Abb. 1 Wendelstein – südlicher Teil mit Triangulierungssäule

Die zackigen Felsmassen, die nach Südosten in steiler Wandung abfallen, bringen eine seltsam eigenwillige Note in das ruhige Gleichmaß des vogtländischen Landschaftsbildes: kühn und herrisch streben sie aus dem stumpfen, breiten Rücken der welligen Hochfläche empor, Zeugen aus der überaus bewegten erdgeschichtlichen Vergangenheit der Heimat, da die harten Quarzite und Quarzitschiefer allen Unbilden der Verwitterung trotzig standhielten, während das weichere Gestein, dem sie eingelagert sind, ringsum zerstört und zu Tal gespült wurde. Seltsam scharfkantig, zerrissen und zerklüftet, vom Wetter zu Gebilden gestaltet, die der Deutkraft vergangener Geschlechter freien Raum ließen (Wendelstein, Katzenstein), in längeren oder kürzeren Zwischenräumen aus dem Erdreich auftauchend wie Klippen aus der wogenden Brandung, Mauerreste verfallener Riesenburgen, so erscheinen die Felsen dem Auge des Wanderers aus der Ferne. In unmittelbarer Nähe verstärkt sich der Eindruck des Unruhig-Zerrissenen, Trümmerhaften; zu den Füßen des Felskammes liegen abgerollte Blöcke im Beerengestrüpp und Moospolster, und wie vernarbte Wunden im Antlitz des ruhmvollen Kämpfers zucken Quarzadern durchs schiefrige Grundgestein.

Abb. 2 Wendelstein – nördlicher Teil

Abb. 3 Lochstein – westlicher Felsen

Der steil aufragende, schmale Fels (siebenhundertvierunddreißigeinhalb Meter hoch) inmitten von Schöneck bildet unter dem Namen Friedrich-August-Stein, den er zur Erinnerung an den Besuch des Königs Friedrich August II. im Jahre 1834 erhalten hat, den Stolz der Stadt, die ihre Häuser um ihn schart. Verdankt sie doch dem »Stein« Namen und Dasein. Dort oben auf windumbrauster Höhe, die über meilenferne Länder ins Land spähte, stand frühzeitig schon – die Urkunde spricht 1225 zum ersten Male von einem Schoenegge – eine Burg auf kargem Raume, kaum mehr als den Burgfried und bescheidenes Wohngelaß für Ritter und Roß umfassend, aber um so wehrhafter und wagelustiger. In ihrem Schutze wuchs das Waldstädtlein, das 1370 ausdrücklich »Stadt unter Schoneneck« genannt wird. Krieg und Brand zerstörten die Burg, die Trümmer des Rundturms wurden 1763 völlig abgetragen, und nur der Name der Gastwirtschaft am Fuße der Anlage »Zum alten Söll« bewahrt die Erinnerung an eine Spanne heimatlicher Geschichte, wie ein spärlicher Lichtstrahl in dunklem Raume einen glänzenden Gegenstand hell aufblitzen macht. Heute ist der Friedrich-August-Stein nur noch Aussichtspunkt. Aber welch eine Welt tut sich dem trunkenen Auge auf! Von der Landesvermessungssäule mit ihrer Orientierungstafel schweift es frei nach West, Nord und Süd über die bewaldeten und bebauten Bodenwellen des Vogtlandes mit Dörfern und Teichen bis weit hinaus, wo Fichtelgebirge und Frankenwald ihre Berghäupter strecken und niedrige Vorberge zum Thüringerwald hinübergleiten. Berg und Wald, Himmel und Land verschwimmen im weichen Blau der Ferne, Dächer und Türme blitzen auf, und der Beschauer fühlt sich als Pünktlein in dem ungeheuren Meer dieser fernen Weite. Nur ungern steigt er die Felsstufen hinunter ins Städtlein zurück, wie in eine andere Welt.

Abb. 4 Falkenstein, vom westlichen Lochsteinfels gesehen