Der Weg nach dem Wendelstein führt fast schnurgerade durch hochstämmigen Wald ins Tal des Geigenbachs und über Siehdichfür nach Grünbach. Fast gleichhoch wie der Schönecker Fels (siebenhundertzweiunddreißig Meter) übertrifft der Wendelstein alle anderen Glieder der Kette durch seine Längserstreckung. Der vom Dorfe heraufführende Weg steigt durch eine Senke, die den langen Zug in zwei Teile auseinandergerissen hat. Eine granitene Säule (Triangulierungsstation) auf dem hinteren Felsen bezeichnet die höchste Erhebung. Aufatmend nach nicht ganz ungefährlicher Kletterei über glattes Gestein eng an der fast senkrecht abstürzenden Südostseite vorüber, steht dort der Wanderer zu schauender Rast. Ein Rundblick von ähnlicher Schönheit wie vom Friedrich-August-Stein ist sein Lohn. Die hohen, dunklen Wälder Schönecker und Auerbacher Reviers stehen um einsame Dörfer mit schieferblauen Dächern; jenseits des Göltzschtals, das seine Wände in einer Tiefe von über hundert Metern in den leicht verwitternden Urtonschiefer genagt hat, setzen die Erzgebirgshöhen die vogtländischen Waldberge fort bis hin zum Pöhlberge; im offeneren Tale der Göltzsch Ort an Ort, drüben im Westen und Nordwesten niedrige Kuppen, flache Rücken, sanft geschwungene Hochflächen, oft turmgekrönt; unmittelbar am Fuße des Felsens im Geigenbachtal die beiden Seen der Plauener Talsperre. Deutlich erkennbar wird, wie der Höhenrücken die Wasserscheide zwischen Göltzsch und Elster bildet; freilich empfängt jene den größten Teil ihrer Zuflüsse von rechts, weil links der schmale Rücken nur geringen Raum zur Entwicklung von Bächen verstattet. Der vordere Wendelsteinfelsen erinnert mit einer Gedenktafel an den »Unvergeßlichen«, an einen der Männer von 1848, Adolf von Trützschler, der am 14. August 1849 zu Mannheim seinen Traum von Deutschlands Einheit mit dem bitteren Tode enden mußte. Wie eine dunkle Sage raunt die Volksüberlieferung in Falkenstein von einem herzblutgetränkten Taschentuch, das die freiherrliche Familie im Schlosse als kostbare Relique aufbewahrt. Der Wendelstein liegt auf Trützschlerschem Gebiet.

Abb. 5 Östlicher Lochsteinfelsen

Abb. 6 Bendelstein – Ganzansicht von Südwesten

Der Weg läuft, immer in gleicher Richtung mit der Straße Grünbach–Falkenstein, durch Jungwald und hochstämmige Fichten, bald zur Rechten einen Durchblick auf Häusergruppen des langgestreckten Dorfes Grünbach freigebend, bald zur Linken freie Schau nach Südwesten eröffnend. Da drängen sich in der Nähe des Wendelsteinfußes auf wiesigem Hang mehrere Gehöfte unter Ahorn und Vogelbeerbaum aneinander: die Karte verzeichnet sie unter dem Namen Winn, die Mundart nennt sie auch Wind (eine Form, die sich eng an die urkundlichen schließt: 1421 Wynden, 1529 Winde). Die auffällige Ähnlichkeit der Namensformen des einsamen Weilers und der zackigen Felskette macht enge Beziehung der beiden Örtlichkeiten wahrscheinlich. Irrig wäre jedoch der Schluß, daß die kleine Siedlung, verhältnismäßig spät als Rodung entstanden, dem Felsgebilde seinen Namen gegeben habe. Die Grundbedeutung von Wendelstein war in althochdeutscher Zeit Schneckenhaus; der in Windungen emporsteigende Fels erschien den bildhaft denkenden und redenden Vorfahren als das ins Riesenhafte verzerrte Gehäuse einer Schnecke; in Wendeltreppe, ursprünglich aus Stein gehauen, schimmert dieser Wortsinn deutlich erkennbar durch, heißt ja noch im siebzehnten Jahrhundert eine solche Treppe auch Schnecke. Vom Felsen als dem Naturhaft-Ursprünglichen hat also die Ansiedlung ihren Namen, der in einer althochdeutschen Glosse (Erläuterung eines lateinischen Wortes) durch Stufe erklärt ist: winden-stuophon. So ergibt sich als Weg der Bedeutungsentwicklung: eine alte Dingbezeichnung – Wendelstein – ist zum Eigennamen geworden. Übrigens gibt es auch in den Alpen Felsen und Berge desselben Namens.

Abb. 7 Blick vom Bendelstein auf Auerbach i. V.

