Abb. 7 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: Die Hirten hören die himmlische Botschaft

Und um ein Kunstwerk handelt es sich bei diesem Weihnachtsberg, den die Mitglieder des 1879 gegründeten Lößnitzer Bergvereins, Schuhmacher, Weichenwärter, Waldarbeiter, Landbriefträger und wer sonst noch, im Verlaufe mehrerer Generationen erdacht, geschnitzt, bemalt und aufgebaut haben. Es ist ein Kunstwerk; es ist Volkskunst, beseelt von naivem, dichterischem Empfinden einfacher Menschen, wie es in Volksliedern und Volksmärchen lebt. Und obwohl fast jede Gruppe von andern Händen geschnitzt wurde, obwohl mancher Schnitzer schon im Grabe lag, als andre das gemeinsame Werk fortsetzten, scheint alles von einer Hand geschaffen zu sein. Da und dort entdeckt man wohl bei genauerer Betrachtung leise Verschiedenheiten in der Führung des Schnitzmessers, in der plastischen Bildung der Figuren, in der farbigen Behandlung, aber das Ganze ist von einem Empfinden durchdrungen. Die Spuren der einzelnen Schöpfer verschwinden im gemeinsamen Werk. Und wohl ist die Folge der Gruppen willkürlich. Mariä Verkündigung, die Geburt im Stall zu Bethlehem, die Verkündigung an die Hirten auf dem Felde, die heiligen drei Könige, die Flucht nach Ägypten – das alles schließt sich eng um die Weihnachtslegende. In den andern Gruppen schweifen die Schöpfer durch das Leben Christi. Sie gestalten die Darstellung im Tempel, das Tempelgespräch des zwölfjährigen Jesus mit den Schriftgelehrten, die Taufe im Jordan, die Bergpredigt, Jesus und die Samariterin. Mitten drin steht der Palast des Herodes. Der König sitzt auf rot überhangenem Thron und wartet gleichsam auf die Rolle, die er im Leben Jesus spielen soll. Man fühlt, daß die Schöpfer der einzelnen Gruppen sich nur von den Reizen führen ließen, mit denen dieser oder jener Vorgang zur Gestaltung lockte – die bunte Pracht im Königspalast oder das bewegte Figurengewimmel der Bergpredigt. Und doch wird keine Lücke fühlbar. Alle Gruppen schließen sich zu einem großen Bilde zusammen, in das man hineinblickt wie in ein gleichzeitiges, einheitliches Geschehen. Zeitliche Verschiedenheit der Entstehung, persönliche Verschiedenheit der Schöpfer, enge Aneinanderreihung weit voneinander liegender Vorgänge – alles dreis geht lückenlos auf in der großen seelischen und volkskünstlerischen Einheit des ganzen Werkes.

Abb. 8 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: Die ruhenden Kamele der Weisen aus dem Morgenlande

Das wird noch verstärkt durch die Einfügung der Gruppen und Einzelfiguren in die überraschend gut erfundene Landschaft, die aus phantastisch gewachsenen Wurzelhölzern und aus Moospolstern aufgebaut ist. Wer es nicht vorm Werke selbst entdeckte, findet vielleicht auf einer der photographischen Aufnahmen heraus, wie groß, wie landschaftlich echt, wie felsenhaft diese Wurzelknorren um eine Herde kleiner Schäfchen, um das Beieinander gestenreicher Figuren wirken. Diese Landschaft gibt dem Ganzen die einheitliche Szenerie, und das silbrige Grau des knorrigen Holzes, das verblichene Gelbgrün des Mooses hält die bunten Farben der Gruppen und Figuren gut zusammen. So wirkt das Ganze noch stärker als ein Werk.

Abb. 9 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: Die heilige Familie in Josephs Werkstatt

Betrachtet man dann die Einzelheiten, die ruhenden Kamele der Weisen aus dem Morgenlande, die Hirten auf dem Felde, die weidenden Schafe und die kletternden Ziegen, die wundervoll sprechende Gebärde der Maria in der Tempelszene, die farbige Schönheit der Palastgruppe, so findet man immer von neuem entzückende Feinheiten, und je öfter man vor den Weihnachtsberg tritt, desto mehr liebt man das Werk.

Abb. 10 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: Maria findet Jesu im Tempel bei den Schriftgelehrten