Abb. 3 Selbstgefertigter Pfefferkuchen als Christbaumschmuck

Das Spiel, das vor dem Altar im Raume der Grabkreuze stattfand, begann. Joseph und Maria wiegten das Christkindlein, das eine Puppe mit gesunden, roten Backen war, in den Schlaf. Hell und rein klangen die Stimmen. Sie sangen nicht nur das Kind, sondern sich selbst in den Schlummer. Und da nahte auf den Zehenspitzen das erste Englein. Es brachte dem Heiland Brot, eine Bemme, stark mit Margarine gestrichen. Das zweite brachte dazu edlen Burgunderwein. Es hielt in seinem Patschhändchen einen Eierbecher aus blankem Messing. Das letzte Englein trug eine brennende Kerze, an der das heilige Kind in kalter Nacht sich wärmen sollte. Alle dreie sangen andächtig ihre Sprüche, sie glaubten wohl selber, daß sie Englein seien. Ich glaubte es.

Die Anwesenden waren gerührt ob der schlichten Gabe, die hier aus reinen Herzen geschenkt wurde. Und manche faßten den Entschluß, in kommender Weihnachtszeit ihre Kinder im eigenen Heim Ähnliches zu lehren, ihnen und sich zum Glück.

Und nun zuletzt will ich noch ein Märchen, das ich erlebt habe, erzählen.

Abends nach Schluß der Ausstellung ging ich oft nochmals durch die Museumsräume, um mich zu überzeugen, ob die Lichter verlöscht seien. Ich kam nach dem Raum, in dem der geschnitzte, buntbemalte kleine Altar, Maria mit dem Christkind darstellend, steht. Ein schwacher, letzter Lichtstrahl huschte noch über das wunderliebliche, süße Antlitz der Madonna. Da war es, als ob mir jemand leise etwas zurief. Ich blieb stehen. »Ich war es,« sagte die Maria, »ich will dir etwas sagen.«

»Du weißt, ich bin schon sehr, sehr alt.« »Ja, das ist wahr, du stammst etwa aus dem Jahre 1420.« »Du kannst recht haben – nein, was so ein Museumsdirektor nicht alles weiß! Zu der Zeit, als ich noch jung war, lebten auf Erden viel weniger Menschen, als heute, und sie waren ganz andrer Art. Ich finde mich oft nicht mehr zurecht.« »Da tröste dich, Maria, mir geht es manchmal auch so.« »Eines war in jenen Tagen wundersam schön, es gab noch einfache Menschen und noch nicht soviel Kunst. Aber die es gab, die war blühende lebendige Volkskunst.«

»Ich stand in einer kleinen Dorfkirche einige Jahrhunderte lang. Eines Tages wurde ich abgebaut. Nicht wahr, so sagt man doch heutzutage.« »Ja, doch jetzt wartet man nicht jahrhundertelang, wie anno dazumal.« »Dann kam ich auf den verstaubten Kirchenboden, wo viele, viele Spinnweben mich sorgsam einhüllten. Dort habe ich das Träumen gelernt. Seit zehn Jahren bin ich nun in deinem Museum. Die Spinnweben, die mir treu geblieben sind, werden hier von sorgender Hand entfernt. Viele Menschen gehen vorüber und werfen nur einen flüchtigen Blick auf mich. Andre betrachten mich lange, lange sinnend und einige haben mich sogar abkonterfeit. Da nahte die Weihnachtszeit und du hast mich mit deinen Schülerinnen gar köstlich mit Reisigranken und silbernen und goldenen Sternen geschmückt. Ich glaube, so festlich habe ich schon einmal vor vielen Jahrhunderten ausgesehen. Nun aber erlebte ich das Schönste, das Allerschönste in meinem Dasein. Jeden Tag kamen Männer, Frauen und Kinder. Die sangen liebe Weihnachtslieder und liebe Volkslieder. Du weißt, ich bin schon sehr alt. Ich stamme aus dem Jahre 1420. Aber das war das Allerschönste, auf das ich mich besinnen kann.« Das Altarbild schwieg, das Märchen war aus – –

Und wenn ich nicht gestorben bin, so lebe ich heute noch.

Das frühere Vorkommen von Auer- und Birkwild in Sachsen