Und Demba verließ, die Beute in der Tasche, die Wohnung, an zwei unnahbaren Herren im Gehrock vorbei, die im Vorzimmer standen und in düsterer Entschlossenheit auf den Fußboden starrten.

Demba jubelte und jauchzte. Es war gelungen. Und ganz ohne Mühe, ganz programmäßig beinahe. Der Anfang war gemacht. Siebzig Kronen! Demba fühlte im Gehen, wie bei jedem Schritt das Kuvert, das den Schatz enthielt, in der Tasche des Mantels knisterte. Siebzig Kronen! Das war zwar nur ein Bruchteil dessen, was er brauchte. Aber er hatte sich bewiesen, daß man die Hände nicht braucht, um Geld zu erwerben. – Es ist nicht leicht, – dachte Demba, – aber es geht. Es geht! Er mußte an einen Menschen denken, einen Agenten aus der Spiritusbranche, den er einmal sich rühmen gehört hatte: ›Heut hab' ich, ohne eine Hand zu rühren, fünfhundert Kronen verdient!‹ Ohne eine Hand zu rühren! Welch eine freche Übertreibung. Sicher hatte er doch das Geld in die Hand genommen, die Brieftasche aus der Tasche gezogen, die Banknoten zusammengefaltet und in die Tasche geschoben. Dann die Quittung unterschrieben und dem Geschäftsfreund die Hand geschüttelt. Und das alles nannte der Mensch: Ohne eine Hand zu rühren. Lächerlich. Wenn er eine Ahnung hätte, wie schwer das in Wirklichkeit ist: Geld erwerben, ohne die Hände zu benutzen! Nein. Ein Kinderspiel ist das wahrhaftig nicht. Man muß die Menschen durch List, durch Überlegenheit des Geistes, durch volle Ausnützung der Situation, durch die Macht des Willens, durch die Gewalt des Auges zwingen, das zu tun, was man von ihnen erwartet. So wie ich jetzt den Gegenbauer gezwungen hab', mir das Geld aufzudrängen, das ich nicht nehmen konnte.

Demba blickte den Leuten nach, die an ihm vorüber gingen und lachte leise in sich hinein. Wenn einer von diesen vielen Menschen Augen hätte, die meinen Mantel durchdringen könnten! Diese alte Dame mit dem eleganten Seidenschirm etwa. Nein, die wäre auch dann nicht gefährlich. Die würde sich schreiend in ein Haustor flüchten und in ihrem Schreck zehn Minuten lang kein Wort hervorbringen. Aber der Herr dort, der sieht energisch aus. Wie ein Hauptmann in Pension. Der würde sofort auf mich losgehen. Ich würde trachten, ihm rasch aus den Augen zu kommen, aber er würde schreien: Aufhalten! Aufhalten!

Wie sich im Nu das Straßenbild verändern würde. Dieser Tumult! Alle wären sie sofort hinter mir her. Keiner würde fliehen. Wenn sie in Massen sind, haben sie Mut. Gar, wenn es gegen einen geht, dem die Hände gefesselt sind. Der Einspännerkutscher dort, der würde sofort vom Bock herunterspringen und mit der Peitsche auf mich losgehen. Und der Mann im Wagen, ein Fremder wahrscheinlich, der wird auch dabei sein wollen, so etwas läßt man sich nicht entgehen. Und der Bäckerjunge wird mit seinem leeren Korb nach mir schlagen und der Konservatorist mit seinem Geigenkasten und der Dienstmann dort wird mir ein Bein stellen, wenn ich an ihm vorbeilauf', die ganze Welt ist gegen mich im Bunde, wenn sie die Handschellen an meinen Händen sieht. Und ich hab' nur einen einzigen Menschen, der zu mir hält, einen einzigen Verbündeten: die Steffi. Nein. Noch einen zweiten: den Schlosserlehrling. Der Narr hilft mir, ohne es zu wissen. Vielleicht schmiedet er gerade jetzt, während ich an ihn denke, den Schlüssel, der am Abend meine Ketten öffnen wird. Und noch einen dritten Verbündeten hab' ich. Den besten: Die alte, brave Pelerine. Die beschützt mich. Die verbirgt mich wie eine Tarnkappe. Niemand sieht mich.

Der Wachmann dort. Wie gutmütig-stupid er aussieht mit seinem dünnen, braunen Backenbart. Er ahnt nichts. Er kümmert sich nur um den Wagenverkehr. Daß kein Auto in eine Elektrische hineinfährt und kein Fiaker in einen Möbelwagen. Wenn der mich durchschauen, nein, wenn der nur einen ganz leisen Verdacht schöpfen würde – ich wäre verloren. Aber er merkt nichts. Er kann nichts merken. Ich werde zum Spaß ganz nahe an ihm vorbeigehen. So! Wenn der Gedanken lesen könnte! Man sollte nur Gedankenleser und Hellseher als Wachleute verwenden. In den Varietés gibt es ihrer genug. Eine gute Idee, wahrhaftig. Irgend jemand sollte im Reichsrat den Antrag einbringen. Oder eine Interpellation: Ist Se. Exzellenz geneigt, an die hohe Polizeidirektion die Weisung ergehen zu lassen, daß künftighin tunlichst –

»Sie, Herr!«

Stanislaus Demba fuhr zusammen. Es war ihm, als hätte er einen Schlag vor die Brust bekommen, dort, an der Stelle, wo das Herz pochte. Die Knie zitterten ihm. Langsam nur vermochte er sich zu fassen. – Ach Gott, wie man nur so leicht erschrecken kann. Lächerlich. Der Wachmann hat ja gar nicht mich gemeint ›Sie, Herr!‹ hat er gerufen, und ich hab' das gleich auf mich bezogen. Weiß Gott, wem das gegolten hat. Wahrscheinlich –

»Sie, Herr!« rief der Wachmann nochmals.

Demba blieb stehen, plötzlich und mit einem Ruck, als ob er zu Stein erstarrt wäre. Das Blut wich aus seinem Gesicht. Die Zähne schlugen aneinander und das Herz pochte ihm bis zum Hals hinauf. – Nein. Täuschung war nicht möglich. Ihm galt der Anruf. Keinem anderen. Und jetzt kam der Wachmann langsam, ganz langsam auf ihn zu –

Unfähig, ein Glied zu rühren, aschfahl im Gesicht, erwartete Stanislaus Demba das Ende seiner Freiheit.