Wenn im Spätsommer die Waldblößen im purpurnen Glanze der Weidenröschen (Epilobium angustifolium) glühen, dann erscheinen überall an sonnigen Hängen die giftigen Blüten des blaßgelben Fingerhutes (Digitalis ambigua). Während dieser noch allerwärts im Vogtland und in andern Gebirgswäldern häufig vorkommt, ist sein gleichfalls giftiger Bruder, der rotblühende Digitalis purpurea, bereits dem Aussterben nahe. Vor zwanzig Jahren waren die purpurnen Fingerhüte im Steinicht zwischen Plauen und Elsterberg, im Triebtal und Kemnitzbachtale keine Seltenheit. Heute sucht man sie dort vergebens. Sie sind verdorben, gestorben. Ebenso gefährdet ist das Dasein der wenigen noch wildwachsenden Türkenbuntlilien (Lilium Martagon) im Burgsteingebiet und am Kandelhof bei Gutenfürst. Großstädtische Sommerfrischler und botanisierende Schüler werden dafür Sorge tragen, daß dieser Schmuck des Bergwaldes demnächst verschwindet. Im Frühherbst erscheinen dann die Heerscharen der Heidekräuter oder Ericaceen. Die gewöhnliche Besenheide (Erica vulgaris L. oder Calluna vulgaris Salisb.) ist ja durchaus nicht gefährdet, wenn auch während der Kriegszeit hektargroße Flächen in Ackerland umgewandelt und ebenso große Gebiete des oberen Vogtlandes entheidet wurden und ihr Pflanzenwuchs als Stallstreu Verwendung fand. Aber sehr selten geworden ist die großblütige Sumpf- oder Moorheide (Erica Tetralix), die meines Wissens nur noch an einer einzigen Stelle des Vogtlandes vorkommt. Aus leicht begreiflichen Gründen werde ich diesen einzigen und letzten Standort nicht verraten. Ich würde sonst vielleicht das Gegenteil von dem erreichen, was ich beabsichtige.
Eine spezifisch vogtländische Ericacee, die in Otto Wünsches »Exkursionsflora für Sachsen« als »sehr selten« bezeichnet wird, ist die fleischfarbene Erica carnea oder Schneeheide. Im Gegensatz zu ihren Schwestern, die sämtlich an der Schwelle zwischen Spätsommer und Frühherbst in Blüte stehen, ist die Schneeheide ein Kind des Vorfrühlings, und ihre roten Polster sind ein hervorragender Schmuck der sächsisch-böhmischen Bergwälder bei Brambach, Schönberg, Wildstein. Ihr Vorkommen beschränkt sich im allgemeinen auf die südvogtländische Granitinsel rund um den Kapellenberg, wenn auch hier und da in den Kontaktgebieten, so im Muskowitschiefer bei Hennebach und Dürrngrün in Böhmen, Schneeheide vorkommt. Als im Jahre 1885 der Eisenbahndamm zwischen Ölsnitz und Adorf mit Brambacher Granitschutt beschottert wurde, gedieh auch dort Schneeheide; sie kränkelte aber bald und ging schließlich ein. Im Jahre 1906 versuchte ich, an der Südseite des Hasenpöhles bei Ölsnitz Schneeheide zu akklimatisieren. Kräftige Pflanzen aus den der Fürstenschule St. Afra in Meißen gehörigen Brambacher Rittergutswaldungen wurden eingesetzt. Jedem Steckling war ein großer Ballen heimatlicher Erde und reichlich Granitsand in die Fremde mitgegeben worden, um die Lebensbedingungen möglichst günstig zu gestalten. Vier Jahre später habe ich Schneeheidesamen aus Mieders und Fulpmes im unteren Stubaital in Tirol ebenfalls am Ölsnitzer Hasenpöhl unter Zuhilfenahme von vogtländischem Granitsand ausgesät. Und der Erfolg beider Versuche? Die gepflanzte Erica carnea gedieh zunächst ganz prächtig, ging aber dann stockweise ein, und die letzten spärlichen Exemplare starben 1919 am Heimweh. Der ausgesäte Same mag von vornherein die Aussichtslosigkeit der Entstehung fortpflanzungsfähiger