Die Schlösser im Walde
Moritzburg und Fasanenschlößchen
Von K. Berger, Leipzig
Aufnahmen von Walter Hahn, Dresden
Es liegt eine tiefe Symbolik darin, wie die deutsche Sprache die Entfernung und Entfremdung von der heimatlichen Scholle bezeichnet: »Elend« hieß im Mittelalter der Landfremde und »bodenlos«, das ist uns mehr als schlimm noch heute. Und daß gerade wir Deutschen die so tiefsinnige und weise Sage von Antäus, dessen Kraft sich immer wieder erneute, so oft er Mutter Erde berührte, so wohl nachzuempfinden vermögen, das beweist allein überzeugender als dicke Folianten die Seelenverwandtschaft, die über Zeiten und Meere das Volk Hölderlins und Winkelmanns mit dem begnadeten Stamme im klassischen Griechenland verbindet.
Ja, draußen, vor der Stadt, wo der frische Wind das dicke graue Gewölk der Alltagssorgen, etwas unsanft vielleicht, aber desto nachhaltiger hinwegfegt, draußen in Feld und Heide, von denen so viele kräftige Sprüche und frohe deutsche Lieder wissen, dort suche dir Erholung und Belebung zugleich. Trotz Winters und aller Not der Zeit wirst du sie dort auch jetzt noch immer neu finden.
Abb. 1 Jagdschloß Moritzburg
Dichter gütiger Schnee deckt nach Wochen rauhen Barfrostes Wald und Wiesen und so manche Verunzierungen älterer und neuester Zeit, indes wir langsam durch den Lößnitzgrund aufwärts steigen. Ganz still ist es, so still, daß es leise seidig knistert, so oft einer der gefiederten, heute, ach, so kleinlaut verstimmten Sänger mit seiner Schwinge Schnee von einem Zweige streift. Hinter der Meierei weitet sich das Tal; eine Wiese, rings umhegt von herben Kiefern und schütteren Birken. Ein Häuschen in Efeu steht am Rande. Spielplatz der Waldelfen im sommerlichen Mittagsflirren oder doch der Ferienkinder mit Zupfgeige und bunten Bändern und viel Sonnenglanz auf Wangen und in Augen. Wie lange noch? Vom Hange rechts ist schon mancher stattliche Stamm in den letzten Monaten zuviel abgeschlagen worden, und doppelt solange als auf gutem Boden, wird es auf dem kargen Hange währen, bis in Menschenaltern auch nur ein Baum wieder erwachsen ist, wie er, zwei Handbreit im Durchmesser, auf dem Stamme selbst heute nur wenige Papiertaler erbringt. Das geltende Recht, noch stehend unter den Nachwirkungen der Freihandelslehre, die auch dem sächsischen »Heimatschutzgesetz« von 1909 noch allenthalben grundsätzlichen Widerspruch entgegensetzte, gestattet leider den Schutz des reinen Naturdenkmals nur erst in sehr kümmerlichem Umfange. Möchte bald in unserer Zeit der gedanken- und bedenkenlosen Geldmacher und der heimatlosen wirtschaftlichen Machthaber solchem Tun durch Maßnahmen (Forstschutzgesetz!) gesteuert werden, die die Erschöpfung der besten Kraftquellen und Jungbrunnen unserer Städte und ihrer Kinder durch Fortentwicklung des geltenden Rechtes wirksam und entsprechend der Überzeugung weitester und bester Teile der Bevölkerung des Landes künftig unmöglich machen. Bannwald, Freiwald, »Friedewald« – das Blockhaus der Eisenbahnstation, die wir inzwischen durchschreiten, erinnert noch daran –, das war gerade der Forst ringsum, die spätere Burggrafenheide von der Meißner Gegend bis nach Klotzsche, selbst schon in grauen, rauheren Jahrhunderten mittelalterlicher Geschichte.
Bei Dippelsdorf endet der Grund. Jenseits liegt ein großer Teich, der den Namen des Dorfes trägt. Mitten hindurch führt auf schmalem Damme die Bahn. Wie brauste und wogte er damals, als sich tausend und abertausend weiße Wellenkämme in jenen Tag- und Nachtgleichestürmen überstürzten, die an dem Septembersonntage 1914, mit der Kunde von dem großen Siege an den masurischen Seen zugleich, brausend über das deutsche Land fuhren und drüben an der Landstraße zum Moritzburger Schlosse so manchen Stamm krachend zerpellten. Heute freilich liegen all die Teiche in der Runde tot unter Winters lähmender kalter Faust, so wie das deutsche Land ringsum.