Süße Lieder und innige Verse preisen das traute, hochheilige Paar noch heute. Und an allerlei volkstümlichen Gebräuchen, dem Schuhwerfen, Bleigießen, dem Rupprecht usw. hält der Erzgebirger mit Zähigkeit fest; wenn auch nicht geleugnet werden kann, daß solch’ alte Sitten mehr und mehr den Anstrich eines gesellschaftlichen Spaßes erhalten haben.

In einzelnen Orten gibt es auch noch »Metten«. Da ziehen Erwachsene und Kinder mit hellen Laternen durch die dunkle Winternacht zur Kirche, und Lied und Wort sind mehr wie sonst volkstümlichem Empfinden angepaßt. Hier haben wir die letzten Reste einer einst im ganzen Gebirge verbreiteten Gepflogenheit, nämlich die heilige Geschichte dramatisch darzustellen, die Sitte der Christ- und Mettenspiele.

Es ist hier nicht der Ort, Ursprung und Verwandtschaft mit ähnlichen Erscheinungen in anderen Teilen Deutschlands festzustellen, nur soviel sei gesagt, daß diese Spiele einst einen wesentlichen Teil der erzgebirgischen Weihnachtsgebräuche ausmachten. Wie kommt es nun, daß sie sich nicht erhalten haben, sind sie so wertlos? – Wir kommen hier auf die befremdliche Tatsache, daß sie behördlicherseits verboten wurden, daß man die Teilnehmer an solchem Tun, wie 1805 in Thalheim geschehen, sogar ins Gefängnis setzte. Es soll hier nicht untersucht werden, inwieweit diese Strafen berechtigt waren, oder ob eine volksfremde Regierung und Geistlichkeit etwas Harmloses als Profanierung des Heiligen ansahen und es zu unterdrücken suchten. Denn überrascht ist man etwas, wenn man sich in dieses Volksgut versenkt. Wunderliche, bunte Klänge umgeben uns, guter, echter Volksliederton. Allerdings an die Stelle mystischer Feierlichkeit tritt häufig ein wohltuender Humor. Die ganze heilige Geschichte ist eine heimische Angelegenheit geworden. Der Joseph ist ein alter Bekannter, er spricht sogar in der heimischen Mundart; und die Hirtengeschichte hat sich gleich draußen vor dem Dorfe am Bergwald zugetragen. Erklingt einmal ein biblischer Ton, so mutet er fast fremd an, es ist, als wenn sich in das lustige Geplapper der Kinder eingelernte Bibelsprüche und Gesangbuchverse mischen. Der deutsche Volkshumor verbindet gern einen gutmütigen Spott mit den Gefühlen der Achtung und Ehrfurcht; siehe Gottfried Keller, Wilhelm Raabe, Fritz Reuter usw. Ganz und gar liegt es dem Volke fern, die heiligen Leute zu verhöhnen, im Gegenteil, nur mit Personen, die seinem Herzen nahe stehen, die es mit Liebe und Wohlwollen betrachtet, erlaubt sich das Volk solch köstlichen Spott.

Und es gelang nicht, das alte Volksgut gänzlich auszurotten. Bis in die sechziger Jahre hinein hielten sie sich in vielen Orten, trotz aller Verbote. Voller Sehnsucht dachten die Alten an die Zeit zurück, wo sie selbst an den Spielen beteiligt gewesen. Noch 1861 fand der Gymnasialoberlehrer Gustav Mosen in Zwickau ansehnliche Reste der Spiele vor, die er in ein köstliches Büchlein sammelte und herausgab. Gewitzigte Unternehmer retteten die Spiele fürs Puppentheater. Wie beim Volkslied, so erhielten sich auch hier und da Reste von Versen im Munde des Volkes, oft unbewußt, woher die Reimlein stammten.

Und was gab man dem Volke für einen Ersatz? – Zuerst überschwemmte eine Flut von allerlei »Weihnachtsstücken« den Markt. »Dramatische Gemälde«, Weihnachtsszenen: »Landwehrmanns Weihnachten«, »Weihnachten in der Kaserne«, »Der Weihnachtsengel im Elendhause«, – süßlich, sentimental, unecht, unwahr, Kitsch über Kitsch! Eine von den Behörden sanktionierte Geschmacksverderbnis übelster Art!

Von verschiedenen Seiten, auch in den Kreisen der Geistlichen, sah man das wohl ein, und man knüpfte an die alten Christspiele an, indem man eine Anzahl sogenannter »Weihnachtsstücke« schuf, »Der Stern von Bethlehem« und andere mehr. Wirkliche Bedeutung kommt wohl von allen diesen Stücken nur dem von dem verdienten Dr. Alfred Müller bearbeiteten Mosenschen Weihnachtsspiel zu, in dem auch eigentlich volkstümliche Elemente nicht fehlen.

Durch Haaß-Berkows Wiederbelebung eines alten Weihnachtsspieles wurde ich ermutigt, unsere noch vorhandenen Spiele auf ihre Aufführungsmöglichkeit hin zu untersuchen, und ich kam zu dem Ergebnis, daß hier etwas Gutes vor dem völligen Untergang zu retten sei. Die Spiele sollten aber echt sein. Darum sah ich von einer sogenannten Bearbeitung mit Um- und Neudichtung ab. Ich reihte nur die Reste aneinander. Das Wiesaer Spiel enthält z. B. das volle Bescherungsspiel und die Herbergsszene. Beides wurde unverkürzt aufgenommen. Das Hirtenspiel entnahm ich dem Thalheimer Spiel, das Krippenspiel der Neudorfer Engelschar. Das Königsspiel war das Löwenhainer usw.

Die Aneinanderreihung ist durchaus berechtigt, denn die Spiele sind einander durchaus ähnlich, nur durch die mündliche Weitergabe verändert und angepaßt – zerspielt. Die einzelnen Szenen sind durch alte Mettenlieder verbunden, wie wir sie in örtlichen Aufzeichnungen, in Bernhard Schneiders Liederheften, Mosens Weihnachtsspiel usw. finden. Es kam die Frage des Aufführungsortes. Die alten Spieler zogen im Orte umher, die größten Stuben wurden zum Schauplatz. Aus dem ganzen Hause, aus den Nachbarhäusern kamen die Neugierigen gelaufen, um die »Engelschar« zu bewundern. In die einzelnen Wohnungen zu gehen, würde sich jetzt aus verschiedenen Gründen verbieten; da nimmt man eben eine recht große Stube des Ortes, ein Schulzimmer, die Turnhalle, einen Saal. Hier kommen die Ortsbewohner zusammen, aber nicht wie zu einem Theaterabend, – sie sollen die Spiele durchaus miterleben.

Die Chemnitzer Volkshochschule, die allen Bestrebungen des Heimatschutzes und der Volkskunde das erfreulichste Verständnis entgegenbringt, nahm sich im vergangenen Jahre der Sache an – und mit wirklichem Erfolg, denn wir mußten unser Spiel zwanzigmal wiederholen!

Wie verläuft so ein Abend?