Abb. 4 Rißfälle

Die Stadt Schöneck ist eine Bergstadt, wenn ein Ort in Deutschland überhaupt diesen Namen verdient; denn sie liegt nicht nur auf der stattlichen Höhe von siebenhundertachtundsechzig Metern, sondern sie baut sich hier auch hart am Rande der erwähnten Hochfläche auf, die sich von dem Elstergebirge zum Erzgebirge dahinzieht und nach Westen zu ziemlich rasch zum Elstertale hinabfällt. Es ist, als wäre hier oben jeder freie Platz bis zum letzten ausgenützt worden und als klammerte sich ein Haus eng an das andere, um noch auf der Höhe selbst bleiben zu können, denn schon die Hauptstraße des Städtchens führt steil abwärts und noch mehr die Verbindungswege, die von der Stadt westwärts nach den nächsten Dörfern weisen, und dem Wanderer, der etwa von Ölsnitz her heraufsteigt, muß es zu Mute sein, als habe er hier endlich die Höhe erreicht und müsse durch den Rundblick für die Mühe belohnt werden, die ihm das Steigen gekostet hat. Und das ist tatsächlich der Fall; denn zwischen jeder Häuserreihe drängt sich ein Stück vogtländischer Gebirgslandschaft hinein, und von dem Friedrich-August-Stein, der sich neben der Kirche unvermittelt aufbaut und auf dem früher eine stattliche Burg zum Schutze gegen die Sorben gestanden hat, bietet sich dem Auge eine geradezu überraschende Aussicht dar: wie auf einer Landkarte liegt das ganze Vogtland vom Kuhberg bei Netzschkau bis hinüber zum Kapellenberg an der böhmischen Grenze vor dem Auge des Wanderers ausgebreitet, und Hügel wechseln in endloser Reihe mit Wäldern, Wiesen und Dörfern, bis sich fern am Horizonte die sanften Bogen des Frankenwaldes und der bayrisch-böhmischen Berge darüber spannen. Und diese Landschaft zeigt immer neue Reize, zu welcher Zeit man sie auch betrachten mag: wenn an einem Sommerabend der rote Mond emporsteigt hinter den Bergen und die ganze Gegend in seinem Dämmerlichte versunken ist oder wenn im Herbste die Heidefeuer emporsteigen und klarer als je sich die Linien der Berge und Wälder hervorheben, oder wenn an einem Januartage die ganze Landschaft in dem Winterkleide leuchtet und die unendliche Mannigfaltigkeit dieser Landschaftsformen in tausend Farben glitzert. Nur die Stadt selbst bleibt immer dieselbe im Wechsel der Jahreszeiten, ob man sie nun von Kemmler bei Plauen sehen mag oder von Mißlareuth oder von dem Granitsockel des Kapellenberges: sie hängt, die Häuser eng um den Markt und die Kirche gedrängt, hoch oben über dem Tale, und mir fallen, so oft ich sie sehe, immer zwei Städte in Italien ein, mit denen ich sie am ehesten vergleichen möchte: Assisi in Umbrien, die Stadt des heiligen Franziskus, und Rokka di Papa, das Räubernest im Albanergebirge bei Rom, das hoch oben am Latinerberg seine Stätte gefunden hat.

Abb. 5 Großer Rammelsberg und Sachsengrund, Kammweggebiet

Die Stadt Schöneck darf sich schon im vierzehnten Jahrhundert der Rechte rühmen, die ihr von Karl IV. erteilt worden sind und ist heute wegen ihrer Lage ein stark besuchter Luftkurort geworden, während die Bewohner vorzugsweise in der Industrie (Zigarren usw.) beschäftigt sind, dagegen sind die Abhänge zwischen der Stadt und dem Elstertale erst allmählich besiedelt worden, und manches der hier liegenden freundlichen Dörfer ladet zu längerem Verweilen ein. Durch den sogenannten Buttergrund führt ein Weg stark bergab nach dem Dörfchen Marieney, das zwischen Wiesen und Wald dahingestreckt liegt und das sich rühmen kann, die Heimat des größten vogtländischen Dichters, Julius Mosen, zu sein. Dort streifte er als Knabe allein durch Wälder und Auen oder lag am murmelnden Erlenbach oder er saß stundenlang auf dem alten Kirchenboden, um dem Ticken des Perpendikels und dem Schnarren des Räderwerks der großen Kirchenuhr zu lauschen. Von dem sprachkundigen Vater wurde er schon in der Heimat in den Anfangsgründen der lateinischen Sprache unterrichtet und selbst als er auf das Gymnasium zu Plauen kam, wanderte er noch oft hinaus in das Heimatsdorf, um die Eindrücke der Jugend wachzurufen. Die schöne Gabe, Land und Leute zu schildern, die uns besonders in den Bildern »Im Mose« entgegentritt, mag auf des Vaters Art zurückgehen, wie er den Kindern die biblischen Geschichten und die Weltgeschichte erzählen könnte. Auch die rauhe Kriegszeit, die damals über das Vogtland dahinging (Mosen ist 1803 geboren), hinterließ bei dem aufgeweckten Knaben lebhafte Eindrücke und klingt in den Vaterlandsliedern wieder, durch die er volkstümlich geworden ist – wer vergißt von seinen Erzählungen das Heimweh oder Ismael, oder von seinen Gedichten Zu Mantua in Banden oder den Trompeter an der Katzbach oder den Löwen zu Braunschweig und wie die Gedichte alle heißen mögen, durch die sein Name in ganz Deutschland bekannt geworden ist. Nach der Heimat zog es ihn immer wieder zurück, mochte er nun als Aktuar in Kohren oder als Rechtsanwalt in Dresden beschäftigt sein, wo er übrigens seine glücklichste Zeit verlebte, und wie schwer mag es ihm geworden sein, als er nach dem fernen Oldenburg übersiedelte, wo er eine sichere Stelle als Hofrat und Theaterdichter im Dienste des dortigen Großherzogs gefunden hatte. Eine zunehmende Krankheit verbitterte ihm seine letzten Lebensjahre, und nur noch einmal fiel ein Lichtbild in diese Nacht, als Freunde mit vieler Mühe eine Gesamtausgabe seiner Werke veranstalteten. Zwei Fichten aus dem Vogtlande beschatten sein Grab, in welchem er nach zweiundzwanzigjährigem Leiden am 10. Oktober 1867 zur Ruhe gebettet wurde. –

