Vielfach werden die leichten Räupchen, an ihrem feinen Spinnfaden hängend, vom Winde nach Nachbarbäumen verweht, dadurch bildet sich eine Querverbindung von einem Baum zum anderen, bei zahlreichen Raupen vermehren sich diese Fäden rasch, kreuzen sich und werden von den Räupchen nun gewissermaßen als Brücke von Baum zu Baum und von Ast zu Ast benutzt und immer dichter versponnen, so entstehen schließlich auch dichte Schleier zwischen nahe beieinanderstehenden Bäumen, in denen ebenfalls Massen von Räupchen zugrunde gehen.

Damit ist aber die Wirkung des Leimrings nicht erschöpft. Im Laufe ihres Lebens kommen zahllose Raupen, wie alle früheren und jetzigen Beobachtungen beweisen, sei es nun durch Sturm oder Regen oder aus eigenem Antriebe, z. B. während der viermaligen Häutungen oder wegen übergroßer Sonnenwärme in den Wipfeln, wenigstens einmal vom Baum herab und werden dann am Wiederaufklettern durch den Leimring gehindert. Es sammeln sich deshalb unter den Leimringen auch gewaltige Massen von fast ausgewachsenen Raupen an, wie Abbildung 4 zeigt. Diese Raupen können leicht vernichtet werden. Unterläßt man dies, so sind sie doch, nachdem sie den etwaigen Unterwuchs und das Heidelbeerkraut am Boden kahlgefressen haben, dem Nahrungsmangel ausgesetzt, so daß sie massenhaft zugrunde gehen oder für Krankheitskeime besonders empfänglich werden und bei dem dicht gedrängten Beisammensitzen, manchmal in doppelter Schicht übereinander, sich gegenseitig anstecken. Selbst der ungläubigste Thomas müßte beim Anblick derartiger Bilder in der Natur sich zu der Überzeugung durchringen, daß der Leimring gegenwärtig noch das relativ beste Mittel auch zur Einschränkung der Massenvermehrung der Nonne ist.

Abb. 3 Nonnenraupengespinste unter den Leimringen
(Phot. Oberverwaltungs-Inspektor Herrmann, Zittau)

Das ist aber nicht seine einzige Wirkung. Fast größer noch ist seine wirtschaftliche Bedeutung, insofern als er viele Bestände, deren Eibelag für einen vollständigen Kahlfraß gerade hinreichen würde, durch Vernichtung eines großen Teiles der fressenden Raupen davor bewahrt. Dadurch werden große volkswirtschaftliche Schäden vermieden, die durch den Abtrieb hiebsunreifer und darum minderwertiger Bestände, sowie durch die übermäßige Vergrößerung der Wiederanbauflächen entstehen. Bei früheren Nonnenkalamitäten sind die ungeheueren Kahlschlagsflächen erst in zehn und mehr Jahren, nachdem der Boden durch das lange Bloßliegen stark gelitten hatte, mit sehr großen Schwierigkeiten und Kosten wieder angebaut worden. Außerdem wird durch den unregelmäßigen Kahlfraß der Nonne, mitten aus den geschlossenen Beständen heraus, vielfach die geordnete Bestandslagerung zerstört und Anlaß zu späterem ausgedehnten Windbruch gegeben.

Man kann daher jedem Waldbesitzer nur den Rat geben, seine Fichtenbestände, wenn durch die nötigen Probeeizählungen der starke Eibelag festgestellt ist, zu leimen, er erweist damit nicht nur sich selbst einen Dienst, sondern auch der Allgemeinheit, indem er dadurch zur Einschränkung der Weiterausbreitung der Nonnenplage beiträgt. Die Bereitstellung erheblicher Staatsmittel zur möglichst weitgehenden Durchführung der Leimung wäre deshalb vom allgemeinen volkswirtschaftlichen Standpunkt aus durchaus gerechtfertigt. Ein kleiner Waldbesitzer, der vielleicht nicht einmal schlagbaren Wald, sondern nur jüngere Bestände besitzt, die ihm keinen Ertrag liefern, könnte sonst die erheblichen Mittel, die das Leimen erfordert, vielfach gar nicht aufbringen. Will er sich das Geld zu den in diesem Jahre erheblichen Leimungskosten borgen, so wäre er mit Schulden belastet, die ihn zugrunde richten könnten.

Wie sich aus dem Gesagten ergibt, besitzen wir leider keine absolut sicher wirkenden Bekämpfungsmittel gegen die Nonne. Mißerfolge bei Anwendung eines oder des andern der geschilderten Mittel und selbst bei Anwendung aller dieser Mittel gleichzeitig sind bei dem stellenweise ungeheuren Massenauftreten der Raupen nicht ausgeschlossen. Das hat vielfach zu der fatalistischen Auffassung geführt, überhaupt nichts gegen die Nonne zu tun und alles der Natur zu überlassen. Diese Auffassung muß verhängnisvoll wirken. Für die Natur ist es vollkommen gleichgültig, ob eine gewisse Bodenfläche mit Wald bestockt ist oder ob sie zur Grassteppe, zu Moor oder Heide oder Flugsandboden wird, für den Menschen dagegen bedeutet dieses unter Umständen den Untergang.

Große Hoffnungen hat man auf die »biologische« Bekämpfung, jetzt ein sehr beliebtes Schlagwort, gesetzt, leider auch vergebens, denn alle Versuche, künstlich Krankheiten bei den Nonnenraupen, namentlich die sogenannte Wipfelkrankheit, zu erzeugen oder zu verbreiten, sind bis jetzt gescheitert. Alle Infektionsversuche im Großen in der freien Natur durch Ausbreiten von toten Raupen, Streu und Kot aus Orten, wo die Wipfelkrankheit unter den Raupen bereits herrschte, waren erfolglos.

Ebenso trügt die Hoffnung, die man auf die Wirkung von Schmarotzern, Schlupfwespen und Raupenfliegen (Tachinen) setzt. Diese Tachinen sind, wenn sich die Insektenwelt in der Natur im Gleichgewicht befindet, nur in verhältnismäßig geringer Zahl vorhanden, da sie von der Zahl der Wirtstiere abhängig sind, in denen sie sich entwickeln. Ihre Massenentwicklung tritt deshalb erst ein, wenn die Wirtstiere sich schon außergewöhnlich vermehrt haben. Sie können also den Nonnenschaden ebenfalls nicht aufhalten, denn sie sind erst dann in Überzahl vorhanden, wenn der Schaden im Walde bereits geschehen ist.