Abb. 8 Friedrich-August-Stein in Schöneck i. V. (Aufnahme Max Nowak, Dresden)

Fast ununterbrochen zieht die Felskette in geringer Höhe den hinteren Anger entlang; sie bildet den natürlichen Abschluß für die Gärten hinter den Häuschen und trägt mehrmals Lauben zu vergnüglicher Rast am Feierabend. Jenseits des Bahneinschnittes der Linie Zwickau–Ölsnitz steigt der Kamm im Krankenhausfelsen wieder empor. Auf der Höhe bezeichnet eine schlanke Esse inmitten von Baracken ein Schotterwerk, das gleich dem ehemals Hochmuthschen großen Steinbruch hart am Fuße des Lochsteins den Quarzitzug abbaut. Nun beginnt die Wanderung auf der Hochfläche, die im Osten ins Göltzschtal abfällt und sich westlich langsam in das Tal des Treuenschen Wassers senkt. Einst war der breite Rücken bewaldet: kärgliche Reste niederen Buschwerks, Heidekraut und Beerengesträuch wuchern um offene Wunden kleiner Steinbrüche. Die dünne Krume auf winddurchwehter Höhe gibt geringe Feldfrucht; um so verschwenderischer streut die Natur alle Reize eines wahrhaft großartigen Rundbildes auf jeden Fußbreit des Feldweges, der gleichlaufend mit der Baumlinie der alten Falkensteiner, der sogenannten »hohen« Straße, in mancherlei Windungen gleichsam alle Schönheiten auskostend auf den zinnengekrönten Wasserturm am Bendelstein zustrebt. Noch einmal haben verborgene Gewalten alle Kraft zusammengefaßt, als sie diese Felsenriffe in einer Länge von zweihundert Metern und einer Höhe von zehn bis fünfzehn Metern über den etwa fünfhundertfünfundfünfzig Meter hohen Rücken preßten und zu einer grotesken Riesenmauer dem Wendelstein ähnlich formten. Was sich dem Auge von Bendel- oder Pennelstein aus darbietet, wenn die scheidende Sonne mit ihren letzten Strahlengarben die Fenster der Häuser am östlichen Hang in Feuer taucht, oder wenn der Sturmwind graue Wolkenmassen gegen das düster drohende Gebirge jagt, entzieht sich fast der Kraft des bloßen Wortes. Das sind Offenbarungen der Natur von majestätischer Größe und Kraft, wie sie das alpine Vorgebirge nicht anders zu geben vermag.

Zurückschauend auf seinen Höhenweg, entdeckt der Wanderer am südwestlichen Horizonte zwischen den Wäldern die Essen von Grünbach und die zackige Linie des Wendelsteins; die Lochsteinfelsen ragen wie riesige Wächter, und der nahe Wasserturm mit seiner Zinnenkrone trotzt gleich einem Stück lebendig gewordenen Mittelalters in eine heroische Landschaft. Diesen Eindruck gesammelter Heldenkraft nimmt der Wanderer als beste und bleibende Gabe mit heim von seiner Heimat Höhen. Langsam und allmählich senkt sich die Felskette ins Tal der Göltzsch, das sie in Rodewisch erreicht, nachdem sie im Katzenstein ihre letzte geringe Erhöhung gebildet hat.

Die sächsischen Urnenfelder

Von Dr. J. Deichmüller, Dresden

Unter den vorgeschichtlichen Funden aus dem Freistaat Sachsen nehmen die unter dem Namen »Urnenfelder« bekannten großen Gräberfelder mit Brandbestattungen einen breiten Raum ein. Ihr Auftreten bedeutet einen wichtigen Abschnitt in der Vorgeschichte des Landes. Machte sich gegen den Ausgang der Steinzeit und noch in der beginnenden Bronzezeit eine auffallende Bevölkerungsabnahme, die in den spärlichen Einzel- und Grabfunden zum Ausdruck kommt, bemerkbar, so findet man von der mittleren Bronzezeit ab überall im Flach- und vereinzelt auch im Hügellande unvermittelt in großer Zahl ausgedehnte Gräberfelder oft mit Hunderten von Einzelbestattungen, die eine in der Nähe seßhafte dichte Bevölkerung voraussetzen. Diese Bevölkerungszunahme ist nur durch Zuwanderung neuer Volksmassen in die entvölkerten Landschaften zu erklären. Mit ihrem Erscheinen fällt eine gewaltige Veränderung im Totenkult zusammen: die in der Stein- und frühesten Bronzezeit gebräuchliche Totenbestattung wird durch die Leichenverbrennung ersetzt. Die Frage, woher jene Einwanderer kamen und welches Stammes sie waren, ist bis jetzt in allseitig befriedigender Weise noch nicht beantwortet worden. Germanen, deren Vorläufer die gegen Ende der Steinzeit in Mitteldeutschland auftretenden Schnurkeramiker waren, thrakische Stämme aus der Karpathengegend, selbst Slawen sind als das Volk der Urnenfelder in Anspruch genommen worden. Die jüngste Ansicht bezeichnet als Träger der neuen Kultur illyrische Völker, die aus ihrer südeuropäischen Heimat die Leichenverbrennung mitbrachten, eine Sitte, die zwei Jahrtausende hindurch bis zur Völkerwanderungszeit in unsrer Gegend die alleinherrschende geblieben ist. Der Tote wird auf einem Holzstoß verbrannt, der Rest des Skeletts in einem Tongefäß gesammelt und mit Schmucksachen und kleineren Gefäßen, den »Tränenkrüglein« des Volksmundes, unter einem Erd- oder Steinhügel oder in einer Grube ([1]), oft mit Steinen umstellt und bedeckt ([2 bis 4]), beigesetzt. Beide Grabformen kommen in der Bronzezeit bei uns nebeneinander vor, die Hügelgräber verschwinden aber mit dem Beginn der Eisenzeit, sind überhaupt seltener, vielleicht nur infolge der nivellierenden Arbeit des Pfluges, und liegen nicht in so großer Zahl beisammen wie die Flachgräber der Urnenfelder.

