Abb. 1
Nach diesem Verzeichnisse des Proviantverwalters Heylandt kann man ermessen, wie große Anforderungen an die Jägerei gestellt wurden und wie umständlich der Jagdbetrieb in der damaligen Zeit sich gestaltete. In dem bekannten Werke von Fleming: »Der Vollkommene Teutsche Jäger«, Leipzig 1719 finden sich nähere Angaben über die damals üblichen Jagdmethoden. Leider ist uns vieles von diesen Jagdgerätschaften verloren gegangen, aber vieles findet sich vielleicht noch in den Forstämtern und auf dem Lande zerstreut unbeachtet vor, dessen Erhaltung und Sammlung aus heimatlichem Interesse äußerst wünschenswert wäre. Wie schön und erstrebenswert wäre es, wenn in dem jetzt noch erhaltenen Teile des Jägerhofes, in unserm herrlichen volkskundlichen Museum, alles das gesammelt und aufgestellt würde, was von der Altsächsischen Jägerei noch erhalten geblieben ist. Unser Hofrat Seyfert würde sich gewiß einer solchen Sammlung gegenüber, die so recht eigentlich im Jägerhof am rechten Platz ist, nicht ablehnend verhalten und ihr ein bescheidenes Plätzchen einräumen. Es hat sich auch zu diesem Zweck ein Ausschuß gebildet, denen Herren vom Deutschen Jagdschutzverein, höhere Forstbeamte und Mitglieder des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz angehören. Hoffentlich nimmt dieser Ausschuß bald Veranlassung, mit einem diesbezüglichen Aufruf an die Öffentlichkeit zu treten und zur Sammlung und Ablieferung alter, auf die Jagd bezüglicher Gebrauchsgegenstände aufzufordern.
Von lebendem Inventar waren in den Hundeställen vorhanden: 37 große englische Doggen und Bärenbeißer, jeder an einer eisernen Kette, 30 Leithunde, 20 Jagdleithunde, 20 Besuchknechtsleithunde, 40 Hirschhunde, 40 Koppeljagdhunde, 5 Leib- und Kammerhunde, 50 englische Hunde, 40 Saufinder, 50 Dachsschleifer, 20 Streichweidhunde. In besonderen Behältnissen waren damals 40 Bären zu sehen. Im Löwenhaus befanden sich zwei weiße Füchse, ein Kreuzfuchs, ein indianischer Fuchs, 25 Luchse, vier weiße und ein schwarzer Bär, ein Tigertier, gelb mit schwarzen Flecken (also wahrscheinlich ein Leopard), ein Löwe, eine Löwin, jedes in einem absonderlichen Behältnis, ein »halber Pavian« und ein Affe.
Die ausländischen wilden Tiere wurden teils angekauft, teils erhielt sie der Kurfürst als Geschenk von anderen Fürsten. So erhielt König Friedrich August I. vom König von Schweden 1731 einen Löwen, zwei Löwinnen, einen Tiger, eine indische Katze, Tiere, welche ihm selbst vom Dey von Algier und Tunis geschenkt und durch einen aus Holstein stammenden freigelassenen Sklaven überbracht worden waren. 1728 erhielt er vom Markgrafen von Bayreuth vier Tiger geschenkt. Es scheint übrigens, als ob es sich öfter statt Tigern um Leoparden gehandelt hat, da auch die Wendung: »ein gefleckt Tigerthier« vorkommt. Der König Friedrich August I. kaufte auf der Leipziger Ostermesse 1727 drei Affen, ebenso 1731 ein Stachelschwein, 1729 eine Löwin, einen Tiger, einen Pavian, ein »arabisch Tier«; 1726 wurden erworben ein schwarzer Fuchs, Mammarcke genannt, und ein roter afrikanischer Fuchs (wahrscheinlich Schakal). Im Jahre 1730 rüstete August der Starke sogar eine Expedition nach Afrika aus, mit der Aufgabe, seltene Tiere entweder lebendig oder in Häuten, Skeletten oder Abbildungen zu erlangen.
