Es ist eigentlich kaum ein Wunder, daß die hundert Jahre das Häuschen nicht antasteten. Die nahe Stadt wuchs sich nach anderen Richtungen aus und ließ diesen Winkel unberührt. Und daß sonst niemand ein Aufhebens von diesem Eckchen machte, gereichte ihm zum Schutz vor absichtsvollen Aufmerksamkeiten, die vielleicht gerade das zerstört hätten, was nun so reizend daran ist: seine Unberührtheit.

Wir schätzen heute solches Erbe bewußter. Aber sofort zwingen uns auch die schärfer zugreifenden Bedrohungen dazu, uns schützend vor das ideelle Gut zu stellen, das uns gelassenere Zeiten hinterließen. Denn während es bisher gut für das Häuschen war, daß es unbeachtet blieb, müssen wir heute gerade umgekehrt aller Augen darauf hinlenken und sagen: dieses kleine Haus ist ein Schatz, den ihr alle kennen und schützen und erhalten helfen müßt!


Abb. 1 Hosterwitz, gemalt von Professor C. A. Günther um 1820
(Aus dem Dresdner Stadtmuseum)

Als Weber, königlich sächsischer Kapellmeister und Musikdirektor der eben erst geschaffenen deutschen Oper in Dresden, dieses Häuschen fand, erfüllte sich ein längst gehegter Wunsch. Schon lange spähten er und seine junge Frau nach einem »Sommernest« aus, das im Sinne der damaligen Zeit anspruchslos sein, aber nicht zu weit ab von der Stadt liegen sollte. Dieses kleine Haus, das dem Hosterwitzer Winzer Felsner gehörte, entsprach allen Wünschen. Unverdrossen wanderte nun Weber immer wieder von Dresden nach Hosterwitz und zurück, um das Ausmaß irgend eines Raumes zu holen, das Caroline zum Plane der Einrichtung brauchte. Und nachdem er sich so und so oft diesen Weg »entlang komponiert« hatte, bezog das Paar glückstrahlend am 18. Juni 1818 das erste Stockwerk des Häuschens, das ihm zum Sommerparadies wurde.

Wir fahren heute in fünfzig Minuten mit der Straßenbahn von Dresden nach Hosterwitz. Damals kostete das einen strammen Fußmarsch. Und man kann sich eine Vorstellung von dem festlichen Umstande machen, den alljährlich die Übersiedlung in die Sommerresidenz verursachte, wenn man der launigen Schilderung gedenkt, die Wilhelm von Kügelgen in seinen Jugenderinnerungen eines alten Mannes von der Badereise seiner Mutter von Dresden nach Lotzdorf bei Radeberg gibt: »Unser dottergelber Reisewagen ward nun hochbepackt mit allem Nötigen, mit Koffern, Waschen und darüber hingeschnallten Bettsäcken, vier Pferde wurden vorgelegt und die ungeheure Maschine setzte sich in Bewegung.«