Der Charakter der älteren, der bronzezeitlichen Urnenfelder ist kein einheitlicher; sie lassen sich leicht in zwei zeitlich aufeinanderfolgende Gruppen trennen, in die der mittleren Bronzezeit, etwa 1600 bis 1200 v. Chr., und die der jüngeren, von 1200 bis 800 v. Chr. Die Unterschiede beider kommen vor allem zum Ausdruck in der reichhaltigen Keramik, die man als den »Lausitzer Typus« bezeichnet. Beiden Gruppen gemeinsam ist die kantige Profilierung der Gefäße, die scharfe Trennung von Hals und Bauch, ihre helle Farbe, grau, gelb, hellbraun und rötlich, und die Herstellungsweise aus freier Hand ohne Benutzung der Töpferscheibe. Immer wiederkehrende Formen des älteren Lausitzer Typus sind ein Napf aus zwei umgekehrt aufeinandergestellten abgestumpften Kegeln, deren unterer fast stets flacher als der obere ist ([5]), ein eiförmiger Topf mit niedrigem, nach außen geschweiftem Hals ([8]), terrinenartige bauchige Gefäße ohne oder mit eingezapften oder angeklebten Henkeln ([6]), Krüge, deren Henkel den Oberrand nicht überragen ([9], [13]), breite, meist als Deckel der Urnen benutzte Henkelschüsseln ([7]) und kegelige oder halbkugelige Tassen und Näpfchen ([10], [12]). Eine für die ältere Gruppe charakteristische Form ist das Buckelgefäß in Gestalt schön profilierter Krüge ([9]), breiter henkelloser Näpfe mit ausladendem Rande oder bauchiger Terrinen ([11]) mit fast zylindrischem Hals. Ihren Namen haben diese Gefäße von den buckelartigen, der Frauenbrust nachgebildeten plastischen Verzierungen, die auf dem Oberteil des Gefäßbauches aus der Wandung herausgeformt, aufgeklebt, nicht selten eingezapft sind und von einem oder mehreren konzentrischen Höfen umgeben werden. Einfacher Art sind die Verzierungen der Gefäße: perlschnurartig aneinandergereihte Tupfen oder Einkerbungen auf vorstehenden Kanten ([7], [5]), Horizontalfurchen am unteren Halsrand ([5], [13]), Gruppen senkrechter Striche ([11]) oder schräge Rippen auf der Schulter ([13]) oder radial angeordnete Striche auf der Bauchseite ([5]). Große dickwandige, kesselartige, außen meist gerauhte Gefäße tragen am Halsansatz als Schmuck häufig eine aufgeklebte, kettenartig gekerbte Tonleiste.

Die Formen des jüngeren Lausitzer Typus sind jenen zwar ähnlich, eine gewisse Verflachung ist aber nicht zu verkennen. Die Buckelverzierung wird jetzt nur noch durch konzentrische Bogenlinien angedeutet ([16]); an den doppelkonischen Näpfen ([14]) vermißt man oft die scharfe Mittelkante und an den eiförmigen, meist außen gerauhten Töpfen ([18]) die deutliche Abgrenzung des Halses. Der Krug ([25]) wird schlanker, das früher weitbauchige Unterteil eiförmig, der Hals höher, der Henkel überragt den Rand und reicht nicht mehr bis zur Gefäßschulter. Der Boden der flachen Schalen ist nach oben gewölbt ([19]). Eine neue Form tritt uns in der sogenannten »Pilgerflasche« ([22]) entgegen, einem Gefäß mit sehr weitem Bauch, engem niedrigen Hals und Henkelösen an dessen Unterrand. Unter den Ornamenten herrschen dicht aneinandergereihte breite Horizontalfurchen ([14], [16], [20 bis 22], [24], [25]) vor, die das Gefäß kanneliert oder facettiert erscheinen lassen. Die Gefäßschulter ist mit kurzen, senkrechten ([23]) oder mit schrägen, ihre Richtung wechselnden Furchen ([17]) bedeckt. Neu ist das Wolfszahnornament aus aneinandergereihten, parallel gestrichelten Dreiecken ([22]).