»Ich bin genötigt, Sie um sofortige Aufklärung zu ersuchen.«

»Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie Ihren Rausch aus!« brüllte ihn Dr. Fuhrmann an. »Sie sind ja betrunken! Den Trottel möcht' ich sehen, der sich durch Sie vertreten läßt.«

Vernichtet zog sich Demba auf seinen Platz zurück. Betäubt, müde und mit schwerem Kopf brütete er vor sich hin.

Betrunken. Der Mensch dort hielt ihn für betrunken. Hatte es ihm gerade heraus ins Gesicht gesagt. Demba lachte bitter auf. Sieht mich kaum an und sagt, ich bin betrunken. Hat gar nicht erst aufgeschaut von der Zeitung, sagt einfach, ich bin betrunken. Müßte erst bewiesen werden, verehrter Herr. Wenn ich da auch mitzureden habe, wenn mir ein Urteil in dieser Sache gütigst gestattet ist – bin bei Gott noch niemals so nüchtern gewesen, wie jetzt. Weiß alles, was vorgeht, seh' alles ganz genau, nichts entgeht mir. Werde Ihnen sofort beweisen. Eine Fliege hat sich auf Ihren Teller gesetzt, verehrter Herr. Sehen Sie, nichts entgeht mir. Beobachte alles haarscharf. Das dort ist Weiners Überzieher, aus der Tasche schaut die Zeitung heraus, – zweimal gefaltet – sehe alles. Belieben den untersten Westenknopf offen zu haben, Herr Horvath – paßt sich nicht in Damengesellschaft – sehe alles. Müßte doch erst wohl bewiesen werden. Muß die Herren doch drüber aufklären. Betrunken! Werde einmal rückhaltlos meine Meinung sagen. Was glauben Sie, verehrter Herr! Was reden Sie da, verehrter Herr! Betrunken! Da muß ich denn doch –

Demba stand auf und ging auf den Nebentisch zu. Er zielte haarscharf auf die rechte Tischecke, setzte sorgfältig Schritt auf Schritt und landete wirklich ohne Zwischenfall neben Dr. Fuhrmann.

»Bitte um Entschuldigung, wenn ich Sie in der Lektüre störe,« begann er und beugte sich zu Dr. Fuhrmann hinab. »Steht ohnedies nichts in der Zeitung. Generalversammlung des Jagdverbandes. Militärischer Zapfenstreich. Ein seltenes Jubiläum. Ein Selbstmord in der Babenbergerstraße. – Weiß alles. Muß gar nicht hineinsehen. Steht aber doch nicht alles in der Zeitung.« – Demba lachte gut gelaunt in sich hinein. Der Gedanke, daß nicht immer alles in der Zeitung stand, machte ihm großen Spaß.

»Was wollen Sie schon wieder?« fragte Dr. Fuhrmann.

»Möchte Ihnen nur sagen –,« erklärte Demba. Er räusperte sich und begann von neuem: »Ich lege Wert auf die Feststellung –.« – Die Übelkeit im Magen machte sich wieder fühlbar. Er verspürte ein Sausen in den Ohren, einen Druck in den Schläfen und die Gasrohre schwankten auf beängstigende Art über seinem Kopf. Er fand, daß er nicht sicher genug stand und lehnte sich kräftig mit dem Rücken an einen Sessel. So. Jetzt war ihm besser.

»Möchte nur feststellen –,« begann Demba nochmals, aber da gab der Sessel nach und stürzte um. Das Handtäschchen der Schauspielerin fiel zu Boden und hundert Kleinigkeiten, Geldmünzen, ein Notizbuch, eine Spule Zwirn, ein kleiner Spiegel, Zigaretten, ein Schildpattkamm, zwei Bleistifte und ein kleiner Teddybär verliefen sich über den Fußboden.

Demba gelang es, sich auf den Beinen zu erhalten. Er fand einen Rückhalt an der massiven Tischplatte. – Betrunken? Unsinn. Er sah alles; er beobachtete alles. Dort lag das Notizbuch. Das Fünfkronenstück war hinter den Kleiderständer gerollt.