Oberwiesenthal, das auch nach seiner Verschmelzung mit Unterwiesenthal noch nicht dreitausend Einwohner zählt, kann für sich den Ruhm in Anspruch nehmen, das höchstgelegenste Städtchen Deutschlands zu sein (neunhundertachtzehn Meter). Es liegt am tiefeingeschnittenen Grenz-Pöhlbachtale und bildet mit den benachbarten Ortschaften dies- und jenseits des Bachlaufes fast eine zusammenhängende Linie bis nach dem deutsch-böhmischen Städtchen Weipert, dem Bärenstein gegenüber.
Die kleinen, zumeist in hellen Farbtönen gehaltenen Häuschen Oberwiesenthals mit den niedrigen Fenstern und den grauschwärzlichen Schieferdächern scheinen sich um die weiße stattliche Kirche mit dem hohen Turm und um das Rathaus im Rechtecke zu gruppieren. Sie bieten nicht viel des Interessanten, heimeln aber gerade ihrer Schlichtheit wegen ungemein an. Dem Fremdenverkehr entsprechend besitzt das Städtchen eine ganze Anzahl einfacher und auch vornehmerer Unterkunftsstätten, von denen das stattliche Sporthotel und das Fichtelberg-Unterkunftshaus auch den verwöhntesten Ansprüchen genügen können, ersteres auch hinsichtlich der Preise. Oberwiesenthal verdankt seine Gründung gleich Annaberg und Buchholz dem Silberbergbau, der indes im ganzen oberen Erzgebirge schon vor langen Zeiten eingestellt worden ist. Jetzt gibt einige Industrie und der lebhafte Fremdenverkehr der Bewohnerschaft Verdienstmöglichkeiten. In Oberwiesenthal wirkte auch der Malermeister Hertel, der sogenannte erzgebirgische »Herrgottschnitzer«, dessen Weihnachtsberge weit über Sachsen hinaus einen guten Ruf genossen. Nach einem arbeitsreichen Leben hat er im vergangenen Jahre die müden Augen für immer geschlossen. Schüler des Meisters setzen sein Werk fort. Das Stadtbild Oberwiesenthals wird recht wirkungsvoll abgerahmt durch die langgestreckten Keilberg- und Fichtelbergrücken.
Vom Fichtelberge aus haben ihren Ursprung die große Mittweida, die nach Nordwesten abfließt, Zschopau, Sehma und Pöhlbach, die beinahe nördlich in gewundene Täler hinabeilen. Gute Straßen führen hinab nach Crottendorf ins obere Zschopautal, ins Sehma- und Pöhlbachtal, so daß der Abstieg vom Fichtelberg nach allen Richtungen aus angetreten werden kann, da außer den eben genannten Straßen auch solche nach dem Keilberg und nach Gottesgab ins Böhmische hineinführen. Über Crottendorf gelangen wir über den Scheibenberg mit seiner prachtvollen Fernsicht über das westliche Gebirge nach dem an seiner Kuppe nur etwas über einhundertfünfzig Meter niedriger liegenden gleichnamigen Städtchen, von dort in das schöne Mittweidatal über Ober- und Unter-Scheibe nach Mittweida-Markersbach, Raschau, Grünstädtel nach Schwarzenberg ins romantische Schwarzwassertal. Eine reichliche Tagestour aber ist dazu erforderlich. Bilder hoher Romantik und solche wunderbarer Lieblichkeit wechseln in steter Folge. Von Schwarzenberg ist es bis Aue nicht allzu fern. Beide Städte liegen an der Werdau–Zwickau–Aue–Buchholz–Annaberger Bahnlinie, die das Erzgebirge von Westen erschließt. Es würde den Raum aber weit überschreiten heißen, wollte ich hier des Näheren auf diese Route eingehen.
Die Wege ins Sehmatal und in das des Pöhlbaches bringen uns wieder den alten Weg zurück, den wir gekommen sind. Nur daß das Pöhlbachtal weiter östlicher verläuft und in Sachsen nach Bärenstein noch Königswalde, in prächtiger Talmulde gelegen, Geyersdorf am Ostfuße des Pöhlberges aufzuweisen hat.
Abb. 6 Der Frohnauer Hammer
Eine prachtvolle Wanderung, hart an der Grenze entlang führt uns von Bärenstein aus durch schönen Fichtenhochwald über Berg und Tal nach dem Grenzstädtchen Jöhstadt (siebenhundertneunundvierzig Meter). Es liegt zum Teil tief unten im Schwarzwassertale, teils oben auf der Höhe und zeigt den Charakter eines echten Erzgebirgsstädtchens. Das forellenreiche, über Felsgestein einhertollende Schwarzwasser stürmt der Preßnitz zu, das es bei Schmalzgrube erreicht. Höhenzüge, Bergkuppen und -wellen von achthundertzwölf, achthundertsiebenundzwanzig, siebenhundertvierundneunzig, siebenhunderteinundachtzig, siebenhundertachtundachtzig, achthundertachtundfünfzig, achthunderteinundzwanzig Metern Höhe geben uns mit ihren dunklen Waldbekrönungen das stete Geleit auf dieser Wanderung nach dem Preßnitztal.
Schmalzgrube selbst besteht nur aus wenigen im Walde fast versteckten und verstreuten Häusern und Gehöften und ist von allen Seiten von Bergen umschlossen. Ruhe und Einsamkeit kann der Naturfreund in diesem Tale auskosten und daneben ladet die Schönheit der Natur, die köstlich reine Höhenwaldluft, die durch keinen Essenrauch verpestet wird, unwillkürlich zum Verweilen ein. Wald und Berge, soweit das Auge reicht!
Gern wird man in dem freundlichen Ort übernachten, um am nächsten Morgen eine Talwanderung nach Wolkenstein anzutreten oder aber mit der Kleinbahn dorthin zu fahren, denn auch diese führt das Tal, nur wenige Meter über der Preßnitz gelegen, und den vielen Windungen des Flüßchens treu folgend, hinab.
Das Preßnitztal mit seinen hohen Talwänden gehört zu den Perlen des oberen Erzgebirges und sollte viel mehr aufgesucht werden. Es besitzt romantische, aber noch mehr idyllische Reize auf engem Raume vereint und trägt bald Thüringer Charakter. Ich möchte es mit dem oberen Schwarzatale zwischen Katzhütte und Schwarzburg vergleichen. Schmale Bachtäler münden zudem von allen Seiten in das Tal und gestalten die Szenerie noch mannigfaltiger. Dazu kommt, daß das sächsische Preßnitztal von Schmalzgrube bis nach der Mündung eine gute Straße aufweist, die etwa drei Meilen lang ist, so daß die Talwanderung in einer bequemen Tagestour mit reichlichen Rastpunkten zu erledigen ist. Noch manche schöne Wanderung könnte ich hier anführen, doch befürchte ich, den Leser zu ermüden und auch den mir zur Verfügung stehenden Raum zu überschreiten. Vielleicht in späteren Wanderbildern etwas mehr vom Erzgebirge.