Unsere Spielwarenerzeugung kann uns helfen, die verborgenen Beziehungen zum Vergangenen wieder aufzudecken, kann uns helfen, Einkehr zu halten in den Tagen der Kindheit wie in denen der reifen Jahre, kann uns helfen, die Heimat durch ihre Vergangenheit zu verstehen. Ein weites unbebautes Feld breitet sich hier für diese Industrie aus. Rechte Bearbeitung muß eine gute Ernte für den Erzeuger und für die Gesamtheit unseres Volkes bringen. Gefühl und Sinn für Heimatliebe, Volkskunst, Heimatschutz würden zu gleichen Teilen durch Belehrung im Spiel schon in den Kleinen geweckt werden. Fortgesetztes Spiel mit Spielzeug, das mehr wie Spielzeug sein will, brächte diesen Sinn, diese Gefühle zum Wachstum. Schließlich würden sie beim Erwachsenen unbewußt zum unveräußerlichen Besitzstand geworden sein.
Wie können die beteiligten Industrien diese Forderungen erfüllen? Kurz gesagt dadurch, daß sie Erzeugnisse schaffen, die die Verbindung mit der Heimat erkennen lassen und echt sind, also jede Scheinkunst vermeiden. Wir brauchen Modellierbogen, die uns einen sächsischen wendischen Bauernhof, einen sächsischen ländlichen Bahnhof, ein sächsisches mittelalterliches Rathaus usw. darstellen. In unserem Vaterlande haben wir reichliche Stoffbeispiele dafür. Ferner sei zur Auswahl gestellt: Oberlausitzer Weber- und Gutshäuser – Erzgebirgische Gebäude – Moritzburg – Altes Leipziger Rathaus – Meißner Dom, Albrechtsburg, Rathaus, Bürgerhäuser – Bautzener Gebäude – alte sächsische Kirchen, Mühlen, Pochwerke – Gebäude, deren Erhaltung mit besonderer Sorgfalt oft unter Aufwendung nicht geringer Mittel durchgeführt wird (Frohnauer Hammer) – Bogengruppen mit Planzeichnungen zur Veranschaulichung der Siedlungsweisen (Pfahldorf, Rundling, Längsdorf, Dörfer mit sägeblattähnlicher Gebäudestellung, Klosterbauten, Gartenstädte, Alt-Dresden, Alt-Leipzig). Wenn heute die Festung Königstein als Modell herausgebracht würde, so würde wohl kaum etwas dagegen eingewendet werden.
Seien nun die Gebäude auszuführen vom Modellierbogen aus, seien sie besser aus einzelnen bemalten Holzteilen zusammenzuschränken, jedenfalls werden dem Kinde im Spiel die Unterschiede der Bauweisen, der Siedelungsanlagen auffallen. Fragen nach zeitlichen und örtlichen Gründen, auch nach solchen der Zweckmäßigkeit werden auftauchen. Nicht alle Fragen wird der Erwachsene befriedigend beantworten können. Er wird mit dem Kinde und durch das Kind Heimatkunde und Heimatgeschichte treiben müssen, wenn er nicht dauernd die Fragen halb oder ausweichend oder mit »ich weiß das selber nicht« beantworten will. Darum dürfen die Modellbogen nicht ohne Erläuterungsblätter gelassen werden. Gute Bücher können noch gründlichere Auskunft erteilen. Ansätze in dieser Richtung sind vorhanden. Aber die Heimatforschung hat noch genügend Brachland zu bearbeiten, ehe sie alle Wünsche nach dieser Seite hin befriedigen kann. Es gibt wohl keinen Ort Sachsens, der nichts hätte, was als bauliches Wahrzeichen für Modellzwecke festgehalten zu werden verdiente.
