Auch Weber reiste mit einer solchen »Maschine«. Und später schaffte er sich, um den häufig nötigen Fußmarsch zu ersparen, auch eine Equipage an und versteifte sich darauf, selbst zu kutschieren, wobei er freilich übel debütierte und nach der dritten Fahrt kleinlaut zu Fuß in Hosterwitz ankam, während ein Bursche Tier und Wagen nachführte. Er besaß aber später stets zwei Pferde, Reise- und Stadtwagen und eine nach damaliger Sitte reich in Rot und Gold dekorierte Droschke. Und es war eine seiner kleinen Eitelkeiten, daß man seine Equipage zu den elegantesten der Stadt zählte.


Hosterwitz lag damals wirklich weit ab von der Stadt, und die Reise dahin war schon ein Ereignis in einer Zeit, in der das Linckesche Bad an der Elbe und Findlaters Weinberg hinter der heutigen Saloppe die Ausflugsziele der Dresdner waren. Das hübsche Aquarell Professor Günthers aus dem Jahre 1820 im Dresdner Stadtmuseum gibt eine deutliche Vorstellung davon, wie ländlich und abgeschieden das kleine Dorf am Fuße der Rebenberge lag. August Schumanns Staats-, Post- und Zeitungs-Lexikon berichtet in dem 1817 erschienenen Bande, daß Hosterwitz nur 21 Häuser und 113 Einwohner zählt, und fügt im Ergänzungsbande von 1830 hinzu: »Hosterwitz liegt in und vor dem Keppgrunde, unstreitig in einer der reizendsten Gegenden Sachsens, welche wir selbst jenen von Pillnitz und Loschwitz noch vorziehen möchten, da hier die ansehnlichen Berge fast jeder Art von Bekleidung, nicht das Einerlei der ununterbrochenen Weinpflanzungen zeigen; auch haben die hiesigen und poyritzer Wiesen einen auffallend üppigen Charakter.«


In dieser friedlichen Landschaft lag nun Webers Sommerparadies, in dem er Ruhe, Erholung von den ewigen Kämpfen mit seinen Dresdner Widersachern und erfrischende Anregungen zum Schaffen fand.

Die Ströme, die aus dieser Umgebung in seine Arbeit hinüberfließen, pulsen immer. Die Kantate, der er den Titel »Natur und Liebe« gab, spiegelt ja geradezu im Duett »Holde, zaubrisch-schöne Hügel« die Lieblichkeit des Elbtales musikalisch wieder. Die anmutige »Aufforderung zum Tanz«, die schönsten Partien des Freischütz, der Euryanthe, des Oberon und viele kleinere, nicht minder köstliche Werke entstanden auf den Spaziergängen um Hosterwitz und sind in diesem kleinen Hause niedergeschrieben worden.

Alle seine Schöpfungen kristallisierten sich so: eine musikalische Idee blitzte auf wie ein Stern in der Nacht, tagelang reifte sie sich aus bis zur letzten Note, und im Geiste gestaltet existierte sie längst, ehe noch eine einzige Note auf dem Papier stand. Oft überraschte er seine Freunde mit dem Vorspiel einer Komposition, die nur in seinem Kopfe, dort aber unverlöschbar fixiert war – in seinen Notizen findet sich wiederholt lange vor der Niederschrift eines Musikstückes die Bemerkung, daß er dies oder jenes »fertig gedacht« habe.

Kleinigkeiten wurden zu Anlässen seiner Schöpfungen. Ein Klarinettist seiner Kapelle begleitete ihn einst auf einem Spaziergange nach dem Linckeschen Bad. Weber schritt stumm vor sich hin. Es regnete. In der Gartenwirtschaft hatten die Kellner Tische und Stühle, meist mit den Beinen nach oben, in Gruppen zusammengesetzt. Beim Anblick dieser in Reihen und Intervallen starrenden Tisch- und Stuhlbeine blieb Weber plötzlich stehen, lehnte sich rückwärts auf seinen Stock und rief: »Sehen Sie, Roth, sieht das nicht aus wie ein großer Siegesmarsch? Donnerwetter, was sind das für Trompetenstöße!« – abends notierte er den fertig gedachten Marsch, der später im Oberon erklang.

Während eines schläfrigen Nachmittagsgottesdienstes in der Pillnitzer Kapelle hörte er das unerträglich falsche Intonieren einiger alter Weiber bei den Responsorien einer Litanei – aus diesem Eindruck entstand der Lachchor der Bauern im ersten Freischützakt.