Nachdem eine kleine Felsschroffe, nur wenige Schritte links vom Wege hinter den Bäumen versteckt, als Verbindungsglied zwischen Wendelstein und Lochstein gewürdigt worden ist, nähert sich der Wanderer den beiden hochaufragenden Felsen, die gleich ruinenhaft verwitterten Tortürmen am Waldausgange steil empordrohen. Der westliche ist vom Falkensteiner Naturverein zum bequem zugänglichen Aussichtspunkt gestaltet worden, wagemutigen Kletterern bietet auch der gegenüberliegende höhere und massigere Stein keine unüberwindliche Schwierigkeit. Weit sichtbar ist eine viereckige Fensteröffnung am östlichen Fels, von eigenwilliger Naturlaune kühn gestaltet. Der Volksmund führt auf dieses »Guckloch« den sonst scheinbar jeder Deutung widerstrebenden Namen der beiden Felsgebilde zurück. In dem ersten Teil der Zusammensetzung verbirgt sich aber ein altes Hauptwort loh = Busch, Holz, Wald; die Lochsteine grüßen hinüber zum Lohberg und noch weiter zu dem in tiefster Waldeinsamkeit lieblich gelegenen Trützschlerschen Jagdhaus Hanneloh, dessen Name gleichbedeutend ist mit Hohenlohe. Der westliche Lochstein gewährt klare Einsicht in Werden und Wachsen einer schnell aufstrebenden Industriestadt. Drei Zeitfolgen in Falkensteins Geschichte sind rein äußerlich im Stadtbilde deutlich erkennbar. Dort die Baumgruppen inmitten der Häuserviertel und Straßenzüge, aus denen der Schloßfelsen ragt, umschließen den Wohnsitz der Freiherren von Trützschler auf Falkenstein, die seit einem halben Jahrtausend in ununterbrochenem Besitze der ausgedehnten Herrschaft stehen. Wie ein Falke horstete die Burg auf dem Felsgeviert inmitten des Waldmeeres, ein Sproß des altadeligen Geschlechts der Vaßmann hatte dort im dreizehnten Jahrhundert seine Behausung und empfing von ihr den Namen ritterlichen Klanges. Frühzeitig ward die Burg zerstört; schon 1530 trug der Fels nur noch eine unbewohnte Trümmerstätte. Die Gegenwart läßt auch von einer Ruine nicht eine Spur mehr erkennen. Vielhundertjähriger Efeu umkleidet das graue Gestein wie eine Grabstatt aus längst entschwundener Zeit. Eine Erinnerungstafel gibt uns Nachlebenden Kunde von dem Band, das sich Jahrhunderte einst um Stadt und Herrensitz geschlungen: 1400–1900 dem Hause derer von Trützschler auf Falkenstein zur Feier des fünfhundertjährigen Besitzes der Herrschaft Falkenstein in Verehrung und Dankbarkeit die Stadt Falkenstein. Denn ein Städtlein hatte sich allmählich am Fuße des wehrhaften Gemäuers entwickelt; schlecht und recht fristete es sein Leben; eine kurze Zeit blühenden Zinnbergbaues, an die das Stadtwappen erinnert, ging vorüber wie ein Sonnenblick an nebeldunklem Tag; in den Flammen der großen Brände von 1859 und 1862 sank es in Schutt und Asche, und nur wenige der armseligen Weberhäuslein entgingen der allgemeinen Verheerung. Abseits der Stadtmitte stehen sie noch heute im hinteren und oberen Anger, im Grund und am Holzbrunnen (Ortsteile von Falkenstein) in ängstlicher Niedrigkeit neben den behäbigen zwei- und dreistöckigen Gebäuden der letzten Bauperiode, da die aufblühende Stickerei die Einwohnerzahlen des Weberstädtleins sprunghaft emporschnellen machte und das äußere Gepräge von Grund auf umgestaltete. Neue Straßen zogen sich nach außen, und ganze Häuserblocks erwuchsen an ihnen besonders nach dem Göltzschtal zu und zwischen der Ölsnitzer und der Plauenschen Straße. Wie dort die Stadt in den weit ausholenden Bogen der Bahn Herlasgrün–Muldenberg hineinwächst! Neue Schule und Amtsgericht geben dieser Neustadt ihren Mittelpunkt. In weitem Umkreise bilden Dörfer, dunkle Hügelketten und freundliche Täler den natürlichen Rahmen zu dem Bilde der modernen Stadt auf dem Höhenrücken, deren lebendige Wirksamkeit durch den Reichtum an rauchenden Fabrikschornsteinen gekennzeichnet wird. Eine breite Treppe führt durch das Felsentor abwärts zur Stadt. Die Brücke über die Bahn zeigt das angeschnittene grauwackenartige Quarzitgestein, das jene Felsmassen in wechselnden Abständen emporwölbt. Der schlanke Turm der Kirche zum heiligen Kreuz, die 1362 zum ersten Male als Pfarrkirche urkundliche Erwähnung findet, ist Richtpunkt. Der Hauptstraße folgend, gelangt der Wanderer nach kurzer Zeit an die schattige Promenade, die sich in Stufen an den Schloßfelsen lehnt. Die sogenannte Allee begleitet jetzt den Zug der Felsen in unmittelbarer Nähe. Als Schulfelsen sind sie den Kindern von Falkenstein und all denen, die es einst gewesen, eine vertraute Stätte, um die Erinnerung ihre zarten Schleier webt. Die Knaben erproben ihre Kletterkunst an ihnen, die Alten steigen die steinernen Stufen zu den Ruhebänken hinauf, sinnen hinunter auf das Schulgebäude aus roten Ziegeln mit seinen beiden Spielplätzen im Schatten der steilen Felswand und sinnen zurück in das Land der Kindheit; acht Jahre lang sahen sie während der Pausen zwischen den Schulstunden auf zu den Felsen, von denen man raunte, daß sie in dunklem Spalt Gräber bergen. Drängende Neugier, gemischt mit ängstlichem Gruseln, versuchte oft das Geheimnis zu ergründen, freilich immer vergeblich. Und doch verlor es nie den Reiz der Wahrscheinlichkeit; denn die Schule steht tatsächlich auf dem Platze des alten Kirchhofs.