Abb. 4 Die Engel musizieren vor Marias Thron
Erzeugnis von Wendt & Kühn, Grünhainichen
Unter den geschmückten Bäumen breitete Professor Seyffert aus, was er an Spielwaren ausgewählt hatte. Alles in diesem farbigen Gewimmel war mustergültig. Im Raume waren die kleinen Dinge die bunten, belebenden Tupfen, die sich dem Ganzen einfügten, ohne sich vorzudrängen. Für die Weihnachtsstimmung des Raumes bedurfte es dieser kleinen, bunten, hübschen Dinge nicht – das spricht nicht gegen die Dinge, sondern für die meisterhafte Beherrschung der schlichten Mittel, mit denen Professor Seyffert diesen Raum schuf, der wieder nur der edle Rahmen sein sollte für das größte und schönste Werk volkskünstlerischer Herkunft, das in Sachsen, ja wohl in ganz Deutschland zu finden ist: für den Weihnachtsberg des Lößnitzer Bergvereins.
Abb. 5 Lichterengel unter Weihnachtsbäumen
Erzeugnis von Wendt & Kühn, Grünhainichen
Beim Anblick dieses geschnitzten Weihnachtsmärchens murrte ein Arbeiter: »Damit sollen die Kinder verdummt werden.« Ein andrer Besucher, der das hörte, erwiderte gereizt: »Wenn da lauter rote Fahnen hängen würden, würde es Ihnen gefallen.«
Abb. 6 Der Lößnitzer Weihnachtsberg: Der Palast des Herodes
Beider Einstellung war falsch. Der eine lehnte das Werk ab, weil er darin nur eine Verkörperung biblischer Geschichten sah; der andre verteidigte es aus dem gleichen Grunde. Man denke sich den Dialog eines Ungläubigen und eines Gläubigen vor der Sixtinischen Madonna, vor Rembrandts religiösen Gemälden geführt, um zu erkennen, wie weit beide davon entfernt sind, dem Kunstwerke gerecht zu werden. Ähnlich verhält es sich hier. Gewiß stellen die Schnitzwerke biblische Legenden dar und augenscheinlich war fromme, religiöse Empfindung der Antrieb zum Werke, da ohne seelischen Antrieb kein beseeltes Kunstwerk entsteht; aber entscheidend für die Beurteilung eines Kunstwerkes ist in der Regel nicht der Stoff, sondern seine künstlerische Gestaltung.