»Nu warum denne nich,« meinte der Alte, der aufmerksam zugehört hatte. »Weeßte was? ’s tut mer leed, daß ich Euch nich in de Quere gekommen bin. Ich hätte dem Herrchen mancherlee – Du denkst, uff de Nase gebunden; ne, ne, ich meene: sagen kennen. Kannt’r denn den Napoljonsteen oben uff dem Grohberge, wo immer die vielen Kräh’n sein? Da, heeßt’s doch, sull Napoljon gestanden haben, als seine Truppen nunter nach Dräsen machten, zu der großen Schlacht Anno 13. Un vielleicht hat’r ooch keene Ahnung d’rvon, daß da, wo mer unten am Mühlwege de Hasenlaube ham, mal vor vielen hundert Jahren e Dorf gestanden hat. Ich gloobe, es soll Hasela geheeßen haben von wegen der vielen Haselsträucher in der Gegend.«
»Hast recht, Korle; so hätten mer ihm noch mancherlee sagen kennen. Wie e Mäuschen hörte’r mer zu, als ich’m erzählte, daß mer in meiner Jugend jedes Jahr zu Letare eene Mordsfreude hatten, wenn mer enne Strohpuppe uf’m langen Stecken durchs Dorf un dann den Todweg (nich den Leichenweg, den meene ich nich) naustrugen über die Todenbrücke und se dann ärschlings in den Todteich plumpsten. Mit dem Tode meenten mer den Winter, der nu endlich zu Ende war. Richtig, äußerte er da ganz erfreut; auch anderwärts habe ich von dieser Sitte gehört. Damit hängen allerdings die vielen andern Namen, die mit Tod gebildet sind, die Totenberge, -borne, -felder, -graben, -gründe, -hölzer, -löcher, -hübel, -pöhle usw., nicht alle zusammen. Man muß da vorsichtig sein. Die Toten Männer z. B., die es überall in Deutschland gibt, haben eine ganz andre Bedeutung. Doch genug für heute. Sie wollen essen und ich will nach Hause zu Weib und Kind. Ich habe noch manche Stunde zurück zur Stadt. Vielleicht komme ich einmal wieder. Vielleicht machen Sie mir auch einmal die Freude, mich auf meinem Amte zu besuchen. Dann zeige ich Ihnen die ganze Einrichtung unsrer großen Flurnamensammlung; denn Sie müssen wissen, daß wir es nicht nur auf die Namen Ihrer Flur abgesehen haben, sondern die Namen aller Fluren sammeln, ja noch mehr: auch alle einzelnen Namen in den Wäldern. Das ist nicht so einfach. Da hat jede Flur und jedes Waldrevier sein besonderes Verzeichnis mit Karte usw. Die Verzeichnisse einer Amtshauptmannschaft sind in einer oder mehreren dicken Mappen vereinigt, nach dem Abc, damit man jedes Gewünschte schnell herausfinden kann. Und zu dem Ganzen gibt es wieder ein Nachschlageverzeichnis, auf Zetteln. Wir haben es bisher auf etwa 60 000 solcher Namenzettel in 43 Kästen gebracht. Das ist großartig. Ein Griff genügt, wenn man wissen will, ob ein Name, meinetwegen der Pestgarten oder der Quarksack, in Sachsen vorkommt? etwa mehrmals? und wo? Schade nur, daß wir mit dem Hauptverzeichnis im Rückstande sind, daß wir aber kein Geld mehr haben, um in diesen teuren Zeiten weiter an ihm arbeiten zu lassen. Ein gütiges Geschick möge uns die Mittel, die dazu gehören, bescheren oder den uneigennützigen Arbeiter, der das Werk ohne Bezahlung vollendet. ’s gibt solche Leutchen. Ein ehemaliger Schuldirektor z. B. hat uns in jahrelanger Arbeit alle Flurnamen, die auf alten Karten vorkommen, auf die Krokideckblätter, die zu den Flurnamenverzeichnissen gehören, übertragen. Sie sehen hier auf diesem Deckblatte Ihrer Flur seine Eintragungen mit roter und grüner Tinte. – Na aber nun endgültig Schluß! Vielen Dank für Ihre Auskünfte und die Eier, die mir Ihre Frau eben, schön einpapiert, zugesteckt hat. Die Flurnamenforschung macht doch nicht nur Spaß, sondern bringt auch noch (allerdings selten genug!!) etwas ein. Hier noch meine jüngst veröffentlichten neuen »Ratschläge für das Sammeln von Flurnamen« und meine Schrift über den ›Anteil Sachsens an der Flurnamenforschung‹. Vielleicht gucken Sie an einem langen Winterabend einmal hinein[2].«
Mit diesen Worten, so beendete der Gemeindevorstand seinen Bericht, hätte sich der Archivrat oder wie er sich sonst betitulierte, auf die Socken gemacht. »Ich gloobe«, fügte er noch hinzu, »seelenvergnigt«.
