Bei der photographischen Wiedergabe mußte der Totentanz in diese vier Gruppen zerlegt werden. Das Original bildet einen fortlaufenden Fries
Der geistige Vater dieses Gedankens, die Renaissance-Heiterkeit des Georgenbaues mit diesem düsteren Memento zu überschatten, war Herzog Georg selbst. Todesstimmung bewegte den Fürsten dazu, dieses Denkmal seines menschlichen Leides schaffen zu lassen.
In den achtunddreißig Jahren seiner Ehe mit Barbara, der Tochter des Königs Kasimir IV. von Polen, hatte ihm die Gattin fünf Söhne und fünf Töchter geboren. Sechs der Kinder entriß ihm der Tod schon zu Anfang seiner Regierung. Noch während des Baues des Georgentores im Jahre 1534 starb die Gattin. Die vierte Tochter starb. Und auch die zwei letzten Söhne starben noch vor ihm. Zehnmal stand dieser Mann an der Bahre. Zum Zeichen der Trauer ließ er sich nach dem Tode der Gattin den Bart unverschnitten wachsen – als Georg den Bärtigen kennt ihn die Geschichte.
Zum Todesleid kam andrer Kummer. Georg hatte schon vor Luther den Ablaßhandel bekämpft und war für eine Reform der katholischen Kirche eingetreten. Aber die Spaltung der Kirche, wie Luther sie hervorrief, lehnte er ab. Er war ein hartnäckiger Gegner der Reformation und trat nach dem Reichstage zu Augsburg in offner Feindschaft gegen Luther auf, den er einen »verloffenen Mönch« nannte und der ihn wiederum in Schmähschriften von unerhörter Grobheit befehdete. Luther nannte den Fürsten den »Meuchler zu Dresden« und sagte ihm nach, daß er vor Gott nicht höher als Pilatus, Herodes und Judas stehe und ein Tyrann sei schlimmer als Pharao und selbst der Papst. Und Georg erwiderte schließlich kaum minder grob. Aber je länger sein Kampf gegen die Reformation dauerte und je mehr sich die Gegensätze zwischen den beiden Bekenntnissen verschärften, desto sicherer erkannte er seine unabwendbare Niederlage. Sein Bruder Heinrich, den die Geschichte später den Frommen nannte, fiel von ihm ab und schlug sich auf die Seite der Gegner und trat schließlich mit seinem Sohne Moritz dem Schmalkaldischen Bunde bei. Nun sah der Herzog seine ganze Familie im feindlichen Lager. Verzweifelte Versuche, den Bruder deshalb von der Thronfolge auszuschließen, mißlangen. Und als er gar auf den Ausweg verfiel, den schwachsinnigen Sohn Friedrich zu verheiraten, um Heinrich durch einen thronberechtigten Erben zu verdrängen, entriß ihm der Tod einen Monat nach der Heirat auch diesen letzten Sohn.
Alle diese tragischen Schicksalsschläge – denn tragisch ist auch der Kampf eines von vornherein hoffnungslosen Kämpfers – erhärteten und verdüsterten seinen Sinn. Einsam und gebeugt, besiegt und von den Schatten seiner Toten heimgesucht, ersann dieser Mann den einen Trost, sein Haus mit der ewigen Mahnung an den Tod zu schmücken.
Am 17. April 1539 starb er selbst.