Demba wurde wütend, wenn er nur an Horvath dachte. Manchmal, wenn er bei Beckers seine Lektionen gab, kam Horvath, der im Hause verkehrte, ins Zimmer, grüßte nicht, hörte nachsichtig lächelnd zu, wie Demba den Buben die unregelmäßigen Verba erklärte und ging dann mit überlegenem Lächeln wieder hinaus. Unverschämt! Er kam herein, reichte den Buben, ohne Demba zu beachten, die Hand, zog den einen am Ohr, gab dem andern einen Klaps, fragte, ob »die Ella« zu Hause sei – »die Ella!« Einfach »die Ella« nannte er Fräulein Becker. Aber dem Hauslehrer – dem wird Herr Horvath doch nicht die Hand geben! Der gehört zum Dienstpersonal, siebzig Kronen monatlich und die Jause, der ist Luft für Herrn Horvath. Was ist der Herr Horvath eigentlich so Besonderes! Disponent. Disponent in der Ölindustrie-Aktiengesellschaft, weiter nichts. Kein Hochschulstudium, keine Staatsprüfung, nun also! Und reicht mir nicht die Hand, woher denn. Unter seiner Würde! Demba spürte, wie ihm vor Ärger das Blut zu Kopf stieg.
Nein, nein! Nur ruhig bleiben. Liebenswürdig, freundlich, zuvorkommend sein, sich nichts anmerken lassen von seinem Ärger. Was ging ihn Horvath an? Nichts. Demba hatte sich seinen Plan zurecht gelegt. Er wollte sich zu den jungen Leuten da setzen, so tun, als säße er alle Tage mit ihnen. Wollte an der Unterhaltung teilnehmen, witzige Anekdoten erzählen, amüsant sein, den jungen Mädchen geistvolle Liebenswürdigkeiten sagen; und wenn dann Sonja kam, so sollte sie ihn als gern gesehenen Gast in angeregter Unterhaltung im Kreise ihrer Freunde finden.
Er öffnete vollends die Türe, trat hinter dem Kleiderständer hervor und verbeugte sich nach allen Seiten.
»Guten Abend die Herren! Küss' die Hand den Damen!« Er näherte sich dem Tisch in der Haltung eines geschmeidigen Weltmannes und unwiderstehlichen Charmeurs. »Wünsch' guten Abend den Herrschaften, ich habe die Ehre.«
Die drei Herren unterbrachen ihr Gespräch und sahen verwundert Demba an, der in kotbespritzten Hosen und durchnäßter Pelerine von Regenwasser triefend im Zimmer stand. Er störte. Man war nicht mehr unter sich. Die beiden Damen blickten von der Speisekarte auf und betrachteten Demba mit neugierigen Augen.
»Guten Abend!« sagte Horvath endlich. »Wie kommen Sie her?«
»Ein wenig ausgegangen, ein bißchen Zerstreuung gesucht,« sagte Demba leichthin. »Ein bißchen unter Menschen nach des Tages Arbeit. Ist es erlaubt, Platz zu nehmen oder störe ich vielleicht?«
»Bitte,« sagte Georg Weiner sehr kühl und Demba ließ sich, nachdem er eine Weile unschlüssig umhergeblickt hatte, schüchtern und ungeschickt am Nachbartisch nieder. Dr. Fuhrmann hustete, räusperte sich und drehte sich dann mit seinem Sessel geräuschvoll nach Georg Weiner hin.
»Sag' mir, wer ist der Mensch da?« fragte er ungeniert.
»Einer von Sonjas unmöglichen Bekannten,« gab Weiner leise zurück.