K. von Weber hat über diese sächsische Expedition nach Afrika genaueres im Archiv für die Sächsische Geschichte (Bd. III, 1865) berichtet. Der Leiter der Expedition, Hebenstreit, studierte in Leipzig Medizin und ward 1729 Doktor. Durch den ihm befreundeten Leibmedikus von Heucher wurde er dem König empfohlen, dem er einen Plan einer Entdeckungsreise nach Afrika zur Erlangung seltener Tiere und Pflanzen entwickelte. Der Plan fand den Beifall des Königs, der Hebenstreit veranlaßte, sich tüchtige Reisegefährten auszusuchen. Er wählte als Zeichner Chr. Aug. Ebersbach, als Botanist Chr. Gottlieb Ludwig, als Anatomist Zach. Phil. Schulze, als Mechanist Joh. Heinr. Buchner, als Maler Chr. Friedr. Schuberth. In Hebenstreits Instruktion war bestimmt, daß er in Afrika »für die königlichen Cabinette und die Menagerie Thiere, Vögel, Kräuter, Blumen, Gewächse, Steine nebst anderen Dingen, für welche er eine aparte Spezifikation bekommen, sammeln solle« usw.; lebendige Tiere sollte er in mehreren Exemplaren kaufen und zu ihrer Wartung Leute annehmen oder Sklaven und Mohren kaufen. Er sollte flüchtig alle Sachen abmalen lassen und als Schildereien überschicken. Aus der Hofapotheke wurden ihm die nötigen Medikamente verabfolgt; außerdem erhielt er zwei Büchsen, zwei Flinten und zwei Paar Pistolen. Die Reisedauer war auf zwei bis drei Jahre bestimmt. Am 28. September 1731 wurde Hebenstreit durch den Kabinettsminister Grafen Brühl vereidigt und am 30. Oktober 1731 wurde von Leipzig aus die Reise angetreten. Am 24. Januar 1732 schifften sich die Reisenden auf einem englischen Schiffe nach Algier ein, dessen Dey die Fremdlinge wohlwollend aufnahm. Dem leidenden Sohne des Dey konnte Hebenstreit durch seine ärztliche Kunst helfen, und er erhielt als ärztliches Honorar eine junge Löwin und zwei Stachelschweine. Von der Stadt Algier reisten sie nach Blida und besuchten das Innere von Algier. In der Landschaft Amùrah erhielt Hebenstreit vom Aga einen jungen Löwen und einen jungen Bacheraluasch, bubalum Aldrovandi oder wilden Ochsen, »der die Gestalt eines Hirsches habe, dem er in allem gleiche, bis auf die Beine und Hörner, welche letztere denen der Gazelle gleichen«. Das noch junge Tier wurde mit der Milch einiger Ziegen, welche Hebenstreit kaufte, aufgezogen. Ein Marabout (Priester) beschenkte ihn ebenfalls mit einem Bacheraluasch, und zwar einem Weibchen. Hebenstreit hatte sich dem Aga angeschlossen, der mit zahlreicher bewaffneter Begleitung die Steuern eintrieb. Bei einer botanischen Exkursion erlangte Hebenstreit ein Chamäleon, das ihm von sehr großer Seltenheit erschien. Am 26. Mai 1732 traf er wieder in Algier ein und sandte seine Tiere auf einem englischen Schiffe nach Marseille. Es waren ein junger Löwe, drei Bacheraluasche, die aber auf dem Schiffe starben, zwei Gazellen, zwei Strauße, zwei Genetten, zwei Frettchen, zwei afrikanische Hühner und ein schöner Falke. Zum Wärter bestellte er einen von ihm freigekauften Sklaven, den Chirurgus Renneberg aus Schleitz. Er selbst blieb noch in Algier, von wo aus er nach Konstantia, Tunis und Tripolis ging. An der Küste in der Nähe von Bona, lernte Hebenstreit auch die Korallenfischerei kennen. In Biserta gelang es ihm, verschiedene Tiere, wie Strauße und Flamingos, sowie auch schöne Pferde zu erlangen. Zwei Mitglieder seiner Gesellschaft ließ er nebst den Tieren in Tunis zurück und ging selbst mit drei Gefährten nach Tripolis. Am 19. Dezember 1732 schifften sich die Reisenden nach Malta ein, um am 1. Februar wieder nach Tunis zurückzukehren und von da aus ganz Numidien zu bereisen. In Zaguan bekam