Trachtenechtes Spielzeug
Von Karl Lucas, Meißen
Weihnachten naht. Es wird gebastelt, gesägt, geschnitzt, geleimt, geklebt bis über die mitternächtige Stunde hinaus. Das Weihnachtsfieber hat uns gepackt.
Auch mir ging es so. Auf dem Wunschzettel meiner Mädel waren kleine Tierchen, Männer und Bauernfrauen verzeichnet. Diese Sächelchen waren bereits in Anzahl im Besitze der kleinen Bittstellerinnen. Aber es sollten noch mehr sein. Es sind das jene reizenden Gegenstände, die aus unseren Erzgebirgsdörfern ihren Weg in jede Spiel- und Holzwarenhandlung gefunden haben. Bei ihrer Naturtreue und ihrem auch heute noch verhältnismäßig billigen Preise werden sie sehr gern gekauft. Sie treten in scharfen Wettbewerb mit den altbekannten früheren »Pfengstückchen«. Auch ärmere Leute greifen oft nach den natürlicher wirkenden »Dreiertierchen« (Friedenskurs!). Es wird der leider nicht überall befolgte Grundsatz angewandt: Wenig und gut ist besser als viel und schlecht.
Ein Vorzug der »Dreiertierchen, Fünf-Pfeng- oder Groschentierchen und -männel« ist es, daß sie sich in ein besseres Größenverhältnis zu den aus Bauklötzchen, Modellierbogen usw. aufgebauten Gebäuden einstellen. Das Spiel gibt so ein getreueres Bild der Wirklichkeit und wird natürlicher und lebendiger.
Bei anderer Gelegenheit stieß ich auf die Künstlermodellierbogen. Diese verhalten sich zu den schablonenhaften früheren Bogen wie Tag zur Nacht. Leider gibt es auch heute noch Bogen, bei deren Herstellung derartig hohe Maßstäbe wie an die Künstlermodellierbogen nicht angelegt worden sind. An zwei aufgestellten Modellen – Lappenlager und rumänisches Bauerngehöft – hatte ich erfahren können, was für ein anschauliches Bild diesen Siedelungen samt dem Leben und Treiben der Bewohner durch diese Bogen vermittelt wird.
Einem Zuge nach der Heimat folgend, wählte ich für meine Mädel das »Altwendische Bauerngehöft« (Teubner Nr. 19) aus. Eine Pappe 37 : 50 Zentimeter genügte zur Aufstellung. Dabei blieb noch Platz für Wege, Raine, Brücken, Baumgruppen, für einen Bach mit Entenpfütze. Die Gebäude wurden durch eingelegte Pappe gesteift. So entstand ein ziemlich standhaftes Spielzeug. Zur Belebung sind auf dem Bogen eine Anzahl Leute, Tiere und Bäume aufgezeichnet. Sie erfüllen ihren Zweck nicht recht. Die ausgeschnittenen, auch gesteiften Gestalten vertragen das fortgesetzte Anfassen schlecht. Dann fehlt ihnen die Körperlichkeit, die die Gebäude nach ihrer Aufstellung besitzen. Die Einbildungskraft der Kinder überwindet den Mangel der Gestalten zum Teil. Freudiger aber greifen sie zu den körperlichen Gestalten, die aus unserer sächsischen Spielwarenerzeugung hervorgegangen sind.
Ich entschied mich von vornherein für die Aufstellung der Holzsächelchen. Beim Durchstöbern der Vorräte in den Läden fand ich Tiere, Taubenschläge, landwirtschaftliche Geräte, Wagen, Hundehütten, Bienenstände in reicher Auswahl und geeignet für meinen Bauernhof. Aber Menschen, wie ich sie brauchte, konnte ich nirgends auftreiben. Um meinen Hof nicht verwaist stehenzulassen, nahm ich, was da war: Bauern, Bäuerinnen, Butterfrauen, Nachtwächter, Kinder, Geistliche, Brautleute, Kränzeljungfern, Stadtvolk. So hatte ich Leben. Aber es paßte wie die Faust aufs Auge, wenn ich in meinem Hofe den Großknecht in Älplertracht spazieren sah.
Meine Mädel freuten sich zunächst uneingeschränkt, nach und nach wurden ihnen die Widersprüche aber bewußt. Freude löste diese Entdeckung bei ihnen nicht aus.
Auch der Erwachsene spielt gern mit, wenn das Spiel heimatliche Vorstellungen und Gefühle auslöst. Eine rechte Freude kann aber bei ihm nicht aufkommen, wenn sich solche Stilwidrigkeiten fortgesetzt aufdrängen. Das bedeutet aber einen Verlust für den Erwachsenen und für das Kind. Unsere Zeit hastet. Sie löst den einen früher, den andern später aus der Umgebung, in der er seine Kindheit verlebte. Ein großer Teil unseres Volkes führt ein modernes Nomadenleben. Nur noch ganz bestimmte Volksgruppen haben sich die Seßhaftigkeit bis zu einem gewissen Grade bewahrt. Aber auch diese Kreise fangen an, den Sinn in die Weite schweifen zu lassen und das Naheliegende zu übersehen. Der sich überallhin ausbreitende Verkehr mit seinem Einebnen alles dessen, was kennzeichnend hervortreten will, läßt die besten Eindrücke der Kindheit rasch verblassen. Alles wird käuflich, verkäuflich. Es scheint, als ob jene innerlich wirkenden Werte einer Sache, die aus der Geschichte, aus der Pietät heraus zu erklären sind, schwänden. Gerade diese Werte aber machten früher eine Sache oft unbezahlbar. Darum müssen wir das alles mit Freuden begrüßen, was uns helfen könnte, jene verborgenen, in der Vergangenheit wurzelnden Werte wieder zu erschließen. Im Geiste wenigstens lerne jedes sich wieder versenken in die Schätze der Vergangenheit, damit die Gegenwart mit ihren verwickelten Verhältnissen besser verstanden werde. Alle Gegenwart ist Gewordenes. Alles Gewordene fußt in der Vergangenheit. Wir sollen nicht mehr bloß Gegenwartsmenschen sein wollen, sondern sollen uns wieder als etwas betrachten lernen, das in der Vergangenheit wurzelt. Wir werden dann einsehen, daß jedes gewaltsame Lösen der Fäden, die uns mit der Vergangenheit verbinden, einen nie wieder gut zu machenden Schaden für den einzelnen wie für die Gesamtheit bedeutet.