Damit hatte er recht. Während der Flurnamensammler durch die sprossenden Saaten und die grünenden Wiesen rüstig der Hauptstadt zuschritt, überlegte er sich schon, was er seinem Freunde Mästegans, dem biederen Gemeindevorstand, auf alle seine neugierigen Fragen nach der Bedeutung dieses und jenes Namens antworten könnte; denn das ist ja für solche Leute immer die Hauptsache, was eigentlich hinter so einem merkwürdigen Namen stecke. Bei einigen hier war ja die Sache ganz einfach. Die Felder der Fiedelbogen und die Gurke hießen offenbar so nach ihrer Gestalt. Das eine mochte an einen gespannten Geigenbogen erinnern, das andere an eine gekrümmte Gurke. – Unter dem Zippel war natürlich ein schmales Stück Land zu verstehen, das wie ein »Zipfel« vorsprang. Anderwärts sagte man dafür Schwanz, Sterz, Zagel. Wieviele Hasenzippel und Kühzagel oder Kuhzackel waren ihm nicht schon begegnet! Nahm so ein Zipfel dreieckige Gestalt an, so hieß er wohl auch Triangel (Dreiangel) oder wie die Speerspitze bei den alten Germanen: Ger; daher die vielen Gehren-, Gieren-, Gührenstücke und dergleichen. – Die Zeidelwiesen trugen natürlich ihren Namen von den Zeidlern, das heißt den Waldbienenzüchtern, die einst in dem Dorfe ihr Gewerbe getrieben haben mochten.
Das alles würde ihm sein neuer Freund (so überlegte er sich auf dem Heimwege) ohne viel Umstände glauben, auch daß Eichert nur ein anderer Ausdruck für Eichbusch oder Eichwald sei; denn tatsächlich war der so benannte Berg, wie er sich überzeugt hatte, noch heutigentags mit Eichen bestanden. Die »Realprobe«, die man bei der Erklärung von Namen nie außer acht lassen darf, stimmte also, wie vermutlich auch bei den Lauchwiesen. Gewiß gedieh auf ihnen Lauch besonders üppig. Aber, aber, wenn er den Mordweg einfach als »Marktweg« erklärte, da würde er wohl auf Widerspruch stoßen, auch wenn er durch andere Beispiele klipp und klar bewiese, daß das Wort Markt ebenso wie Mark durch verschiedene, ganz gebräuchliche sprachliche Vorgänge oft zu Mort und Mord wurde. Die Leutchen da draußen würden sich nicht leicht ausreden lassen, daß von einem Morde hier nicht die Rede sein könne. Bei der Marter war das schon etwas anderes. Da hatte sicher einmal ein solches altes Steinkreuz gestanden, wie sie im Mittelalter die Totschläger zur Sühne errichten mußten und wie sie sich noch überall im Lande finden. Möglicherweise lebte die Erinnerung daran noch in dem Gedächtnis irgendeines alten Dorfeinwohners, etwa des »alten Korle«, fort. – Auch wegen des Götzenbüschchens würde es wohl einen harten Strauß geben. Daß dort niemals ein heidnisches Götterbild gestanden hatte, war klar. Mit den unwissenschaftlichen Erklärungen aus Götter- und Sagenwelt, mit denen so viel Unfug getrieben worden ist, muß aufgeräumt werden. Aber so leicht würde sein Gemeindevorstand den teueren Aberglauben nicht aufgeben. Darauf mußte er sich gefaßt machen.
