Abb. 4 Anhäufung von Nonnenraupen unter dem Leimring
(Phot. Forstwart Hohlfeld, Zeughaus, Sächs. Schweiz)

Auch die Wipfelkrankheit, die in früheren Fällen jedesmal der Nonnenplage schließlich ein rasches Ende machte, tritt ebenfalls immer erst dann ein, wenn der Kahlfraß weite Flächen der Waldungen bereits vernichtet hat. So lange es uns nicht gelingt, die Erreger der immer noch ungeklärten Wipfelkrankheit zu finden und auch außerhalb der Raupen künstlich zu züchten, um sie schon beim Eintreten einer größeren Nonnenvermehrung sofort zur Infektion von Raupen verwenden zu können, um so die vernichtende Krankheit mit Erfolg künstlich zu verbreiten, wird unsere biologische Bekämpfung der Nonne, wie zeither, so gut wie erfolglos bleiben.

Das ist zunächst das bis zu einem gewissen Grade betrübende Ergebnis unserer heutigen biologischen Forschungen. Das darf uns aber nicht entmutigen, diese Forschungen fortzusetzen. Ebensogut wie das jahrzehntelange Suchen nach den Erregern mancher menschlichen Krankheiten schließlich von Erfolg gewesen ist, wird dies hoffentlich auch bei der rätselhaften Wipfelkrankheit, die seit Jahrzehnten die Wissenschaft beschäftigt hat, gelingen.

Jedenfalls dürfen wir die Hände nicht in den Schoß legen, so lange uns die Wissenschaft keine besseren Bekämpfungsmittel in die Hand gibt, sondern müssen die bisher angewendeten, erfahrungsmäßig wirksamen Vorbeugungs- und Bekämpfungsmaßnahmen des Sammelns von Faltern, Eiern, Raupen und Puppen und namentlich des Leimens der besonders gefährdeten Bestände auch weiterhin im weitesten Umfang anwenden. Namentlich in den erst in diesem Jahre neu befallenen Landesteilen Mittelsachsens und des Niederlandes, wo die Plage noch in der Entwicklung begriffen ist, ist das eine zwingende Notwendigkeit. Je umfassender und gründlicher die Bekämpfung beim ersten Auftreten der Plage einsetzt, um so mehr ist auf einen Erfolg zu hoffen.

Johann Pezel und die Turmsonate

Von Herbert Biehle, Bautzen

Zu den vielen musikalischen Gebräuchen aus vergangenen Zeiten gehört auch das Turmblasen. Wie 1670 der damalige Leipziger Stadtpfeifer und spätere Bautzener Stadtmusikant Johann Pezel im Vorwort zu seiner »Musicalischen Arbeit zum Abblasen um zehn Uhr in Leipzig« schrieb, war es schon bei Persern und Türken üblich, beim Opfern die Gottheiten von Türmen anzurufen. Derselbe Gedanke, Gott möglichst nahe zu stehen, und eine gewisse Himmelssehnsucht, wie sie auch bei den gotischen Domen zum Ausdruck kommt, liegt dem Turmblasen zugrunde. Diese schöne Sitte ist hervorgegangen aus dem Hornrufe des Turmwächters, der das Herannahen von Feinden, Feuerausbruch und die Stunden verkündete. So entstand die besondere Hervorhebung der Haupttageszeiten mit ausgedehnteren Melodien. Später erfuhr das Turmblasen durch Luther eine kräftige Anregung; das von ihm begründete deutsche evangelische Kirchenlied wurde eine wertvolle Bereicherung der Turmmusik. Und wie stimmungsvoll und andachterweckend wirkt es, wenn im Sonnenglanze Trompeten und Posaunen in den lichten Morgen hinein rufen: Wachet auf, ruft uns die Stimme! Indessen entwickelte sich allmählich eine eigene Turmliteratur, die in der Turmsonate gipfelt. Sie ist aus der einfachen Liedform nach dem Vorbilde der italienischen Orchestersonate gestaltet.

Unter den wenigen, die Turmsonate vertretenden Komponisten steht Johann Pezel voran. Seine vierzig Turmsonaten sind für zwei Cornetti, zwei Tromboni und Basso trombone gesetzt. Heute würde die Ausführung technischen Schwierigkeiten begegnen; denn die edle Trompeterkunst wird nicht mehr gepflegt. Pezel bevorzugt das strahlende C-dur oder die ernste Stimmung des a-moll. Er hat die »Musicalische Arbeit« in Druck gegeben, weil er »verspüret, daß auch an anderen Orten dergleichen verlanget werde«; und in der Tat sind seine anmutigen Bläserstücke in sächsisch-thüringischen Landen oft erklungen und weit verbreitet gewesen. Hier war ja durch die protestantische Idee der Laienhilfe beim Gottesdienste der Musiksinn jedes einzelnen Bürgers geweckt und so der geeignete Boden bereitet worden, auf dem auch die Turmmusik gedeihen konnte.

Pezel hat 1664–1669 als Kunstgeiger, 1669–1681 als Stadtpfeifer in Leipzig gewirkt und war dann nach Bautzen berufen worden, wo er bis zu seinem Tode 1694 als Director musicae instrumentalis lebte. Aber nicht nur in seiner Eigenschaft als Stadtmusicus war er eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Die große Anzahl seiner gedruckten Instrumentalwerke sicherte ihm besonders nach außen hin einen bedeutenden Ruf und einen festen Platz in der Geschichte der deutschen Instrumentalmusik. Um so verwunderlicher ist es, daß man sich über Pezels nähere Lebensumstände noch ganz im Dunklen befand, bis es Verfasser gelang, in den Akten des Bautzener Ratsarchivs darüber Klarheit zu erlangen. Pezels Schaffenszeit gehörte jener Glanzperiode sächsischer Musikpflege an, als dieses Land, wie kein zweites, die bedeutendsten Musiker hervorbrachte. So wurde Sachsen auch die Hauptpflegestätte der Werke Meister Pezels, den wir als den Klassiker des gesamten deutschen Kunstpfeifertums seiner Zeit bezeichnen dürfen; er war für unser weiteres Vaterland ein Stück bodenständige Heimatkunst.

Außer Pezel hat 1696 der Leipziger Stadtpfeifer Gottfried Reiche Turmsonaten geschrieben, und ihr letzter Vertreter ist der durch sein Oratorium »Das Weltgericht« berühmte Friedrich Schneider aus Altwaltersdorf bei Zittau gewesen. Er fand schließlich in einem Oberlausitzer Bauern Schönfelder noch einen Nachfolger im vorigen Jahrhundert.