Da fing meine Mutter an, sich bitter über mich zu beklagen, und erzählte ihr die Geschichte von meinem Selbstmordversuch und auch, daß ich einmal zehn Mark aus der Schenkkasse gestohlen hätte, die sie nun holen wolle. Doch meine Frau fiel ihr unwirsch ins Wort: „Was Sie mit Eahnera Tochter dahoam g’habt habn, geht mi nix an. Bei mir is sie rechtschaffen und ehrli, und konn i ihr net ’s geringste nachredn!“

Da kehrte sich die Mutter heftig um und eilte hinaus, die Tür krachend hinter sich zuwerfend. Ich aber nahm ein Zehnmarkstück und legte es ihr im Garten auf den Tisch, wo sie vorher gesessen war und gab es ihr mit den Worten: „Da san die zehn Mark. Wenn S’ no was guat habn, na sagn S’ mir’s, daß i’s Eahna gib!“

„Oho! Schneibt’s leicht dir d’Goldstückl, daß d’so rumschmeißt damit?“ rief sie nun halb erstaunt, halb spöttisch. „I hätt di gern wieder dahoam g’habt; aber wenn’s dir so guat geht da, na wirst z’erscht net nauf wolln zu uns!“

„O naa! I wär viel liaber dahoam,“ erwiderte ich und das Weinen stand mir nahe. „Sagn ’s ja alle Leut, daß ’s a Schand is, wenn a so a reiche Bürgersfamilie ihr Tochter zum Deana laßt! I woaß’s bloß net, ob mi mei Frau fortließ.“

„Sonst nix mehr!“ erscholl da neben uns die erzürnte Stimme meiner Frau, die ganz unbemerkt aus der Schenke in den Garten getreten war: „Lenerl, Sie bleibn mir da! Jatz hätt ma amal oane, die was taugn tät, jatz laufat s’ mir nix, dir nix davo! No amal sag i’s, Sie bleibn da!“

Da sah die Mutter wohl, daß ich hier anerkannt und gut gehalten war und sagte, indem sie sich zum Gehen schickte: „Wannst hoam willst, kannst jederzeit kommen; hoffentli bist dahoam aa, wie si’s g’hört!“

Ich sagte es ihr zu und begleitete sie noch bis an die kleine Brücke, die über den Kanal führt. Da faßte sie ganz plötzlich meine Hand, besah meine vernarbten Schnittwunden am Arm und sagte halblaut: „So dumm z’sei! Wia leicht kunntst tot sei und i hätt d’Verantwortung!“

Ich entzog ihr rasch die Hand und rief, mit Gewalt die Tränen zurückhaltend: „Adje, Mutter, i muaß in d’Schenk; grüaßn S’ mir’n Vater! Vielleicht komm i bald!“

Seit diesem Vorfall gefiel es mir gar nicht mehr recht im Dienst, und obwohl ich mir in der kurzen Zeit schon ein neues Kleid, manch schönes Stück Wäsche und noch über hundert Mark bares Geld verdient hatte, sagte ich doch am ersten des folgenden Monats zu meiner Herrschaft: „I möcht wieder hoam. Mi leid’s nimmer da, wenn i woaß, daß mi d’Muatter braucht; und auf Weihnachten wär i halt do liaba bei meine Leut dahoam als wia r in der Fremd!“

Ganz traurig meinte die Frau: „Gehn S’ jetzt wirkli! I konn’s ja gern glaubn, daß si’s Herz wieder zu der Mutter z’ruck verlangt, aber wenn ma solche Aussichten hat, wie Sie, da wär’s wohl besser, ma höret mehr auf’n Verstand als aufs Herz.“