem Auerbach mit seinem alten Schloßturm und das hochgelegene Falkenstein mit seiner schönen Kirche auch als Städte etwas Anziehendes. Besonders die letztere Stadt ging erst dann zur Industrie über, als es mit dem Bergbau vorüber war, der ihr schon im sechzehnten Jahrhundert die Rechte einer freien Stadt verliehen hatte, und wie bei Auerbach und Lengenfeld griff auch hier ein großer Brand gewaltsam ein, so daß diese Orte im wesentlichen ein neuzeitliches Aussehen haben. Der Naturfreund freilich wird gerade hinter Falkenstein die Natur des oberen Vogtlandes selbst suchen, die sich mit ihrem Waldreichtum unmittelbar hinter der Stadt nach allen Seiten auftut. Schon die Felspyramide des Lochsteins und die zackige Wand des Wendelsteins verdienen als Naturdenkmäler ebenso gewürdigt und besucht zu werden wie die Rißfälle, die in etwa einer Stunde von Falkenstein aus zu erreichen sind. In vielen kleinen Wasserfällen stürzt hier die Göltzsch zwischen Wald und Felsen in die Tiefe und zaubert die verschiedenartigsten Bilder vor das Auge des Wanderers. Wir befinden uns hier auf einer Höhe von etwa siebenhundert Metern und beinahe auf dem Kamm des Elstergebirges, das sich in dieser Gegend über das weite Gebiet des Schönecker Waldes nach Süden dahinzieht. Die Siedlungen werden spärlicher, wenn sie überhaupt das Wald- und Moorgebiet unterbrechen: ein paar Holzhütten oder höchstens das eine oder andere Dorf hat sich auf diese Höhe gewagt, und der Rauch, der von hier aufsteigt, ist an stillen Nachmittagen oft das einzige, was noch den Wanderer an die Tätigkeit des Menschen zu erinnern vermag.

Abb. 2 Kirche in Kürbitz

Die große Ausdehnung des Schönecker Höhengebietes erklärt sich übrigens daraus, daß hier mehrere Gebirgszüge zusammenstoßen: das Elstergebirge, das sich von hier aus nach Südwesten hinzieht, und von der Kirchberger Seite her der westlichste Ausläufer des Erzgebirges, der vom Kuhberge bei Schönheide beginnt und wegen seiner Höhe bis zu siebenhundert Metern eine Reihe von Genesungsstätten enthält, die, von ausgedehntem Hochwald umgeben, von ihrer luftigen Höhe aus freundlich in das gewerbfleißige Tal der oberen Göltzsch herabschauen. Auch der etwas südlich davon verlaufende vogtländische Kamm des Erzgebirges, der sich etwa vom Kranichsee bis zum Schönecker Wald dahinzieht, ist anziehend genug, um mit dem übrigen Teile dieses Gebirges einen Vergleich aushalten zu können. Um den hohen Wall, der sich hier zwischen das sächsische Niederland und das Egertal schiebt, durchwandern zu können, verläßt man am besten bei Rautenkranz, das bereits dem Vogtlande angehört, die Bahn des romantischen oberen Muldentals, die von Aue ab stundenlang zwischen Felstürmen und Wiesentälern bis zur Höhe des Schönecker Waldes hinauf dahinführt und wandert auf der wohlgebauten Straße in dem Tal der großen Pyra aufwärts, die in den Mooren des Kranichsees entspringt. Noch zwei Dörfer mit den charakteristischen erzgebirgischen Holzhäusern haben hier Platz gefunden, bis nach etwa zwei Wegstunden auch die letzten menschlichen Siedlungen aufhören und ein einsames Waldtal die Blicke des Wanderers bannt: bis fast an die drei oder vier Häuser von Sachsengrund ziehen sich von den Höhen die Fichten herab, und eintönig plätschern die Wässer im Wiesengrund, während nach der böhmischen Grenze zu der fast tausend Meter hohe Rammelsberg die Wacht hält. Was noch jenseits dieser Häuser liegt, gehört bereits der Waldwildnis an, in der sich der Weg noch eine Stunde lang hinaufzieht, bis der Kranichsee mit seinem Hochmoor sich weit über die Höhe von fast neunhundert Meter ausbreitet. Hier beginnt auch der sogenannte Schwertweg, der über den Rücken des kleinen Rammelsberges nach dem Vogtlande hinführt. Eine merkwürdige Höhenstraße, von der sich der Blick rasch nach allen Seiten weitet: im Norden die blauen Linien der Auerbacher Berge mit ihrem Waldreichtum, und nach Süden zu der Steilabfall des Gebirges nach der Egerebene, hinter der weitere Gebirgszüge Nordböhmens hervorschauen. Bei einer Waldlichtung überschreitet hier die Landstraße die Gebirgshöhe, die von Tannenbergstal nach Klingental hinüberführt. Aber wir wollen das merkwürdige Gebilde des Schneckensteins nicht vergessen, das sich bescheiden im Walde versteckt hält und der schwer zu finden wäre, wenn ihn nicht die Markierung des Verbandes vogtländischer Gebirgsvereine jedem bequem zugänglich machte. Von den Topasen ist allerdings gegenwärtig ebensowenig mehr zu sehen, als von den kleinen Schnecken, nach denen dieser einsam im Walde emporragende Fels seinen Namen hat. Auf Treppenstufen ist sein Gipfel auch für Ungeübte zu erklimmen, und man könnte, wenn man die Felsrisse und Felsblöcke vor sich hat, einen Augenblick an irgend einen Gipfel der Kalkalpen erinnert werden, wenn uns nicht die bescheidene, nur nach Norden und Westen reichende Aussicht belehrte, daß wir uns nur auf einer Höhe von etwa achthundert Meter befinden und daß wir uns durch den Waldreichtum, der hier überall zutage tritt, für die Schönheiten der Alpenwelt entschädigen müssen.