Darüber ließ sich schon eher reden (spann er im Weiterschreiten seine Gedanken fort), daß das Schanzenfeld seinen Namen nicht erst von Befestigungen im Siebenjährigen oder Dreißigjährigen Krieg erhalten habe, sondern von einer ehemaligen Sorbenschanze, einer der Fliehburgen aus slawischer Zeit, die den Umwohnern der ganzen Gegend in kriegerischen Zeiten als Zuflucht dienten. Indessen müßten hier erst noch besondere Untersuchungen Klarheit schaffen. Er wollte sich danach umtun und überhaupt mit der Geschichte der Flur etwas näher befassen. Die Nauländer und wohl auch die Folgen waren voraussichtlich Fingerzeige für die ursprünglich begrenztere Ausdehnung der angebauten Fläche und ihrer späteren Erweiterung; denn Nauländer war bloß eine mundartliche Form für Neuländer, namentlich in Gegenden, die von Rheinfranken, Hessen und Thüringern besiedelt worden waren, und Folgen sind nicht nur, wie Knothe in einem besonderen Aufsatze nachzuweisen versucht hat, »Pertinenzstücke«, kleine Grundstücke, die zu einem anderen gehören und diesem rechtlich »folgen«, obwohl sie getrennt davon liegen, sondern überhaupt Ländereien, die zu der fest begrenzten Mark nachträglich hinzugekommen, ihr gefolgt sind. So ungefähr hat es, wenn er sich nicht irrte, Mucke einmal ausgedrückt, und andere Forscher, wie von Bötticher und Seeliger, waren wohl ähnlicher Ansicht. Freilich sicher war die Sache nicht, so wenig wie die Erklärung des unendlich oft vorkommenden Flurnamens die Scheibe, worunter man bisher immer Grundstücke von runder Gestalt oder hoch gelegene ebene Flächen verstand. Aber erst kürzlich (fiel ihm ein) hat Remigius Vollmann, der eifrige Vorkämpfer für die Flurnamenforschung in Bayern, auf die Möglichkeit anderer Deutungen aufmerksam gemacht. Gestützt auf die Beobachtung, daß die Scheibenörtlichkeiten an Wege- und Flußkrümmungen liegen, neigt er der Ansicht zu, daß das Volk Scheibe oft bei der Benennung von Örtlichkeiten im Sinne von Drehung, Biegung, Straßenkrümmung braucht, ähnlich wie Kehre, Reibe, Rank, wozu die volkstümlichen Redewendungen wie »der Weg macht a Scheibn«, »dort fahrt man um d’ Scheibn«, »da geht’s scheibum« gut passen. Gleich morgen wollte er noch einmal Vollmanns Flurnamenarbeiten in den »Heimatstudien« nachlesen, die der Bayrische Landesverein für Heimatschutz herausgibt. Vielleicht fand er da auch zusammenfassende Angaben über die Fürstenwege, die sehr verschieden gedeutet werden, einzig richtig aber wohl als Wege zu betrachten sind, die in erster Linie zum Gebrauche für den Hof angelegt wurden. Wenn man nur immer gleich wüßte, wo nachsehen in all den vielen Druckschriften über Flurnamen, die in seinem Arbeitszimmer stehen. Ein guter Namenweiser durch die Flurnamenliteratur, das wäre etwas, was die Flurnamenforschung vor allem brauchte! Aber wer sollte diese Riesenarbeit leisten?
Vor allem (so überlegte der ganz in seine Flurnamen vertiefte Wandersmann weiter) wollte er sich auch noch bei Hey, Mucke, Meiche und anderen wegen der slawischen Flurnamen, auf die er heute gestoßen war, Rat holen; denn auf diesem Gebiete war er zu wenig Fachmann. Die Klinke, das entsann er sich, bedeutet so viel wie »kleines Lehmfeld«. Da mußte es ein slawisches Wort klinka oder glinka geben. Und Krutschen, verstanden darunter die Slawen nicht »kurze Ackerbeete«? Čihadlo, wovon Tschihädel gebildet war (das wußte er ganz genau), hieß der »Vogelherd«, eigentlich »Zeisigfang«. Auch wegen Gurke und Lauchwiese mußte er noch einmal nachsehen. Das Feld, die Gurke konnte unter Umständen auch seinen Namen vom slawischen górki, die kleinen Berge, haben, und Lauch konnte mit ług, Wiesenbruch, sumpfige Wiese, zusammenhängen.
Hopla! Ein Stein, der im Wege lag und ihn beinahe zu Falle und die sorgsam in der Aktentasche geborgenen Eier in Gefahr gebracht hätte, ließ ihn aus seinen Gedanken auffahren. Donnerwetter, da tauchten doch schon ganz nahe vor ihm die Türme der Stadt auf. Die Zeit war ihm im Fluge vergangen. Er mäßigte seine Schritte. Langsamer strebte er seinem Haus und Herde zu, denen er sich so unvermerkt genähert hatte. Stillvergnügt pfiff er »Im Wald und auf der Heide« vor sich hin. Wie wahr! Hier fand er wirklich seine Freude, wenn auch anders, als der Feld-, Wald- und Wiesen-Jägersmann, er, der auf das Edelwild der Flurnamen jagte.
Während er sich so heimtrottend mit den Namen beschäftigte, saßen Oskar Mästegans und sein alter Freund Karle in der Kneipe und vertieften sich, da niemand weiter am Stammtisch erschien, in die beiden Schriften, die ihnen der Archivar dagelassen hatte, und staunten, was außer der Landwirtschaft noch alles im Lande getrieben wurde. »Hm (meente der Karle schließlich), das mag ja alles ganz gut und scheene sein, aber viel Zweck hat’s dorum doch nich.« – »Nu nee (widersprach ihm da sein Freund Gemeindevorstand)! Do bin ich doch ganz andrer Ansicht als wie Du. Die Nam’ sein gut. Mer mechten se nich hergeben. Wenn se aber erhalten bleiben sullen, dann muß de Menschheet erscht wissen, wieso und warum se dasein un was se zu bedeiten ham. Dann wern se se ooch achten! ’s wird itze immer so viel von Heimatschutz geschwafelt. Das geheert weeß der Hole ooch d’rzu!«