Das Petroleum durchdrang leider den Boden nicht gleichmäßig, so daß man eine leicht vergasende Flüssigkeit, welche alle Erdporen gleichmäßig durchdrang, erstrebte. Diese schien im Schwefelkohlenstoff gegeben. Derselbe wirkte aber im Übermaß als Wurzelgift; so daß seine Verwendung außerordentlich vorsichtig gehandhabt werden mußte. Ein sicherer Fortschritt in der Reblausbekämpfung lag in dem Bestreben, die Schwefelkohlenstoffgaben so zu bemessen, daß die ungeheuere Vermehrung der Reblaus geschwächt wurde, ohne dabei das Gedeihen des Stockes zu schädigen. Dieses sogenannte »Kulturalverfahren« hat bei einzelnen Bodenklassen, z. B. in dem Muschelkalkgelände des Unstrutgebietes guten Erfolg gezeigt. Bei uns in Sachsen wurde ihm von Anfang an mit Mißtrauen begegnet, um so mehr, als dadurch die vom Staate gewährte Entschädigung für befallene Stöcke in Wegfall kam. Ich bin der Überzeugung, daß bei geeigneten Versuchen für sächsische Verhältnisse ein brauchbares Kulturalverfahren hätte ausgearbeitet werden können. Die von mir auf Brabschützer Flur, gegenüber der Lößnitz, mit Erlaubnis des Ministeriums ausgeführten Versuche mit Schwefelkohlenstoffemulsionen hatten sehr guten Erfolg. Leider stockten diese Versuche, da im Jahre 1907 von der Reichsregierung das sächsische Weinbaugebiet als unheilbar verseucht erklärt wurde, sodaß die sächsische Regierung die kostspieligen Untersuchungs- und Bekämpfungsarbeiten zum größten Teil einstellte.
Abb. 9 Erdbeerkulturen auf früheren Reblausherden
Trotz sorgfältigster Untersuchung und gründlicher Bekämpfung hatte alljährlich die Reblauskalamität wie ein glimmendes Feuer weiter um sich gefressen, so daß nach einem Jahrzehnt die grünen Rebenhänge verschwanden. Öde, mit Unkraut bestandene Geländewunden starrten uns entgegen ([Abb. 8]), denn erst nach einer vier- bis fünfjährigen Quarantänezeit durften die geräumten Herde wieder bepflanzt werden.
Reben wurden aber auch dann nicht wieder angepflanzt, denn die geschädigten Besitzer hatten Lust und Mut verloren; die alten Winzer mit ihren weinbaulichen Erfahrungen starben ab, – und der Weinbau der Lößnitz schien auf immer begraben zu sein. Erdbeer- und Obstkulturen ([Abb. 9]), oft auch Gemüseflächen erhoben sich zwar an Stelle des grünen Rebenkleides, konnten aber das ursprüngliche, an die schönsten Gegenden des Rheines erinnernde Landschaftsbild mit seinem Rebenzauber nicht wieder schaffen. Immer blieben unschöne Ödstellen, die das früher so liebliche Gelände schändeten.
Erst eine neue Bekämpfungsart unter Verwendung amerikanischer Reben als Wurzelunterlage sollte der landschaftlichen Schönheit der Lößnitz wieder aufhelfen.
Überall sieht man schon auf amerikanischer Unterlage veredelte, üppig gedeihende Neuanlagen, so daß wir hoffen dürfen, allmählich die frühere Anmut der Lößnitz wieder erstehen zu sehen. Von tüchtigen Weinbausachverständigen beraten, beginnt auch die Kellerwirtschaft sich zu heben, so daß bei guten Jahren uns ein trinkbarer Tropfen winkt, ein Tropfen, viel viel besser als sein Ruf. Möchten dann die Sklavenketten, mit denen das Ausland uns fesselt, gefallen sein, so daß wir bei funkelndem heimischen Rebensaft frohen Herzens jubeln können:
Heil dem freien Deutschland, heil unserem Sachsenland!
Fußnoten:
[2] Z. B. Weinstuben von Julius Papperitz, Dresden, Scheffelstraße.