Unterhalb der Kirche führt der Weg hinauf nach Ölsen, ins Bergland. Anfangs steigt er sacht durch eine von Fichtenwäldern eingeschlossene talartige Einsenkung, die weiter hinauf immer flacher wird und in den Bergwiesen endet.
Und während man steigt, vollzieht sich eine doppelte Bewegung der Landschaft. Wie auf einer schräggleitenden Versenkungsbühne sinken die Waldberge um Gottleuba zurück und hinab. Und darüber hinaus schwebt ebenso sacht eine ferne, große Landschaft herauf: das ganze Hügelland vor und um Dresden mit seinen Tälern, Hochebenen, Bergkuppen steigt über den sinkenden Wäldern auf. Fernsichten ins Gebirge erschließen sich feierlich.
An diesem Tage war es mitten im Juni herbstlich kühl und klar. Nach wochenlangem Regen trieb ein herber Wind ein leidenschaftliches Spiel mit Sonne und Wolken. Er jagte graues und weißes und taubenblaues Gewölk über die Sonne hin, als sei es sein Vorhaben, das Gestirn mit diesen Wolkenfetzen zu putzen. Die Sonne glänzte metallisch blank. Und verschwand wieder hinter heranjagenden Wolken, die von Zeit zu Zeit minutenlange, feine, kalte Regenschauer über die Landschaft zerstäubten – rauschende Brausebäder von Licht sprühten zur Erde. An allen Gräsern zitterten und blitzten Millionen perlfeiner Regentropfen, Millionen funkelnder Prismen im Grünen.
In diesem prickelnden Lichte blühen die Bergwiesen in Farbenjubelchören. Die reine Bergluft macht den Wuchs der Pflanzen schlanker, lichtstrebender, die Farben der Blumen leuchtender. Kornblumen und Glockenblumen blühen da oben in tieferem, satterem Blau. Der kleine rasenbildende Ginster strahlt goldener. Die Margariten schwenken ihre großsternigen Blüten auf schwankeren Stielen. Die blauroten Blütenruten des Natterkopfes strotzen hoch aufgerichtet im Klee, und die Orchideen strecken ihre violettgescheckten Blumenähren noch über das hohe Gras hinaus. Und überall prangen die orangenen Ordenssterne der Arnika, mit der die Gebirgler Kräuterschnäpse würzen und die den schönen Namen Berg-Wohlverleih führt.
Botanische Kenner wissen in diesem Bergrevier die verborgenen Standorte der stachellosen Alpenrose und der sibirischen Iris zu finden – ganze Wiesen, überblüht von blaßblauen, violett geäderten Schwertlilien. Die buttergelbe Trollblume, die der Volksmund Butterkugel nennt, die Ferkelblume und das Blutauge blühen in diesem farbenfrohen Sommerfest der Blumengöttin Flora – ein reicher botanischer Garten wird dem Freunde der »liebenswürdigen Wissenschaft«, der Botanik, geschenkt.
Lagert er sich in die blühende Wiese, so umstickt schleierfeines Labkraut, violett und gelb leuchtender Wachtelweizen, purpurner Erdrauch das köstliche Kissen von hyazinthenblauen Kreuzblumen, in das er sein Haupt legen darf. Prunkende stachellose Alantdisteln umstehen sein Lager in dichten Lanzenschwadronen und tragen ihre Purpurköpfe hoch über dem Blumengrund. Und durch diesen stolzen Distelwald schimmern, wenn man liegt, die Berge fern, forstgrün, schieferblau, duftblau, immer ferner, immer wunderblauer – man kann nicht liegenbleiben, man springt auf, schreitet durch den blumenbesteckten Speerwald der Disteln wieder dem Wege zu und wandert den Bergen entgegen, die im rieselnden Lichte wie hinter irisierenden Gläsern wallen.
Hinter Ölsen, einem wurzelechten Erzgebirgsdorf mit einem Ludwig-Richter-Kirchlein, schiebt sich unvermerkt eine spitze, dunkle Zacke über Wiesen, über umbuschte Gneisraine, über den Anstieg eines Waldes herauf. Und dann mit einem Male steht eine breitgezackte Bergkuppe da – ein dunkler Fichtenmantel hängt um eine nackte Bergschulter – das ist der Sattelberg.
Der Wiesenweg läuft in den Wald hinein und steigt. Und überrascht steht man vor dunkelfeuchten, zyklopisch getürmten Sandsteinschroffen. Ein Steintreppchen zwängt sich zwischen Felsblöcken durch. Man steht auf einer waldumschlossenen Bergwiese, vor einer Baude. Darüber kuppelt sich spitz und energisch ein Basaltgetürm auf.