Zu den Modellen von Bauwerken gehört das richtige Gestaltenmaterial. Getreu dem Leben oder – wenn dies keine Kunde mehr gibt – getreu den kulturgeschichtlichen Quellen wird es dargeboten. Wie viele verborgene Schätze unsrer Heimatsammlungen, Geschichtsmuseen, Bildergalerien, Innungsschränke, Zunftladen könnten da eine fröhliche Auferstehung feiern! Wie könnte aus dem, das hinter Glas und Rahmen, Tür und Riegel wohlverwahrt gehalten wird, ein Quell der Heimatliebe entspringen! Da werden lebendig: alte Zünftler, Landsknechte, Zöllner, Sänftenträger, Narren, fahrende Gesellen. Dazu die alten Gebäude. Die Vergangenheit wird lebendig in der Gegenwart. Aus Papierstoff, Holz, Zinn, Linoleum, durch Guß, Pressen, Drehen, Schnitzen werden die zeit- und trachtenechten Gestalten hergestellt. Sie sind einzeln käuflich (zum Aussuchen). Sie können aber auch – zu fein abgestimmten Gruppen geordnet – in widerstandsfähigen Schachteln erstanden werden, die recht wohl die überlieferte Aufschrift tragen können: Andenken an … Zur Erinnerung an … Oheim Max bringt dem kleinen Hans eine Schachtel mit: Andenken an Leipzig. Drinnen liegen Studenten in Wichs. Das Fräulein mit farbigem Band ist Base Lotte, die Studentin. Burschen heraus zum Couleurbummel! Muhme Alma bringt eine Schachtel mit: Erinnerung an Meißen. Da sind zu sehen: Aschekarl, Aschemarie mit dem Spitz auf dem Arme, Kalmus, der dumme Junge von Meißen, ein Fremder mit der Fummel, Winzer, Winzerinnen. Freiberg wartet auf mit Bergstudenten, Bergleuten in Parade- und Arbeitstracht, Kloster Marienstern mit Osterreitern und Nonnen, Bautzen mit dem Taubenjokel, wendischen Männern und Frauen und Kindern, dem Hochzeitsbitter, der Braut und dem Bräutigam, Oybin mit Mönchen. Anderswo gibt es beim Schützenfeste die ganze Schützengilde in einer Schachtel wohlverwahrt zu erstehen. Radeberg knüpft an seine Bürgerwehr, seinen ehemaligen Bergbau, sein Gregoriusfest, seine Soldaten an. Leppersdorf und Augustusbad bieten an eine Einsiedelei mit Bäumchen, Hasen, Rehen, kleinen Vöglein und dem »Lampert im Walde«. Ein Steinkreuz, ein Grenzstein, ein altes Denkmal gehört auch manchmal in so eine Schachtel. Schmiedefeld bei Stolpen und andere Orte waren vor Einführung der Eisenbahn belebtere Orte als jetzt. Sie lagen an den alten Poststraßen. Eine Schachtel zeigt als Inhalt eine alte Postkutsche, ein Land-(fracht-)fuhrwerk, Zöllner, Torwächter, Handwerksburschen, Reisende in Biedermeiertracht. Kriegszeiten haben viele sächsische Orte durchleben müssen (Hussiten-, Schweden-, Franzosenzeit). Kamenz bringt bei seinem Forstfeste eine Schachtel heraus, deren Inhalt die Erinnerung an eine glückliche Errettung aus solch schweren Tagen wach hält. Bei Regimentstagen können Gestalten in den Regimentstrachten der verschiedenen Zeiten vertrieben werden. Vom Trachtenfest »Biedermeierzeit« bringen Vater und Mutter eine Spielschachtel mit, die entsprechende Gestalten, Rosenlauben, grüne Hecken enthält. Das, was bei Ausstellungen mit den »alten Städten« (Vergnügungsecken) geboten wird und nach seiner oft recht beachtlichen geschichtlichen Treue wert wäre, länger zu bestehen, das könnte in verkleinerter Ausgabe zum Spiel geschaffen, als Andenken verkauft werden.
Im Vereine mit guten Gebäudenachbildungen müssen solche Geschenke oder Andenken in Vergangenheit und Gegenwart vertiefen helfen, müssen sie alt und jung zur Besinnung einladen. Die Sachen haben ja etwas zu erzählen. Der Quell der Sage und Geschichte muß da sprudeln. Kinder und Erwachsene werden beim Spiel oft in den Geleisen wandeln, die der Darstellung zugrunde liegen. Wie wir aber einen »Freiberger Bauerhasen« stets mit einer gedruckten Erklärung zu kaufen bekommen, so darf bei all diesen Sachen nicht mit frisch und lebendig geschriebenen Erläuterungen gespart werden.
Trachtenechte Puppen, stilgerechte Puppenmöbel (Himmelbetten, Bauerntische, Schemel, Wiegen, Stühle, geblümte Vorhänge, Teller, Tassen, Kannen), eine rechte Bauernstube, Weberstube, Patrizierstube, Spinnstube: das müßte Mädchen eine wirkliche Freude geben!
Das sind wirkliche Reiseandenken, die ihren Zweck erfüllen, ein Band zu schlingen über den Geber hinweg vom Empfänger zum kulturgeschichtlichen, heimatkundlichen Stoff. Das kann von den jetzt noch beliebten Fangbällen, Windrädern, Abziehbildern und Postkarten auf Holzquerschnitten, Steingutsachen u. a. m. nicht behauptet werden. Welche Sorte von Reiseandenken verraten wohl Verlegenheit und Gedankenlosigkeit des Gebers, welche begegnen Verlegenheit und Gleichgültigkeit beim Empfänger?