Schneeheideexemplare geahnt haben und – ging gar nicht erst auf. Granitner Grund scheint eine Mitbedingung des Fortkommens der Schneeheide zu sein. Wesentlicher jedoch als die Kausalität zwischen Granit und Schneeheide scheint mir die hochinteressante Beziehung zwischen dem Vorkommen der Schneeheide und dem Vorhandensein radioaktiver Wässer zu sein. Es fällt unwillkürlich auf, daß die Schneeheide ausgerechnet im Bereich der sächsischen und böhmischen Bäder: Bad Elster, Brambach, Franzensbad, Karlsbad, Königswart und Marienbad vorkommt. Alle diese Bäder besitzen, wie schon Felix Heller in Band X, Heft 4–6, Jahrgang 1921 der »Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz« ausführt, Quellen mit mehr oder weniger starkem Radiumgehalt. Brambach, mit der weitaus größten Zahl Macheeinheiten (2200), hat auch die stärkste Bodenbedeckung mit Schneeheide. »Es liegt da nahe, die Radioaktivität des Wassers als Ursache des Gedeihens der Pflanze anzusehen oder eine durch Radium-Emanation bedingte höhere Bodenwärme.« Wissenschaftlich ausgeführte pflanzenbiologische Untersuchungen könnten hier Klarheit schaffen.
Die Schneeheide ist stark gefährdet, da sie in den blütenarmen Monaten März und April Verkaufsobjekt, Handelsware, Erwerbsgegenstand geworden ist. Trotz strenger Verbote der Amtshauptmannschaft Ölsnitz und der Bezirkshauptmannschaft Eger setzt bei beginnender Schneeschmelze alljährlich ein förmlicher Vernichtungskampf ein; und so ist das Fortbestehen der obervogtländischen Schneeheide genau so gefährdet wie das in den Alpenländern von einer rücksichtslosen Fremdenindustrie bedrohte Edelweiß.
Zu den aussterbenden Gewächsen der heimischen Wälder gehört noch ein anderes Vorfrühlingskind: der Kellerhals oder Seidelbast (Daphne Mezereum). In Wildrosenhecken und im Schlehdorngesträuch leuchten an kahlen, holzigen Stengeln scharlachrote Blüten und hellgrüne Blattspitzen. Ein starker Geruch, wie von bitteren Mandeln, entströmt den Giftblüten. Auch das prächtige Pfaffenhütchen (Evonymus europaea) unsrer Wälder wird seltener. Je charakteristischer und auffallender eine Pflanzenerscheinung ist, desto mehr fällt sie der Beachtung und – Vernichtung anheim.
Unsre Heimat hat in ihrem großen Lebeweseninventarium nicht nur aussterbende Tiere zu verzeichnen, sondern auch untergehende Pflanzen. Insoweit dieses völlige Verschwinden mit unbedingt notwendigen Kulturfortschritten ursächlich in Zusammenhang steht – ich denke an das Zurückgehen der Sumpf- und Moorflora infolge Urbarmachung bisher brachliegender Hochmoore –, ist dies wohl bedauerlich, kann aber im Interesse gesunder kultureller Weiterentwicklung des Menschengeschlechts nie und nimmer aufgehalten werden. Die Menschheit kann nicht hungern, um etwa eine seltene Torfmoosart der Nachwelt zu erhalten. Aber die gefährlichsten Feinde der seltnen Flora sind nicht die Pioniere der Kultur, sondern sogenannte »Naturfreunde«. Ihr deutschen Jungen, gefährdet nicht die letzten Reste einer sterbenden Pflanzenwelt, indem ihr die wehrlosen Leiber derselben zusammenpreßt und euerm furchtbaren Herbarium einverleibt! Diese Totenkammern, diese Leichenhäuser, diese Mumiensammlungen tragen die Schuld, wenn die eigenartigsten und charaktervollsten Vertreter unsrer heimischen Pflanzenwelt dem Tode geweiht sind. Andachtsvoll stehe ich vor der einzigen und letzten Erica Tetralix meiner Heimat. Ich rühre sie nicht an. So gehe hin und tue desgleichen!
