Hinter Hopfgarten beginnt die sogenannte Wolkensteiner Schweiz mit ihrem prächtigen Hochwalde, den pittoresken Felsgebilden und Steilwänden. Straße und Bahn führen unmittelbar an der Zschopau entlang. Vor Wolkenstein liegt in einem Seitentale das Warmbad Wolkenstein, das schon im dreizehnten Jahrhundert durch seine heißen Heilquellen von sich reden machte und das unzähligen Leidenden die Gesundheit wieder brachte. Wolkenstein selbst liegt weiter flußaufwärts. Hoch oben erhebt sich das Städtchen auf steiler, grünumsponnener Felsenwand noch heute im Schutze des alten trutzigen Schlosses, überragt von dem alten Kirchlein. Vierhundertneunzig Meter am rechten Ufer der Zschopau thront Wolkenstein hoch, während der Marktplatz zwanzig Meter tiefer und der Bahnhof gar nur dreihunderteinundneunzig Meter, also fast hundert Meter tiefer, gelegen ist. Wuchtig blickt die altersgraue Burganlage, die bereits im elften Jahrhundert in ihren Grundrissen erbaut worden ist, über die Stadt weit ins Tal hinein. Wir befinden uns hier an einer der ältesten Siedlungen des Erzgebirges, an einem ehemaligen Zentralpunkte. Es ist so interessant hier, daß sich der Naturfreund nur schwer von diesem wunderbaren Erdenfleckchen trennen kann. Die Wanderung von Zschopau aus beansprucht nur einige Stunden, so daß es ratsam erscheint, noch weiter nach Wiesenbad – ebenfalls Heilbad – im Tale durch den schönen Fichtenhochwald und vielfach auch an der Zschopau entlang, zu wandern. Prächtige Landschaftsbilder erblickt der Wanderer auch hier in reicher Fülle, so daß die mehrstündige Wanderung wie im Fluge verstrichen ist. Halbwegs zwischen Wolkenstein und Wiesenbad mündet das romantische Preßnitztal in das der Zschopau. Den Besuch dieses Tales, das von Wolkenstein aus durch eine Kleinbahn nach Jöhstadt erschlossen ist und eine gute Straße im Grunde des Tales aufweist, sollte sich kein Besucher des Erzgebirges entgehen lassen.

Von Wiesenbad an würde ich bis Annaberg die Benützung der Bahn vorschlagen. Zwar interessant ist auch das Zschopautal bis Schönfeld-Wiesa noch, und ebenso das Sehmatal, in das die Bahnlinie dann einmündet, doch den schönsten Teil hat der Wanderer, der meinem Ratschlage gefolgt ist, bereits hinter sich.

Schnell genug erblickt der Reisende den Hauptort des oberen Erzgebirges am Westabfall des achthundertzweiunddreißig Meter hohen Pöhlberges, dessen wuchtiger und umfangreicher Fuß sich aus dem Sehma- und aus dem östlich benachbarten Pöhlbachtal erhebt, um sich nach oben kegelartig zuzuspitzen und schließlich zu einer gegen hundert Meter abfallenden breiten tafelförmigen Basaltkuppe auszuwachsen, die mit ihrem dichten Fichtenhochwalde, von einem der benachbarten Berge gesehen, einer riesigen Pelzmütze gleicht.

Annaberg mit seinen gegen zwanzigtausend Einwohnern bildet in jeder Weise den geschäftlichen und gesellschaftlichen Zentralpunkt des oberen Gebirges. Es liegt hoch über dem Sehmatal und zieht sich den Hang nach dem Pöhlberge zu hinauf, klettert auch stellenweise mit seinen Häuschen ins Tal hinab, doch der Reisende erblickt das freundliche Stadtbild mit dem hohen Turm der St. Annenkirche, dem niederen des Bergkirchleins, dem Rathausturm und dem gelblichroten neuen und umfangreichen Seminargebäude als zusammenhängendes Ganzes auf dem Bergrücken über dem Tal, überragt von dem dunklen Pöhlberge mit seinem hellen Unterkunftshause und dem dreißig Meter hohen Aussichtsturm. Posamenten-, Präge-, Kartonnagen-Industrie, Perldrechslerei, Perltaschenfabrikation und -handel, Pappen- und Papierfabrikation, letztere im Tale, wo auch Holzschleifereien vorhanden sind, bilden die Erwerbszweige der Bevölkerung. Annaberg liegt über sechshundert Meter hoch.