Abb. 6 Schneckenstein

Von Marieney gelangen wir in zwei Stunden nach Markneukirchen, dessen wir schon bei der Erwähnung von Klingental zu gedenken hatten. Die Stadt, die zwei Kilometer von der Adorf–Aue–Chemnitzer Bahn entfernt liegt, ist neben dem genannten Orte der Hauptsitz der vogtländischen Musikinstrumentenfabrikation, und man erhält in die Reichhaltigkeit dieses Erwerbszweiges am besten einen Einblick, wenn man die wertvolle Sammlung in- und ausländischer Musikinstrumente aus älterer und neuerer Zeit besichtigt. Auch hier die Mannigfaltigkeit der Bodenformen, die für das obere Vogtland charakteristisch ist und die sich auch in dem südwestlichen Teile jenseits der Elster findet: die ganze Landschaft aufgelöst in Berg und Tal, Teilstücke von Hügeln mit Dörfern oder Einzelgehöften und Wäldern, so daß es sich auch hier lohnt, einmal seitwärts vom Elstertal selbst auf die Höhen hinaufzusteigen. Wer von Plauen kommt, wird allerdings noch durch eine ganze Anzahl von vogtländischen Städten aufgehalten werden, die sich hier, wo eine alte Straße am Elsterlauf entlang hinüber nach Böhmen führt, angesiedelt haben. So liegt gleich Ölsnitz am Ende der erwähnten Straße, die von Eger bis hierher führte, und gilt als eine der ältesten Städte des Vogtlandes, die vielleicht von den Sorben gegründet ist. Als dann die Deutschen das Land besiedelten, wurde hier eine befestigte Straßensperre angelegt, und man grub gegen einen Angriff der Feinde die großen Teiche (der letzte ist 1898 verschwunden), wobei die Befestigungsanlagen noch durch das Schloß Vogtsberg verstärkt wurden, dessen Türme auch von Schöneck sichtbar sind. Aus den Mitteln des Bergbaues – die Zinn- und Kupfergruben wurden 1519 durch Wasser zerstört – wurde die schöne St. Jakobskirche errichtet, die mit ihren beiden Türmen weit über das Städtebild hervorschaut. Sie ist ein Muster gotischen Kirchenbaues, obwohl von der ursprünglichen Anlage nur noch die Türme in ihren Unterteilen sowie ein sandsteinernes Dreipaßrelief von der äußeren Südseite des Chores erhalten sind. Auch später ist sie öfters umgestaltet worden; so erhielt sie ihre jetzige Gestalt nach dem großen Stadtbrande, während das Innere 1888/89 künstlerisch erneuert wurde. Die Türme wurden 1865 nach den Plänen von Lipsius errichtet, und auch im Inneren findet sich manches schöne Denkmal kirchlicher Kunst: die Chorfenster von C. L. Türcke in Zittau mit prächtiger Glasmalerei, sowie das Altargemälde: Abendmahl der Emmausjünger von Moritz Heidel und der Taufstein, der 1833 von E. Rietschel gefertigt worden ist. Ähnliche Umwandlungen hat auch die alte Kirche St. Katharina am alten Friedhofe durchgemacht, deren Sterngewölbe im alten Chor aus der alten Kirche noch auf das fünfzehnte Jahrhundert zurückweist. In neuester Zeit hat Ölsnitz seinen Aufschwung besonders der Industrie wie der Teppich- und Kammgarnfabrikation zu verdanken gehabt, nicht zu vergessen seine günstige Lage, durch die es besonders wegen der Nähe der sächsischen und böhmischen Bäder zu einem Standquartier für Touristen geworden ist.