Zur Geschichte des Bibers in Sachsen
Von Rud. Zimmermann, Dresden
Zu den Mitteilungen über das Vorkommen des Bibers in Sachsen von Dr. Koepert in Band X, Heft 1–3, Seite 56–58 der Heimatschutz-Mitteilungen seien mir einige ergänzende Angaben gestattet.
Der Biber, dessen einst viel weiter ausgedehntes Verbreitungsgebiet in Deutschland heute zu dem letzten, räumlich kleinen Vorkommen im Gebiet der Mulde und der Elbe zwischen den Städten Dessau und Magdeburg zusammengeschrumpft ist, hat sich in unserem Vaterlande Sachsen ziemlich lange gehalten; sein letztes Vorkommen an der Mulde bei Wurzen ist erst in den vierziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts erloschen. Allerdings hat er es bei uns nie zu einer besonders großen Verbreitung gebracht; die ganze Natur des Landes, das nur in seinen nördlichen Teilen dem Tiere zusagende Aufenthaltsorte bieten konnte, ist einer weiteren Ausdehnung seines Vorkommens von vornherein hinderlich gewesen. Bereits in vorgeschichtlicher Zeit stoßen wir auf seine ersten Spuren im heutigen Sachsenlande: Funde eines Unterkieferastes einmal in einer neolithischen Erdgrube bei Zauschwitz nahe bei Pegau (unweit der Elster) und zum anderen in der Heidenschanze bei Coschütz südwestlich von Dresden, sei er aus der slawischen oder der vorslawischen Zeit, denen sich spätere weitere sechs Kieferreste von Leckwitz unweit der Elbe aus slawischer Zeit angeschlossen haben, sind die ersten sicheren Belege vom Vorkommen des Tieres in nachdiluvialer Zeit und geben uns gleichzeitig Kunde von der Verwendung seines Fleisches in der »Küche« der vorgeschichtlichen Bewohner unseres Landes. In geschichtlicher Zeit nennt den Biber Lehmann in seinem »Historischen Schauplatz derer natürlichen Merckwürdigkeiten in dem Meißnischen Ober-Erzgebirge«, 1699. Er schreibt: »Biber sind nicht so gemein als die Fischotter, welche aber von den dazu bestellten Otternfängern aufgesucht und ausgegraben werden.« Jedoch dürfte er sich dabei, da der Biber seinem ganzen Wesen und seiner Lebensweise nach aber wohl kaum jemals im Erzgebirge, auf das sich ja die Lehmannsche Darstellung bezieht, vorgekommen sein dürfte, schwerlich auf eigene Erfahrungen und Kenntnisse gestützt, sondern lediglich unverbürgtes Gerede wiedergegeben haben. Wie Lehmann, so erwähnen auch andere spätere Schriftsteller den Biber nur dem Namen nach, geben aber niemals einen Fundort an oder sprechen sich über solche so allgemein aus, daß wir uns daraus kaum ein genaueres Bild von der ehemaligen Verbreitung des Tieres im heutigen Sachsen machen können. v. Fleming in seinem »Vollkommenen deutschen Jäger«, 1719, und ebenso Döbel in seiner »Jäger-Practica«, 1746, gedenken des Tieres nur kurz; v. Fleming sagt, daß »dieses Tier hier zu Lande sehr rar ist, und man nur wenige oder keinen antreffen wird,« während Döbel genauer ein Vorkommen nur aus dem Dessauischen, also überhaupt nicht aus Sachsen, anführt. Erst Dietrich aus dem Winckell erwähnt ihn 1805 in seinem »Handbuch für Jäger« »von der Mulde«, fügt dem aber leider auch wieder keine genauere Ortsbezeichnung bei, so daß sich nicht entscheiden läßt, ob er dabei auch die Mulde heute sächsischen Anteiles im Auge gehabt hat. Ebenso sagt Pölitz in seiner »Geschichte, Statistik und Erdbeschreibung des Königreichs Sachsen«, 1808–1810 (das damals aber ja noch die jetzt preußische Provinz Sachsen mit umfaßte), »daß man Biber allgemein in der Elbe und Neiße findet«, bis dann schließlich 1822 Schumann im achten Bande seines »Lexikons von Sachsen« sich als erster Schriftsteller genauer über das Vorkommen des Tieres ausläßt und uns mitteilt, daß »Biber nur an der Mulde bei Wurzen und an der Elbe bei Strehla vorkommen.« Ein uns erhalten gebliebenes Verzeichnis des während der Regierungszeit des Kurfürsten Johann Georg I. (1611–1656) auf Jagden entweder von diesem selbst oder in seinem Beisein erlegten Wildes führt 37 erbeutete Biber auf, und ein weiteres aus der Regierungszeit seines Nachfolgers Johann Georg II. (1656–1680) gibt gar 597 Biber als erlegt an (die Angabe im neuen Brehm, Säugetiere, zweiter Band, Seite 443, von 347 Stück – nach Genthe – muß dementsprechend berichtigt werden) von denen neun vom Kurfürsten selbst erbeutet worden sind. Doch darf man dabei nicht vergessen, daß damals das Land eben auch noch die Provinz Sachsen mit umfaßte, die ja wohl ohne allen Zweifel den Löwenanteil an den erlegten Bibern geliefert haben wird.
