Die Wärter lachten. Unwirsch stieß ihn einer zurück.
Mit seinem letzten Blick fing Jürgen noch das Lächeln des Sträflings auf, der damit den Wärtern gegenüber seinem mißglückten Fluchtversuche die Ernsthaftigkeit nehmen wollte. Und dieses bebende Lächeln schien Jürgen das Grauenvollste von allem zu sein. Die schwere Tür drückte ihn hinaus.
Geblendet stand er im Sonnenschein. Ging langsam weiter. Neben ihm tappte, Hinterteil und Schwanzstumpf kläglich eingezogen, der Schnauz. Jürgen hob ihn auf. „Etwas muß der Mensch doch in den Armen haben.“ Der zitternde Hund bohrte, stürmisch drängend, seinen Kopf unter Jürgens Rock.
‚Wieviel Städte gibt es? Und wieviel Gefängnisse in jeder Stadt? Wieviel Zellen in jedem Gefängnis? ... Und in jeder Zelle ein Mensch! In jeder Zelle das, was von einem Menschen übriggeblieben ist! Hunderttausende Menschenreste! Und in der einen Zelle dort hinten einer, der weiß, daß ihm morgen früh – um fünf? um sechs? um viertelsieben? er weiß die Minute nicht, weiß sie nicht – der Kopf abgeschlagen wird! ... Kultur!‘
Die Machtlosigkeit zog alles Blut aus Jürgens Adern und setzte sich als dunkler Druck unter das Brustbein. ‚Diese Bestien! ... Aber wer ist schuld? Der Gefängnisdirektor? Der Richter? Der Staatsanwalt? Oder gar die Gefangenen? ... Sie so wenig wie der Steinbrucharbeiter, der die Steine bricht, und wie der Maurer, der sie zum Gefängnis fügt, und nicht mehr als diese der Schlosser, der vor das Zellenfenster das Eisengitter einzementiert, hinter welchem den Klassengenossen das Leben vergeht. Es gibt keinen Verantwortlichen ... Der Staat? Der Staat ist ein Machtinstrument gegen die menschliche Gemeinschaft. Ist keine Person. Du findest im bürgerlichen Staate keinen Verantwortlichen. Du greifst in die Luft ... Die Ordnung der Dinge, sie ist schuld.‘
Auf dem Tische lag wieder ein Brief von der Tante. Er schob ihn ungelesen weg. Auch als Katharina schon zurückgekommen war – Jürgen hatte den Fußboden geschruppt, ein Buch verkauft, für das Geld ein paar Blumen gekauft, das kniehohe, eiserne Glühteufelchen geheizt, denn es war an den Abenden schon kühl –, lag der Brief noch ungeöffnet zwischen den Papieren.
Der Schnauz war wieder heiter geworden. Den Winter über schrieb Jürgen Artikel für das Arbeiterblatt, hielt sozialwissenschaftliche Vorträge im Bildungskurs, sprach in Versammlungen. Die Kollegs besuchte Jürgen unregelmäßig.
So lebte er in seinen sechsundzwanzigsten Frühling hinein, ohne irgendwelche Beziehungen zu seinem früheren Leben, auch innerlich durch nichts mehr gefesselt an die Erlebnisse in seiner Jugend. Denn in dieser Zeit überfielen ihn auch die Angstträume nicht mehr, wie früher fast jede Nacht, da der Vater, die Professoren, die Tante machtstrotzend ihn angeblickt hatten und er, der Erwachsene, als Kind bebend in der Zimmerecke gekauert war, ohnmächtig ausgeliefert; andere Träume, von Jürgen bisher nie erlebt, schoben sich ein. Kampfträume, aus denen er siegreich und erfrischt hervorging.
Aber erst nach der Nacht, da er im Traume, anstatt in Angst zu erbeben, auch dem Vater ins Gesicht gelacht und des Vaters Hand mit dem drohend deutenden Zeigefinger furchtlos zur Seite geschleudert hatte, war dessen Macht ganz gebrochen gewesen. Erst nach diesem Erwachen hatte Jürgen ganz sicher gewußt, daß alle Ungeheuer seiner Jugend und Erziehung völlig überwunden waren. Nie mehr war im Traume der Vater erschienen.
‚Jetzt erst entscheidet nicht mehr ein fremder Wille in mir meine Handlungen. Und dazu mußte ich sechsundzwanzig Jahre alt werden ... Jetzt keuche ich einen anderen endlosen Berg hinauf; aber ... ich selbst, ich selbst keuche ihn hinauf. Ich selbst habe mich dafür entschieden, frei entschieden, diesen Weg zu gehen; nicht das Fremde in mir zwingt mich.‘