Auf einer Fahrt nach Hosterwitz an einem Nebelmorgen wankte der Wagen durch das graue, gespenstige Gewoge – in dieser Stimmung schuf, »dachte« er die Wolfsschluchtmusik.
Als schöpferische Offenbarungen strömten ihm auf diesen Gängen rund um Hosterwitz die Ideen zu. Und in diesem Häuschen schrieb er sie nieder. In jenem kleinen Zimmer, in das die sommerlichen Baumkuppeln der Pillnitzer Maillebahn und die in wogenden Linien ziehenden blauen Hügel hereinblicken, arbeitete er. In lauen Sommernächten saß er an diesem Fenster und schrieb in fehlerlosen Partituren von den Flötenstimmen bis zum Baß vollständig mit allen Zeichen, Pausen, Pianos, Fortes in perliger Notenschrift, wie in Kupfer gestochen nieder, was in seinem Kopfe »fertig gedacht« und unvertilgbar stand. Und sein Sohn Max, sein treuer Biograph, läßt uns die frohe Feier dieser Arbeitsstunden ahnen: »Kein Piano wurde dabei angeschlagen, das volle Orchester, von guten Geistern gespielt, klang ja von selbst in seinen Ohren, während er seine zierlichen Musikschriftzeichen malte.«
Manchmal, vom Glück des Schaffens durchströmt, von jenem göttlichen Fieber erregt, das noch über das vollendete Werk hinaus nach Ausbruch drängt, trat er, nachdem er einen Nachmittag lang gearbeitet hatte, dann aus dem kühlen Hause hinaus in den Garten. Düfte strömten und die Sonne leuchtete über allem. Er schritt über den knirschenden Sand der Laube zu, in der seine Gattin nähte und stickte, warf die lange, graue Arbeitsjacke von sich, reckte die Arme und rief: »Möcht’ doch den Kerl sehen, der glücklicher ist als ich!« Und dieser Schöpfer und Kämpfer, der kein Duckmäuser und kein sentimentaler Träumer war, der Wein und volle Tische liebte, der mit adligen Kammerherren und bäurischen Hüfnern in der Keppgrundschänke Kegel schob und der dem Leben seine Kraft verschwendend hinwarf, fügte solchen Glücksausbrüchen still hinzu »Gott behüts« und lüftete sein schwarzes Käppchen.
Hosterwitz schenkte ihm schöpferische Kräfte – Hosterwitz schenkte ihm Ruhe nach der unerhörten Anspannung im Winter in der Stadt.
In diesem bescheidenen Hause verlebte er eine Reihe glücklicher Sommer und er war froh und heiter im Genusse der einfachen Freuden, die das ländliche Idyll bot. Er streifte mit Carolinen durch Täler und Wälder, tafelte mit Freunden in der wasserumrauschten Keppmühle Landbrot und Ziegenkäse, spielte stundenlang mit seinem Jungen, seinem Hunde, seiner Katze, seinem Kapuzineräffchen, lag im Grase, ließ sich die Sonne auf den Rücken scheinen und streckte, wie er seinem Freunde Lichtenstein einmal schrieb, vergnügt »alle Viere von sich«. Er mühte sich ab, aus Bindfaden und Gurten ein Geschirr für den Hund zu bauen, der Sohn, Katze und Affen spazieren fahren mußte. Und er war glücklich, wenn alles um ihn her jachterte und purzelte.
Immer stand das kleine gastfreie Haus für Freunde offen. Und Weber war stolz, wenn für die Gäste, die nur »ländliche Milch und süße Früchte« erhofften, aus der Küche Carolinens wie durch ein Wunder Eis, Moselwein, Champagner und allerhand treffliche Labe, nach eines Freundes Ausdruck »in sächsischer und österreichischer Weise kulinarisch gedichtet,« hervorquoll und sich auf Tisch und Rasen ergoß.
Ludwig Tieck war oft unter diesen Freunden. Und lange Zeit kam auch Jean Paul aus seinem Dresdner »Lenzhäuschen« nach Hosterwitz gewandert. Er kam, wie Webers Biograph ihn schildert: dick, immer ein wenig unsauber, stets von einem schnaubenden Pudel begleitet, ein alter Herr, der mit einer etwas geschraubten Jugendlichkeit kokettierte und der so gar nicht mit seinen poetischen Schöpfungen harmonierte.