Am 17. April 1733 reiste Ludwig, dessen Gesundheitszustand eine Weiterreise verbot, mit einem Transport lebender Tiere zu Schiff von Tunis über Gibraltar nach Hamburg (Ankunft am 15. Juli). Dort wurde er belästigt »durch die Neugier der Leuthe, die vorwitzig waren, die mitgebrachten Sachen zu sehen.« Er dang einen magdeburgischen Schiffer zum Transport der Tiere nach Dresden; die Fahrt elbaufwärts dauerte vom 6. August bis 12. September. »Er übergab am 13. September die Thiere im Beyseyn Ihro Excellenz des H. Oberlandjägermeisters H. von Erdmannsdorff und den 14. geschahe ein gleiches mit den Curiosis welche in die Gallerien unter der Aufsicht des H. Hofraths und Leib-Medici Baron von Heuchers kamen.« Außer den lebendigen Tieren sind also »allerhand Curiositäten, an ausgestopften raren Vögeln, Insecten, Fischen, Kräutern, Zeichnungen, Abriß und dergleichen mehr« nach Dresden gebracht worden.
Am gleichen Tage wie Ludwig verließ auch Hebenstreit mit seinen Begleitern den afrikanischen Boden. Er ging zunächst nach Marseille, um von dort aus mit einem Schiffe der »Compagnie des Indes« die Weiterreise nach Westafrika anzutreten. Inzwischen war (am 1. Februar, nicht am 1. Dezember) August der Starke gestorben. Der Kunde davon folgte bald der Befehl zur Rückreise zugleich mit der Ernennung Hebenstreits zum Professor an der Universität Leipzig. In Briefen aus Marseille (vom 15. Mai) an den Kurfürsten und an den Grafen Brühl bat Hebenstreit unter Hinweis auf den unsterblichen Nachruhm, den die Ausführung der Reise in dem geplanten Umfang, also bis Guinea und Kap der Guten Hoffnung, »Ihro Höchstseeliger Majestät« bringen werde, und unter Betonung der Bedeutung der Reise für die Wissenschaft, seinem ursprünglichen Plane folgen zu dürfen, »zumahl ich von der noch übrigen Summa derer 7000 fl. Holl. das Werck auszuführen gedächte,« aber die Bitte fand kein geneigtes Ohr. Enttäuscht trat der kühne Forscher, dessen Berichte von nun an verstummen, mit seinen Gefährten die Rückreise nach Dresden an, wo sie am 20. September eintrafen.
Die Gesamtkosten der Reise beliefen sich auf 14 958 Rthlr. 17 Gr. 1 Pf. Die Bitte Hebenstreits, den Überschuß der Reise (1304 Thaler) verwenden zu dürfen »zur Anfertigung einer Reisebeschreibung mit Kupfer-Stichen nach dem Sinn und Meinung Höchstseeligster Majestät und zum Andencken einer der großen Thaten Augusti, gestalten diese Reise von aller Welt dazu gezählet wird,« wurde nicht gewährt. Ist es unter diesen Umständen zu verwundern, daß die Afrikaforscher und ihr Werk vergessen wurden? Leider vernichtete ein unglückseliges Schicksal auch die Sammlungen, die den Ruhm der sächsischen Afrikareisenden späteren Geschlechtern hätten künden können; sie befanden sich in dem Teile des Zwingers, der bei den Dresdner Maiunruhen 1849 durch eine Feuersbrunst zerstört wurde. Unersetzlich ist vor allem der Verlust der zahlreichen Zeichnungen des Malers der Expedition, Christian Friedrich Schubarth. Daß die mitgebrachten Samen afrikanischer Pflanzen zur Bereicherung der botanischen Garten verwendet worden sind, läßt sich von Dresden annehmen, für Leipzig nachweisen. Die Ansicht jedoch, daß die ältesten Stämme der jetzt in Pillnitz und Großsedlitz befindlichen Orangerie ein »Mitbringsel« von der afrikanischen Reise seien, ist unhaltbar. Nicht nur, weil zeitgenössische Zeugnisse fehlen, sondern auch wegen der Unmöglichkeit der physischen Voraussetzungen muß man es als Legende bezeichnen, daß Hebenstreit »eine Anzahl (400) von Orangenbäumen, zu Drechselholz bestimmt, mitgebracht habe, welche in Dresden umgekehrt eingepflanzt, Wurzel geschlagen hätten.«