Kein Besucher Annabergs sollte sich bei klarem Wetter die Besteigung des Pöhlbergs, der von den drei einzelnen oberen Basaltbergen allein einen gut instand gehaltenen Rundgang um den ganzen Berg aufweist, entgehen lassen. Er genießt von dem Aussichtsturm einen umfassenden Rundblick über das ganze Erzgebirge und weit ins Tiefland hinein. Sehenswert ist auch das Innere der Annenkirche und das gegenüberliegende Erzgebirgsmuseum.

Abb. 2 Blick auf Oberwiesenthal

Daran, daß Annaberg dem Erzbergbau seine Entstehung und Blüte verdankt, wie auch die Schwesterstadt Buchholz, erinnern in der Gegend noch zahlreiche alte Halden, die mit ihrem Buschwerk und Baumbestand namentlich den westlichen Sehmahöhen, gegenüber von Buchholz und Annaberg, einen parkartigen Anstrich geben. Gegenüber von Annaberg, am Fuße des sechshundertsechsundsechzig Meter hohen Schreckenberges, von dem man einen prächtigen Überblick über das zusammenhängende Bild Annaberg–Frohnau–Buchholz–Cunersdorf hat, liegt ebenfalls ein Zeuge aus jenen fernen Glanztagen, der Frohnauer Hammer, der das älteste deutsche Hammerwerk, das in seiner ursprünglichen Gestalt auf uns überkommen ist, enthält. Er wird bereits um 1300 herum als Mühlwerk urkundlich erwähnt. Seine Entstehung aber läßt sich nicht nachweisen. Aus der Mühle wurde zunächst ein Silber-, dann ein Kupferhammer und schließlich ein Eisenhammer. Die drei alten Hämmer sind noch in ursprünglicher Gestalt vorhanden, ebenso die beiden großen Schmiedefeuer mit den riesigen Holzblasebälgen. Sehenswert ist auch das ehemalige, 1697 erbaute Herrenhaus mit dem reichen Holzwerk, den Holzdecken und dem dreistöckigen hohen Schieferdach. Es befindet sich jetzt die weit im Gebirge bekannte gemütliche Hammerschenke (Pächter Max Lorenz), in der besonders erzgebirgische Lieder zur Laute gepflegt werden, in dem Gebäude. Der Hammer ist in Heft 5, Band I 1909, dieser Zeitschrift eingehend gewürdigt.

Von Annaberg sollte niemand versäumen, dem angrenzenden Buchholz einen Besuch abzustatten. Beide Städte stoßen aneinander. Tief unten, wohl gegen hundert Meter tiefer, windet sich die Sehma in engem Tale dahin, überall eingeengt von steiler baumbewachsener Felsenwand. Buchholz zählt nicht ganz zehntausend Einwohner und kann die gleiche Industrie wie Annaberg aufweisen. Es ist, was sein Stadtbild betrifft, eins der interessantesten Städtchen Sachsens. Die Häuser ziehen sich terrassenartig die Bergwände, namentlich die an der westlichen Seite, steil hinauf, so daß es den Anschein erweckt, als ob sieben und noch mehr ganz stattliche Gebäude übereinanderstehen. Während die Talstraße an der Sehma eine Höhenlage von gegen fünfhundertzwanzig Metern hat, weist die Höhenmarke am Rathause fünfhundertachtundfünfzig Meter auf, und die alte Schlettauer Straße mit ihren Häuschen steigt die steile Wand bis auf gegen siebenhundert Meter hinan. Im Mittelpunkt aber liegt die Katharinenkirche mit ihrem reichgegliederten Turme. Von Buchholz aus kann die Weiterfahrt ins obere Gebirge nun vom Bahnhof Königstraße oder vom Buchholzer Hauptbahnhofe fortgesetzt werden.