Der Fang der Biber, die man lange Zeit hindurch fälschlicherweise als arge Fischräuber ansprach – erst Döbel in seiner »Jäger-Practica« läßt sie als solche nicht mehr gelten – lag im ehemaligen Kursachsen den Fischotter- und Biberfängern ob, die im Frühjahr und Herbst in ihren Bezirken von einem Amt zum anderen zu reisen und neben den Fischottern und dem übrigen kleinen Raubzeug auch dem Biber nachzustellen hatten. Sie erhielten, solange sie unterwegs waren, für sich, ihre Gehilfen und ihre Hunde eine tägliche Auslösung, und gegen Aushändigung der erlegten Tiere oder ihrer Felle noch einen besonderen Fanglohn. Der Biber scheint sich auch einer gewissen Schonzeit, allerdings weniger aus rein weidmännischen Gründen, sondern, wie es scheint, mehr einer bestimmten Verwendung seines Wildbretes wegen (als Fastenspeise), erfreut zu haben, wie aus einer Verordnung des Oberhofjägermeisters von Wolffersdorf vom 28. Februar 1750 an den Otter- und Biberfänger Kluge in Dittersbach bei Chemnitz hervorgeht. In dieser Verordnung wird dem Genannten vorgehalten, daß er »die Biber ohne Unterschied der Zeit gefangen und eingeliefert, da doch laut bereits erteilter Verordnung solches nicht eher als zur jetzigen Fastenzeit, da es hergegen daran mangelt, geschehen sollen,« und ihm von neuem anbefohlen wird, »künftig keinen Biber eher als zur Fastenzeit zu fangen und in der Haut ins Dresdener Provianthaus einzuschicken.« »Dafern ein Biber von ungefähr eingeht, so ist solcher jedoch jedesmal in der Haut zum Dresdener Provianthaus einzuschicken.« Von den Fischotter- und Biberfängern waren außer dem bereits von Dr. Koepert erwähnten, der in Hintergersdorf seinen Sitz hatte, noch drei weitere angestellt, je einer in Elbenau an der Elbe (Regierungsbezirk Magdeburg) und in Liebenwerda an der Schwarzen Elster, also in der heutigen Provinz Sachsen, der dritte in Dittersbach bei Chemnitz, dessen Bezirk gleich dem Hintergersdorfer nur auch heute noch sächsisches Gebiet umfaßte, nämlich die Ämter Augustusburg, Wolkenstein, Grünhain, Schwarzenberg, Stollberg, Chemnitz, Rochlitz, Colditz, Grimma, Wurzen, Leisnig und Sachsenburg. Im Jahre 1764 wurde durch eine Verordnung des damaligen Landesverwesers, des Prinzen Xaver, die Einrichtung der Fischotter- und Biberfänger, die mindestens bis ins siebzehnte Jahrhundert zurückreicht, aufgehoben. Es scheint, als ob neben diesen, von der Landesregierung bestellten Biber- und Otterfängern aber auch noch einzelne Ämter eigene Fänger verpflichteten. Pfau wenigstens berichtet uns, daß das Rochlitzer Amt 1651 einen solchen anstellte, der 1656 vier Biber an der Zschopau bei Waldheim fing.