Strenge Wahrhaftigkeit in der Darstellung des trachtenechten Spielzeugs gibt den Kleinen auch wahre Anschauungen. Eine nach irgendeiner Seite hinzielende, da hinzufügende, dort verheimlichende Scheinkunst ist verpönt. Sie würde Truggebilde der Heimat erzeugen und die Jugend verwirren. Für die Jugend muß nur das Beste gerade gut genug sein. Aber auch viele Erwachsene gleichen in dieser Hinsicht Kindern und verlangen die gleiche Behandlung. Auch ihnen dürfen wir das Bild der Heimat durch Unwahrhaftigkeit des gebotenen Spielzeuges nicht entstellen oder verzerren.
Die Bestandteile der Kleinspielzeugkästen werden etwas schematisch, maschinenmäßig aussehen. Auf die Maschinenhilfe kann aber aus Gründen möglichster Billigkeit nicht verzichtet werden. Doch der handarbeitende Holzschnitzer mag nicht abseits stehen. Wie verschieden können ein Student, Soldat, Bergmann, Mönch, Bauer, Schützenhauptmann gestaltet werden in Bewegungen, Gesichtszügen, Farbengebung! So können wir auch mit handgeschnitztem Kleinspielzeug unsere Schachteln füllen, die freilich nur zu einem höheren Preise zu haben sein könnten. Ein Vergleich von geschnitzten und gedrehten Figuren wird die Berechtigung des Preisunterschiedes beweisen. Der Schnitzer kann seine Gestalten aus dem Bereiche des gewöhnlichen Spielzeuges in das Gebiet des Kleinkunstwerkes erheben. Ich erinnere mich der Ausstellung von Krippenfiguren in Dresden. Wie verschieden hatte jeder einzelne Aussteller sein persönliches Empfinden in einem gegebenen Stoffe zum Ausdrucke gebracht. Bewegung, Ausdruck, Farbe, Gruppierung usw., das alles zusammen genommen brachte trotz Gleichheit des Vorwurfes doch durch die selbständige Auffassung der einzelnen Verfertiger große Unterschiede heraus. Dazu kam die unterschiedliche Beherrschung und Anwendung der einzelnen Techniken. Neben etwas schematisch anmutenden Sachen waren reizende kleine Kunstwerke vertreten, bei denen die Schablone einer durchgeistigten Auffassung hatte weichen müssen. So braucht sich auch der Gestalter einzelner Personen vom trachtenechten Spielzeug nicht sklavisch an überlieferte Bewegungs-, Ausdrucks- und Kompositionsschemen zu halten, sondern kann diese etwas traditionellen Sachen mit seinem eigenen Geiste durchdringen, bezw. durchbrechen, wenn am letzteren nicht höhere Gesichtspunkte hindern sollten. Tracht und Farbengebung ist ja doch durch die Überlieferung festgelegt. Mancher Käufer wird dann die auch nicht besonders billigen Phantasiegestalten der jetzt noch herrschenden Marktware zurückweisen, um nach einer nicht so billigen, aber lebenswahren Figur zu greifen, die durch einen gut empfindenden Gestalter herausgebracht worden ist. Solche Geschenke brauchen sich nicht vor dem Tageslichte zu scheuen. Sie werden immer wieder gern angesehen.
Unsere sächsischen Spielwarenerzeuger können aber auch über die Landesgrenzen greifen. Nach guten Vorbildern kann unsere Industrie jedes außersächsische Modell lebensvoll gestalten. Für Seebäder werden Schachteln gefüllt mit trachtenechten Fischern und Fischerinnen, Seeleuten, Badegästen, Badekarren, Strandkörben – für Halle Hallorengruppen usw. So können Trachtengruppen aus dem ganzen früheren und jetzigen deutschen Vaterlande zusammengestellt werden. An Künstlermodellierbogen stehen uns für diese Zwecke eine ganze Anzahl zur Verfügung, die den Aufbau von Gebäuden aus allen Teilen Deutschlands ermöglichen. Die Verzeichnisse könnten noch durch eine Anzahl Bogen von Orten mit ausgedehntem Fremdenverkehr bereichert werden. Nach diesen Orten könnte unsere heimische Industrie ihre Erzeugnisse senden. Das Schutzwort »Gefertigt in Deutschland« könnte umgewandelt werden in »Gefertigt in Sachsen«.