er zwei einjährige Löwen, welche die Einwohner in einer Höhle gefangengehalten hatten. In dem seichten Kanal, den die Insel Querquenor bildet, beobachtete Hebenstreit das Fischen der Schwämme und gelangte auch in den Besitz von acht Antilopen, die dort sehr häufig waren. In dem Wüstenorte Capra erhielt er ein von ihm Audét genanntes Tier, das von der Ziege die Hörner, vom Hirsch den Kopf, die wolligen Haare vom Schaf entlehnt zu haben schien. Von Tunis aus sandte Hebenstreit am 17. April 1733 seinen Gefährten Ludwig wegen dessen schwacher Gesundheit mit den erlangten Tieren und Sammlungen auf einem Hamburger Schiff nach Europa zurück. Ludwig wurde später in Leipzig Professor der Medizin und veröffentlichte als Ergebnis seiner Reiseerfahrungen eine Epistola de vomitu navigantium. Da Friedrich August I. am 1. Dezember 1733 gestorben war, wurde Hebenstreit von dessen Nachfolger Friedrich August II. zurückgerufen. Im Mai 1733 landete er in Marseille. Für das Kgl. Naturalien- und Raritätenkabinett brachte er eine reiche Sammlung von Pflanzen, Muscheln und anderen ausländischen Seltenheiten mit. Die Zahl der lebenden Tiere war im Verhältnis zu den Kosten und der Dauer der Reise gering. Dazu kam, daß eine große Anzahl Tiere noch auf der Seereise umkam, wie z. B. Antilopen, Chamäleons, zwei Strauße. Von lebenden Tieren gelangten mit Hebenstreit nach Hamburg: sieben Strauße, welche dann in einem Gehege bei Moritzburg untergebracht wurden, zwei bunte Esel (Zebras), einige Schafe mit großen Schwänzen und Hörnern, zwei guinäische Schafe, ein Tiger (!?), ein Löwe, ein Dabba oder afrikanischer Wolf, ein Dieb (afrikanischer Fuchs), zwei Stachelschweine, eine Demoiselle (Jungfernkranich), vier afrikanische Mäuse (wahrscheinlich Springmäuse), fünf guinäische Hühner, zwei Geier, ein Adler, drei Meerkatzen, zwei Affen, allerhand Tauben. In dem mitangeführten Tiger hat man wohl einen Leopard zu vermuten, da die Verbreitung der Tiger auf Asien beschränkt ist.
Hebenstreit wirkte dann bis zu seinem im Jahre 1757 erfolgten Tode in der medizinischen Fakultät der Universität Leipzig als Professor der Pathologie und Therapie.
Abb. 2 Abbildung des Jägerhofes (aus Weck, Churf. Sächs. Residenz u. Haupt Vestung, Dresden 1685)
Die Bedürfnisse für die Tiere wurden meist durch den Oberhofjägermeister beim Kammerkollegium beantragt, und zwar für jedes Tier einzeln. Jedoch kümmerte sich König August der Starke persönlich eingehend um die Angelegenheiten des Jägerhofes und ließ sich Bericht erstatten. Das tägliche Deputat für einen Löwen betrug acht Pfund Rindfleisch, ebenso für den Leoparden; für den Tiger waren fünf Pfund Rindfleisch bewilligt, für den afrikanischen Fuchs wurden täglich zwei Groschen Verpflegungsgeld bewilligt, für einen Affen ein Groschen. Ein Luchs erhielt drei Pfund Rindfleisch. Für die Verpflegung des Stachelschweins, von dem übrigens ein Paar vorhanden war, waren zwei Groschen täglich ausgesetzt. Diese hatten sich wiederholt vermehrt, und so wurde für jedes Junge, nachdem es selbständig geworden war, ein Groschen bewilligt. Indes die mit der Auszahlung des Geldes beauftragten Beamten scheinen sehr säumig gewesen zu sein, da sich der mit der Verpflegung der Stachelschweine betraute Löwenwärter Naumann mehrfach an den König selbst wendet und um Auszahlung des rückständigen Verpflegungsgeldes bittet. Trotz der großen Summen, die die Unterhaltung der Jägerei kostete, war man doch bestrebt, möglichst sparsam zu wirtschaften, wie aus folgendem Aktenstück hervorgeht.
»Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster König und Herr!