Ist das verborgene, höchst komplizierte Werk der Rollen und Fäden im Gange, dann wenden sich da kleine Köpfchen und heben sich da zierliche Hände und Arme, pilgernde Menschen und hoheitsvolle Kamelreiter ziehen still und fließend zwischen den Felsknorren ihres Weges, die winzige Axt Josephs in der Werkstatt zu Nazareth tickt wie das verhalten klopfende Herz dieser Schöpfung, und aus himmlischen Höhen, aus schwebenden Wolken und himmlischen Heerscharen herab läßt sich mit bestürzend heftiger Gebärde in kleinen Rucken der verkündende Engel unter die aufschauenden Hirten fallen – man fühlt, wie unerwartet, überwältigend das Geschehnis die Hirten überfällt, und man glaubt fast die beglückende Botschaft in der großen Stille zu hören: Friede auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen! Und dann schwebt der Engel mit leiser Drehung wieder aufwärts. Und nach Sekunden stürzt er von neuem …
Abb. 11 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: Die Taufe im Jordan
Christus und die Samariterin
In dieser stillen Bewegung war der Weihnachtsberg am schönsten. Und dann wieder sah man ihn abends, wenn sich die Schar der Besucher schon verlaufen hatte, wenn nur zwei, drei Menschen still vor dem frommen Berge verweilten. Das verborgene Werk ist abgestellt. Alles ruht in feierlicher und doch so schlichter Stille im weißen Lichte der bereiften Glaskugeln. Die goldenen Sterne funkeln und das dunkle Blau wölbt sich als nächtlicher Himmel. Und nun meinte man: so, in dieser großen Stille, sei das Werk am schönsten.
Immer aber war dieser Weihnachtsberg der köstlichste Anblick, den die Jahresschau bot. Und daß er da war, ist Professor Seyfferts Verdienst. Der erzgebirgische Bergverein, dessen gehüteter Besitz er ist, gab ihn nur schweren Herzens her. Sie brachten ihren Schatz selber, die Figuren in sorgsamer Verpackung, Moos und Wurzelfelsen in großen Kisten. Und sie bauten ihn auch selber auf.
Aber daß er so aufgebaut wurde, ist wiederum Professor Seyfferts Verdienst. Im Erzgebirgsstädtchen Lößnitz, wo er alle Jahre einmal um Weihnachten zwei Wochen lang zu sehen ist, erhebt er sich vor einem gemalten palästinischen Panorama und umgeben von vielerlei störender Zutat. Seyffert ließ das alles weg. Er stellte den ganzen Weihnachtsberg einfach unter die nachtblaue Wölbung, an der die goldenen Sterne funkeln, und nun wirkte das schöne, schlichte Werk so groß, so edel, wie es in Lößnitz nie zu sehen war. Hoffentlich verzichtet nun auch der Lößnitzer Bergverein bei der Wiederaufstellung seines Weihnachtsberges daheim auf alles überflüssige und störende Beiwerk. Es käme dem schönen Kunstwerke zugute, denn ein Kunstwerk ist der Berg, ein Kunstwerk, eines edlen Rahmens wert.
Vom Wendelstein zum Bendelstein
Von Dr. Trögel, Auerbach
Mit Aufnahmen von K. Richter, Auerbach i. V.
Höhenwanderungen haben ihren eigenen Reiz. Auf dem Rücken der breit dahingelagerten Berge läuft der Pfad, waldumweht oder frei nach allen Richtungen der Winde. Er klettert empor zu jäher Felsschroffe und senkt sich wieder in gemächlichem Gang, aber immer liegt das Menschenland und seine Maße tief unter ihm; nichts stört den Höhenwanderer in seiner Einsamkeit, was drunten im volkreichen Tal mit seinem hastenden Alltagsleben die Sinne unruhig macht. In überwältigender Fülle drängen sich Bild um Bild auf, wenn jemand den Kammweg vom Kapellenberg an Böhmens Grenze bis zum Altvatergebirge im schlesischen Osten bewältigt oder auf dem uralten Rennstieg über Thüringens Höhen zur Wartburg wandert. Die gleichen reizvollen Eindrücke, in weit bescheidenerem Ausmaße zwar, aber dafür vom Zauber des Heimatlichen umgeben, vermag eine Wanderung auf dem schmalen Felskamm zu bieten, der im Friedrich-August-Stein zu Schöneck seinen südwestlichen Eckpfeiler auftürmt, in Wendel-, Loch- und Bendelstein machtvolle Klippen bildet und sich dann unterhalb von Auerbach allmählich verliert.