‚Es denken und fühlen die allermeisten Menschen bis zu ihrer Todesstunde Gedanken und Gefühle, die nicht sie selbst denken und fühlen: es begehen die allermeisten Menschen bis zu ihrer Todessekunde Handlungen, die nicht sie selbst tun; die Summe der Ermordungen, an ihrem Wesen verübt von den Autoritäten, dieser Zwingherren der Seele, denkt, fühlt, handelt.‘
Noch nach Jahren erinnerte Jürgen sich jenes Morgens, da er zum ersten Male die ruhige Sicherheit empfunden hatte, durch nichts Fremdes mehr vergewaltigt, sondern ganz und gar Selbstherrscher seines Gefühlslebens zu sein. Dieser Wendepunkt seines Daseins war begleitet gewesen von der unbegreiflich lastlosen Empfindung, seine Vergangenheit liege nicht mehr hinter ihm, sondern vor ihm.
Kopf in die Linke gestützt, war er seitwärts am Schreibtisch gesessen, mit dem Blicke zur Verbindungstür, und hatte gedacht: Von nun an gibt es für mich keine Abwälzung der Verantwortung mehr durch den Hinweis auf die in Kindheit und Jugend empfangenen Wunden. Es können neue Wunden mir geschlagen werden von der Umwelt; aber alte Wunden für mein künftiges Tun und Unterlassen verantwortlich zu machen, geht nicht mehr an. Ich stehe am Anfang meines Ich. Um so gewaltiger die Verantwortung! Wie ungeheuer wäre der Verrat erst solch eines Menschen, der sein gewonnenes Ich verkaufen würde um des Lebensgenusses willen, angesichts allein nur der einen Tatsache, daß jene hunderttausende Gefangenen nur ein einziges winziges Feld des millionenfeldigen Schachbrettes der Leiden füllen!
Kindergeschrei im Hofe. Frühlingssonne, die den letzten Rest des schmutzigen Altschnees schmolz. Aus der lecken Dachrinne fielen in Pendelregelmäßigkeit die schweren Tropfen, blitzten vorbei an Jürgens Fenster und platschten in die Pfütze. Im Zimmer nebenan klapperte die Maschine. Katharina arbeitete. Sie arbeitete immer.
Auch Jürgen trug in sich das Gefühl, daß in einer Lebensordnung, in der fast jeder Genuß des einen nur auf Kosten eines anderen zu gewinnen sei, der Sozialist alles, was er an Leben gewönne, nur auf Kosten seiner Hingabe an die Idee gewinnen könne.
‚Aber was ist Pflicht? habe ich als Abiturient die Tante gefragt ... Wir stecken, zusammen mit den Entrechteten, tief unten in der Spitze, in der tiefsten Tiefe eines gewaltig großen Trichters. Oben ist der Trichter erdenbreit, oben ist das Leben. Und nur zusammen mit den Entrechteten dürfen wir vorwärtsschreiten, nach oben, wo das Leben ist. Das Bewußtsein, dieses Bewußtsein ist alles. Weh dem, der seine Pflicht verletzt; der die verläßt, die in schweren Leiden und Kämpfen nur in qualvoll langgezogener Spirale aufwärts zu gehen vermögen, im millionenfältigen Schritt der Massen ... Jetzt weiß ich, was Pflicht ist.‘
Wenn Jürgen zurückdachte an den Abend, da er, Kopf in die Linke gestützt, diese Gedanken gedacht hatte, schien es ihm, als sei erst eine Woche vergangen.
Im Bildungskurs immer die selben Gesichter, die selben Fragen und Einwände. Der Verlauf der Versammlungen immer der selbe. Ein halbgewonnener Streik. Einer, durch den eine winzige Lohnerhöhung erkämpft worden war. Und wieder ein verlorener Streik. Dazwischen eine Demonstration. (Der Agitator und einige Genossen waren verhaftet worden.) Bildungskurs. Versammlungen. Kämpfe kleiner und kleinster Art. Enttäuschungen. Und wieder Bildungskurs. Versammlungen.
Ein Tag wie der andere, und alle grau. Die Zeit flog, entschwand seinem Gefühle so schnell, als ob sie stehe, gar nicht vergehe. Es gab kein Ereignis, von dem, erinnernd, er hätte sagen können: das erfrischte mich. Es war, als ob seither erst ein Tag vergangen wäre, der in rasender Schnelligkeit sich selbst immer wieder einhole und so Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fresse.
So stand er in der immer gleichen Grauheit des immer gleichen Tages.