Das Elstergebirge macht hier eine ziemliche Biegung nach Süden und zieht sich waldbedeckt bis zum Kapellenberg hin – aber wir dürfen von ihm nicht Abschied nehmen, ohne der Stadt Klingental zu gedenken, die von hier aus in kurzer Zeit zu erreichen ist. Hart an der böhmischen Grenze hat sie bis heute ihr Bild als sächsische Kleinstadt bewahrt, und nur die kleine Rundkirche macht eine Ausnahme, die sich inmitten des Ortes anstatt der sonst üblichen Renaissance- oder gotischen Kirche erhebt. Mit Böhmen wird sie allerdings immer in einem gewissen inneren Verhältnis bleiben, denn es waren böhmische Musikanten, die hier herüberkamen und die Stadt gründeten – die Geigen, Trompeten und Klarinetten, die noch heute hier gefertigt werden, wandern in alle Welt, und in jedem Hause des weit bis hinauf besiedelten Grundes klingt und singt es ebenso wie in Markneukirchen, das weiter westwärts in einem Seitentale der weißen Elster eingebettet ist.

Abb. 3 Winnknock am Wendelstein

Übrigens ist auch der Kamm des Elstergebirges oberhalb Klingentals reich an Aussichtspunkten aller Art und hat auch einzelnen Gehöften Raum gegeben, sich da oben anzusiedeln, und man kann das weite Waldgebiet vom Kuhberg bei Schönheide aus stundenlang durchstreifen und findet immer wieder Punkte, die solche Wanderungen lohnend machen. Ganz einsam wird der Wald erst in der Gegend von Kottenhaide bei Schöneck, aber auch hier ist der Blick in das Waldgelände und über die Wipfel der Fichten anziehend genug, um die Beschwerden des Weges vergessen zu machen. Stundenlang schwellt ein weicher Moosteppich unter den Schritten des Wanderers, während der Kuckuck lockt und der Specht seine Schläge durch den Wald erschallen läßt. Wie ein fernes Sagen erklingt das Rauschen der Bäume und das Murmeln der Bäche, die hier oben zahlreich in dem Moore ihren Ursprung haben. Nur selten verhallt in der Ferne der Schrei einer Lokomotive, die keuchend das Muldental heraufkommt, um nach kurzer Zeit bei Schöneck wieder in weitem Bogen ins Tal hinabzufahren. Den Schwarzwald des Vogtlandes hat man diese Hochfläche genannt, und wer einmal auf ihr gewandert ist, wird diesen Vergleich nicht unrecht finden und zugeben, daß so manches, was wir bisher nur in der Ferne zu suchen pflegten, auch in unserem engeren Vaterlande zu finden ist. Erst an dem Abfalle nach Westen zu lichtet sich der Wald. Wie ein Wahrzeichen dieses Höhengebietes liegt nach dem Elstertale vorgeschoben etwa zwei Wegstunden von Falkenstein Schöneck, das schon durch seine Lage zu den seltsamsten Städten Deutschlands gehört und deshalb wert ist, längere Zeit unsere Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen.