Fußnoten:
[1] E. Zeißig: »Zur Erforschung des Gedanken-, Gefühls- und Sprachlebens unsrer Schulneulinge«. (Zickfeldt in Osterwieck im Harz.) 3. Auflage.
In der Dorfschenke
Von Oberstaatsarchivar Regierungsrat Dr. Beschorner
»Nee, Korle, was eenem nich alles passieren kann,« äußerte der Gemeindevorstand Oskar Mästegans, indem er seine Mütze an die Wand hängte und sich steifbeinig bei seinem Freunde, dem Gemeindeältesten Karl Lachenicht, am Stammtische niederließ. »Hamsterei is ja itze an der Tagesurdnung. Aber su was is mer doch noch nich vorgekommen. Grad haw’ ich heute früh meine Suppe geleffelt un das Blättchen in de Hand genummen, um de neisten Verordnungen zu studieren (hol’ se allemitenander der Geier!), da tritt so e Stadtfrack mit ’m freindlichen Gruße in de Tür. ›Aha,‹ sagt’ ich mer, ›eener, der Eier mechte, oder Erdäppel, oder Hon’ch.‹ Aber fehlgeschossen! Nischt von alledem. Nee, weeßte was er wullte, Korle? Er wullte nur, meent ’r bescheiden, wissen, wie wir unsre Felder und Wiesen nennen täten? Und den Steen draußen uff dem Berge und den Berg salwer? Und ob de Dorfbach ’nen besundern Namen hätte und ob w’r der oder die Bach sagten?«
»Nee so was!«, ließ sich itze der alte Karle vernehmen. »Sollte mer’sch glooben! Wenn de Städter nur bei uns uffm Lande ’rumschnüffeln können! Die Neugierde! ’s geht se doch gar nischt an, unsre Grünebach und de Zeidelwiesen, das Götzenbüschchen un de Klinke. ’s kann se doch ganz Wurscht sin. Uskar, du hast ’m huffentlich nischt gesat. Denn wer weeß, wozu er’sch han will. Amende gor vor de Steuer.«
»Ach nee,« entgegnete da gutmütig der Gemeindevorstand, »so sah das Herrchen nich aus. Er erzählte m’r, daß er im Staatsarchiv in Dräsen sei und de Namen für wissenschaftliche Zwecke brauche. ›Schon gut,‹ meente ich. ›Solche Nam’ mag es ja in annern Gegenden geben. Bei uns is mer davon nischt bekannt.‹ Weeßte, Korle, ich hatte keene Zeit un ooch keene Mauke, mich uff lange Fisimatenzien einzulassen. – Awer so ganz ungeruppt kam ich d’r nich d’rvon. Aus seiner braunen Aktentasche holte ’r enne Flurkarte ’raus. Du, die war scheene! Da waren de Felder gelwe un de Wiesen griene un de Wälder grau gepinselt, derzwischen ’s Wasser blau. Wirklich hübsch sah das Blättchen aus. Unsre ganze Flur sah mer da richtig vor sich liegen. Drüwer awer war e Pergamentblatt gespannt und da standen d’r allerhand Nam’ druff. ›Sehen Sie,‹ meente ’r, indem daß ’r mit dem Finger uff die Stelle tippte, ›hier ist Ihr Dorf, da die Kirche, dort das Rittergut. Der Weg hier, der sogenannte Fürstenweg, führt nach Blaubach hinüber und der hier, der Buttersteig, nach Meichberg, dem Dorfe »Hinterm Eichberg« (daher der Name!). Rechter Hand vom Fürstenweg, zwischen dem Fiedelbogen und den Krutschen, erhebt sich der Wolfsberg. Der wird gekrönt von einem mächtigen Sandsteinblock mit einer verkrüppelten Kiefer darauf. Man kann ihn (und er zeigte mit der Hand zum Fenster hinaus) von hier aus sehen. Nicht wahr? Ich glaube, man heißt ’n in der Gegend den Rabenstein.‹
›Der is ja gut unterricht’‹, dacht ’ch; awer, sagt ’ch m’r, ›stehste ihm itze Rede und Antwort, do is kee Ende abzusehn.‹ Und ich wollte doch heute noch den Zippel oben auf der Scheibe fert’g ackern und Jauche uff de Lauchwiesen unten am Todteiche schaffen. Uskor, sagt’ ich mer, hier heeßt ’s uffpassen. Laut aber meent ’ch zu meinem Besuche: No ja, wenn se sulche Nam’ meenen, do gibt’s ’r schon noch welche. Ich wer’ se m’r überlegen un ooch ’n Korle, was mei alter Freund is, der hierherum alles weeß, dornach fragen. Meine Zeit ist heute höllisch knapp. ’s tut mer leed. Awer wenn Se mal in die alte Scharteke ’ringucken wollen, da wer’n se allerlee finden, was se brauchen können. Un ich langt ’n aus der unterschten Schublade von meim Seckertäre, wu das Gemeendearchiv ’ringewürcht is, das alte Flurbuch ’raus un gab ’s ’m. Da hättste sehn sullen, wie seine Oochen funkelten un wie er sich glei d’rüberher machte!
Als ’ch so umme Zwelfe ’rum mit meinem Jauchewagen ’n Mordweg ’rinkomme, treff’ ich ’n an der Marter. Sehen Sie nur, rief ’r mir schon von weitem zu, was ich alles in Ihrem Flurbuche gefunden habe: Zu den zwanzig Namen, die ich in Ihrer Flur schon kannte, noch weitere hundertzwei, so daß es nun alles in allem hundertzweiundzwanzig sind. Ist das nicht großartig? Und zu den meisten waren auch die Parzellennummern hinzugefügt, so daß ich die meisten benannten Flurstücke auf meiner Flurkarte auffinden und auf dem Deckblatte eintragen konnte. Sehen Sie nur hier. Es ist ein Staat! Ich sage Dir, Korle, er war richtig wie aus’m Heischen vor Freede un Glückseligkeet. Bei einigen freilich, fuhr er fort, ließ mich das Flurbuch im Stich. Vielleicht können Sie mir da helfen. Wo mögen die Fünfruten liegen? und das Schanzenfeld? wo die Folgen? die Nauländer? der Tschihädel? die Gurke? Na, unterbrach ich ’n, die Fünfruten brauchen m’r nich lange zu suchen. Da sin mer ja mittenmang. Un en bissel weiter ’naus, da nachm Eichert zu, kommen die Folgen und die Nauländer.
Awer sagen Se mer nur, wozu Se das Zeig alles brauchen? fragt ’ch ’en nu neigierig, wie ich war, und trieb meine Ochsen an; denn mir knurrte Gottverdimmig der Magen. Ei Herrjee, da legte ’r awer los, Korle: von den alten Wörtern, die längst verschwunden wär’n und nur noch in den Flurnamen fortlebten; denn so nannt’r alle die Namen für unsre Felder, Wiesen, Wälder, Teiche, Bäche, Büsche, Hügel, Berge usw. Un weiter hat’r dann dervon geredt, wie aus den alten Wörtern im Laufe der Zeit etwas ganz anderes geworden wäre und wie das die Sprachforscher verinteressiere, und von der Geschichte und Wirtschaftsgeschichte, und Rechtsgeschichte und wie die Geschichten alle heeßen, die er m’r uffgezählt hat. Ich weeß nich mehr. Ooch vom Volksmunde hat ’r erzählt un von Volkskunde. Allerhand Sitten und Gebräuche, sagt’r, lebten noch in den Flurnamen fort. Von Geographie und Ethnographie. Na, sagt’ch schließlich, hörn’ se uff. M’r schwindelt schon. Un m’r sein ooch da. Wenn se noch’n Oogenblick mit ’rein kommen wolln, soll’s mich freun. Se sollen ooch vor alle Ihre Mühe e paar Eier kriegen, weil se nich gebettelt haben. Gloobste, Korle, daß’r se genommen hat?«