So müssen wir uns bescheiden, in den handschriftlichen Berichten der beiden Reisenden die einzigen, und daher um so wertvolleren, uns übermittelten Reiseergebnisse zu sehen. Die obenerwähnte Arbeit aus dem Jahre 1902 hatte sich nur das Biographische über die Teilnehmer, ferner Vorgeschichte, Verlauf und Nachgeschichte der Reise sowie das Schicksal der Sammlungen, endlich die Stellung der Expedition und der Reiseberichte in der Wissenschaft zum Ziele gesetzt. Von dem reichen naturwissenschaftlichen, völkerkundlichen und geographischen Inhalt der Hauptberichte ist noch nichts wissenschaftlich bearbeitet worden außer den Inskriptionen. Die von Hebenstreit gesammelten sind 1881 im Corpus Inscript. Latin. erschienen. Das Tagebuch Ludwigs enthält zweiundfünfzig römische Inschriften, von denen zwölf nur in seinen Abschriften erhalten zu sein scheinen. Diese hat Professor Dr. Fiebiger, Dresden, in den Jahresheften des Österreich. Archäol. Instituts veröffentlicht. (Wien, 1902.)
Trotz zahlreicher kürzerer Erwähnungen in der sächsischen Literatur, die allerdings die Bedeutung der Hebenstreitschen Forschungsreise nicht ahnen ließen, hat sich niemand veranlaßt gesehen, sie näher zu erforschen. Kein Wunder also, wenn die Geschichten der Entdeckungsreisen Hebenstreit gar nicht erwähnen oder nur mit wenig Worten abfertigen. Für Ludwig dasselbe nachzuweisen, erübrigt sich, da dessen Reisebericht bis vor zwei Jahrzehnten unbekannt geblieben ist. Von der Naturwissenschaft sind die beiden Forscher mehr gewürdigt worden. Ihr großer Zeitgenosse Linné (1707/78) hat den Reisenden Pflanzengattungen gewidmet, eine Hebenstreitia und eine Ludwigia. Auch tragen nach einer Mitteilung Georg Schweinfurths, des Nestors der deutschen Afrikaforscher, verschiedene Pflanzenarten Ludwigs Namen, so u. a. die in Nordafrika und Syrien weitverbreitete Wüstenpflanze Althaea Ludwigii.
Daß Hebenstreit wie Ludwig Deutsche waren, daß sie gerade an unsrer sächsischen »alma mater« gelernt und gelehrt haben, erfüllt uns mit freudigem Stolz. In Sachsen und seiner Hauptstadt, die einen wesentlichen Teil ihrer Schönheit August dem Starken verdankt, feiert man diesen Fürsten naturgemäß in erster Linie als genialen Bauherrn und Veranstalter von prunkvollen Festen. Es ist mir eine Freude, daß ich ihn im vorstehenden auch als Förderer der Naturwissenschaften habe bezeichnen und das Interesse weiterer Kreise auf die von ihm ausgesandte Afrika-Expedition habe lenken dürfen, die in der kulturgeschichtlichen Entwicklung unsres engeren Vaterlandes einzig dasteht.
Fußnoten:
[5] Dr. Martin Große: Die beiden Afrikaforscher Johann Ernst Hebenstreit und Christian Gottlieb Ludwig, ihr Leben und ihre Reise. (Leipz. Diss. v. 1902.) Anmerkung des Herausgebers: Der Verfasser hat eine beschränkte Anzahl Exemplare für Heimatschutzzwecke zur Verfügung gestellt; sie können von der Geschäftsstelle (Schießgasse 24) zu einem Grundpreise von 0,75 M. (multipliziert mit der jeweiligen Teuerungsziffer) bezogen werden.
[6] Siehe »Die beiden Afrikaforscher Hebenstreit und Ludwig« …, S. 26–28.