Aus dem Tale steigt die Straße langsam in großen Kurven zum Kamme hinauf. Quer über die Straße, über Eis und verharschten Schnee laufen spitze Schneedünen wie Pfeile, mit denen die weißen Winde die eigne Richtung und Schärfe markieren. Hohe Horizonte schweben hinter Flockenschleiern.
Über weißen Wällen ragen Schneezäune. Einsam sinkt der graue Himmel hinter den schwarzgefügten Planken nieder.
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Auf dem Kamme, siebenhundertvierzig Meter hoch im Reiche der weißen Winde, stehen vier kleine beschneite Häuser an der verwehten Straße. Eines davon ist ein Gasthaus. Diese vier Häuschen und vier andere, die sich seitwärts in einer Falte der weißen Hänge verbergen – das ist Heidelbach.
Man sieht nur diese vier. Weißer Wald zieht aus Winternebeln heran. Schneeflächen entschwinden in grauweißer Luft.
Es wirkt wie eine Kühnheit, in dieser winterlichen Einöde zu hausen, wie eine freiwillige, stumme Verbannung. Und selber kommt man sich wie verirrt vor, nun der Schlitten vor dieser verwehten Gasthaustür hält und wir ihm steif gefroren entsteigen.
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Einige Stunden später schon fühlt man sich gastlich aufgenommen in den Kreis des Familienlebens, in die ländliche Gemeinschaft von Mensch und Tier, die der Gasthof in winterlicher Einsamkeit umhaust. Man spürt die Fäden, die von drinnen nach draußen und von draußen nach drinnen führen, spürt Krieg und Frieden des Lebens auch in dieser Einsiedelei.
Der Mann verbringt Stunde um Stunde im Stalle. Die schönste der drei Kühe, eine gelbe Simmentaler, liegt röchelnd im Sterben. Der Wirt hegt und pflegt sie. Nachts steht er auf, um nach ihr zu sehen. Das Messer hat er für alle Fälle bereit liegen. Die Kameraden der Gelben, zwei schwarzweiße Schecken, raufen das raschelnde Heu. Ein dunkelgraues Kalb reckt an jedem, der ihm nahekommt, den Hals wollüstig auf. Es will an der Kehle gekrault sein. Die Gelbe hat den schönen Kopf mit den weißen Löckchen zwischen den Hörnern ergeben ins Stroh gewühlt. Die weißen Wimpern senken sich über die Augen. Wie ein sterbender Mensch, geduldig und wehrlos, liegt das Tier da. Dumm und schuldlos scharren und picken die Hühner neben dem Kopf der Kuh im Dung.
Drei Tage später hängt die Gelbe geschlachtet am Scheunenbalken. Ihr Blut rinnt rauchend hinaus in den weißen Schnee. Die abgehackten Vorderfüße lehnen wie ein Stiefelpaar an der Holzwand. In der Gaststube schreibt der Tierarzt den Befund bei einem Schnapse nieder. Der Wirt sitzt in der Küche, die Ellbogen auf die Knie gestützt, die Hände ineinander gelegt. Es sind Hände, denen eine Mühe soeben abgenommen worden ist, Mühe, die vergeblich war.