Abb. 8 Der Speisesaal in Wackerbarths Ruhe
Aufnahme von P. Georg Schäfer, Dresden
Abb. 9 Teilbild aus dem Park von Wackerbarths Ruhe
Nachdem wir einen flüchtigen Blick in die gewölbten Räume des Erdgeschosses geworfen haben, zur Linken in die sogenannte Tafelstube, zur Rechten in die Marschall- oder Bacchusstube, die für das herrschaftliche Gefolge bestimmt waren, steigen wir in dem helmgekrönten Treppenturme, der, nach der Hofseite zu angebaut, das Haus nur wenig überragt, die einst mit Geweihen reich ausgestattete, ziemlich enge Treppe empor und betreten im ersten Stock durch die niedrige, mit grellen Ornamenten ziemlich auffallend bemalte Türe den Festsaal (siehe [Abbildung 13]). Welche Farbenfreudigkeit lacht uns hier entgegen! Welche Fülle verschiedenartigster Bilder, die in die Decke und in die Wände dicht nebeneinander eingelassen sind, stürmt von allen Seiten auf uns ein! In erster Linie wird unsere Aufmerksamkeit gefesselt durch die Decke, die durch buntbemalte Balken und Leisten in achtzig quadratmetergroße Felder geteilt ist. Jedes Feld zeigt eine prächtig in Öl gemalte Vogeldarstellung, lauter brasilianische Arten. Wie mögen Johann Georg II. und seine Zeitgenossen über diese bis dahin in Europa ganz unbekannten Vertreter der südamerikanischen Vogelwelt gestaunt haben! Nicht anders als wir werden sie sich weidlich über alle die schwierigen Namen, die auszusprechen meist eine besondere Zungenfertigkeit erfordert, belustigt haben, über den Guirapotiapirangaiuparaba, den Guiraacangatara und wie sie sonst alle heißen. Ein holländischer Maler, Albert Eyckhaut aus Amersfoort, der an der niederländischen Forschungsreise des Grafen Johann Moritz von Nassau-Siegen 1636 bis 1644 nach Brasilien im Auftrage der Westindischen Kompagnie teilnahm und 1653 bis 1655 in Dresden als Hofmaler wirkte, schuf die Bilder nach seinen aus der Neuen Welt mitgebrachten Skizzen. Von einem der anderen damaligen Hofmaler, etwa Centurio Wiebel oder Christian Schiebling, mag der bildnerische Schmuck der Wände stammen, der nicht auf der künstlerischen Höhe der Eyckhautschen Vogelbilder steht, aber doch auch seinem Zwecke vollauf genügt: erheiternd und unterhaltend zu wirken. In den heute leeren Rahmen über dem etwa in Schulterhöhe ringsum laufenden Simse waren fünfzig Fürstenbildnisse eingelassen, die der Hof 1889 bei der Veräußerung des Grundstücks in eines seiner Schlösser bringen ließ. Unter dem Simse aber sind die wichtigsten Herrschertugenden durch Frauengestalten versinnbildlicht: die Güte, die Wachsamkeit, die Tapferkeit usw. Die übrigen kleineren Bilder, die sich in buntem Gemisch über die Wände verteilen, predigen in teils ernster, meistenteils aber drolliger Weise Lebensart und Lebensklugheit. Christus auf Golgatha ist als »Ziel des Lebens« (Scopus vitae meae Christus) bezeichnet. Eine Landschaft mit Weinberg und Kornfeld erinnert daran, daß »die Obrigkeit so nötig ist als Wein und Brot«. Ein Mann, der ein Pferd am Schwanze zieht und dafür mit einem tüchtigen Huftritte bedacht wird, erhält die gute Lehre »Gehe ja vorsichtig und behutsam mit denen umb, so große Macht und gewaldt haben«, während ein weinbekränzter Bacchus auf einer Tonne, der einem auf ihn zuspringendem Flügelpferde zutrinkt, sagen will »Der Wein zwinget manchem oft mehr Stärke und Weisheit ein, als er kann und vermag« (siehe die beiden letztgenannten Bilder auf [Abbildung 13] über und unter dem Fenster. Die auf dem Simse stehenden eingerahmten Blätter aus dem Werke über den Wettinfestzug von 1889 denke man sich weg. Sie stören den Gesamteindruck).
Aufnahme aus dem Heimatschutzarchiv
Abb. 10 Die Lindenallee in Wackerbarths Ruhe
Diese wenigen Proben mögen genügen. Man gehe selbst hin, schaue, lese und freue sich! Die Gemeinde Oberlößnitz, die das Schlößchen von dem erwähnten Hoflößnitzverein übernahm, gestattet gern die Besichtigung. Hat man sich aber an der seltsamen Pracht des Saales, dessen Fenster einst wie alle andern dieses ersten Stocks, mit grünen Vorhängen versehen waren, über dessen steinernem Estrich weiche Teppiche lagen und dessen übrige Einrichtung aus zwei langen, grün überzognen Tafeln, vierunddreißig Lehnstühlen, einer Standuhr und kleinerem Hausrate bestand, satt gesehn, so versäume man nicht, auch die vier Nebenräume, deren Ausstattung zu der des Hauptraums stimmte, zu besichtigen. Durch die erste Türe rechts gelangen wir in einen kleinen, von zwei Seiten durch Fenster erhellten Raum, der einst dem Kurfürsten als Schlafzimmer diente. Auch hier überall unmittelbar in die Decken und Wände eingelassene Bilder, durch buntbemalte Leisten, Simse, Pilaster und dergleichen mehr miteinander verbunden als voneinander getrennt. Die in des Kurfürsten Schlafzimmer stellen allerhand Seegetier und Seeungeheuer dar oder Meerjungfrauen, die mit solchen Ungetümen im Kampfe liegen. Leider sind sie nicht mehr vollzählig; es fehlen z. B. alle bildlichen Darstellungen oberhalb des Simses. Ähnlich liegen die Verhältnisse in dem anstoßenden Wohnzimmer des Kurfürsten. Diana und ihre neun Jagdgefährtinnen unterhalb des Simses sind noch erhalten. Dagegen sind die Schildereien über dem Simse samt und sonders verschwunden. Wir wissen nur aus alten Sachverzeichnissen noch, was sie darstellten: Landschaften, Schlachten, Fruchtstücke, Tiere, die Festung Königstein. Besonders beachtenswert ist auch in diesem Raume die Decke. Sie zeigt außergewöhnliche Jagdbeuten Johann Georgs I. aus den Jahren 1625 bis 1652, meist mit genauer Angabe von Größe, Gewicht, Tag und Ort der Erlegung (vgl. das Nähere in den »Bau- und Kunstdenkmälern« a. a. O.).