Das obere sächsische Erzgebirge

Wanderbilder aus der Heimat von Max Esch

Bilder von A. Heinicke, Freiberg

Der Tiefstand der deutschen Mark hat der regelmäßig vor dem Kriege eintretenden Reisewut ins Ausland jetzt einen jähen Riegel vorgeschoben, von welcher Tatsache die landschaftlich hervorragenden Gegenden Deutschlands, namentlich auch die Gebirge, den meisten Vorteil hatten. Noch nie hat unser Erzgebirge einen solch starken Fremdenstrom zu verzeichnen gehabt, wie in diesem Sommer. Namentlich das obere Erzgebirge und die dortigen drei einzelnen Berge wiesen Massenbesuch auf, aber auch stille, verschwiegene Winkel in Seitentälern wurden nicht übersehen, und jedermann war des Lobes voll von den Schönheiten, dem steten Auf und Ab des Gebirges.

Das Erzgebirge mit seiner herben Schönheit – im Reiche noch leider viel zu wenig gewürdigt, denn der Massenbesuch in diesem Sommer entstammte in der großen Hauptsache aus Sachsen – besitzt ja auch so viele Gegenden, die wohl verdienen, aufgesucht zu werden. So bringt die Bahn den Fremden von Flöha – an der Dresden–Chemnitzer Hauptbahnlinie gelegen – bereits in eines der schönsten deutschen Mittelgebirgstäler, das der mittleren Zschopau, und gibt ihm so förmlich einen Hinweis auf das, was seiner nun wartet.

Durch ein enges, vielfach gewundenes Tal mit turmhohen üppig bewaldeten Felsenwänden, die auch vielfach nackte, zerfurchte basteiartige Vorsprünge und Felsnasen aus dem umrahmenden Grün hervorstrecken, fährt die Bahn, fast immer nur wenige Meter über dem Zschopauspiegel bleibend und den Windungen des wild dahinstürmenden Flüßchens folgend, ins Gebirge hinein, an den ältesten Siedlungen des Erzgebirges vorüber. Von links grüßt aus einer Talspalte bei Erdmannsdorf, nur wenige Kilometer hinter Flöha, die Wartburg des Erzgebirges, die Augustusburg, nach der hinauf eine Drahtseilbahn führt, mit ihren kompakten Türmen nach dem Zschopautal hinüber. In malerisch schöner Umgebung liegt das Städtchen Zschopau in dreihundertsiebzig Metern Höhe. Die Gründung der Burganlage in dem Städtchen, Wildeck, wird dem Sachsenherrscher Heinrich I. zugeschrieben. Noch heute heißt der älteste Teil der Burganlage (zwischen 920 und 930 erbaut), der auf dem Hofe stehende Burgfried, der »dicke Heinrich«. Sonst können uns die kleinen Häuschen des Städtchens, wie überhaupt die in allen Gebirgsorten zumeist nicht viel Charakteristisches zeigen. Die Nöte des Dreißigjährigen Krieges haben auch die alten Siedlungen im Erzgebirge nicht verschont, in ihnen ging das wertvolle Alte an Gebäuden zu Grunde, an deren Stelle trat ärmliches, nüchternes Bauwerk.

Man tut gut, in Zschopau die Reise zu unterbrechen, um eine Fußwanderung zschopauaufwärts bis Wolkenstein durch den romantischsten Teil des Flußtales zu unternehmen.

Über Scharfenstein mit seinem hoch oben liegenden alten Schlosse, das nach dem großen Brande im Mai 1921 wieder in alter Gestalt erstanden ist, führt der Weg. Auch die Burg Scharfenstein reicht in ihren ältesten Anfängen bis in die frühesten Jahrhunderte zurück. Sie wird dann in der Geschichte 1312 erwähnt, als Friedrich der Freudige sie erstürmte. Seit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts befindet sie sich im Besitz des v. Einsiedelschen Geschlechtes. Weiter ist Scharfenstein auch der Geburtsort des in ganz Sachsen bekannt gewordenen kühnen Wildschützen Karl Stülpner, dessen abenteuerliches Leben in den Schluchten und Wäldern des Gebirges vom Volke mit dem Mantel der Romantik umgeben wurde.

Abb. 1 Schloß Wildeck (Zschopau)